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Stadthagen Stadt Gutachterin hält Kevin R. für voll schuldfähig
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Gutachterin hält Kevin R. für voll schuldfähig
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00:20 01.04.2019
Quelle: mt
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Stadthagen/Hille

Gut bürgerlich aufgewachsen, ehrenamtlich bei der Feuerwehr und im Schützenverein, Leiter katholischer Jugendgruppen: Kann solch ein Mann zum mehrfachen Mörder werden? Diese Frage beschäftigte gestern die Prozessbeteiligten am Landgericht Bielefeld, wo seit September der Dreifachmord in Hille verhandelt wird.

Angeklagt sind der 52-jährige ehemalige Fremdenlegionär Jörg W. und der 24-jährige Zeitsoldat Kevin R. Sie sollen drei Männer aus Habgier getötet haben. Gestern stellte die forensiche Psychiaterin Dr. Nahlah Saimeh die Ergebnisse ihrer Begutachtung von R. vor.

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Die Expertin ist aufgrund des Gesprächs mit dem Angeklagten am 7. Januar der Auffassung, dass der 24-Jährige nicht psychisch krank ist. Sie schätzt ihn als voll schuldfähig ein. Auch eine Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen könne sie ausschließen. Sie habe einen äußerlich gepflegten, jungen Mann getroffen, der sehr höflich und manierlich gewesen sei. „Eine gewisse bürgerliche Erziehung ist ihm anzumerken“, so Saimeh. Trotz einer möglichen langen Haftstrafe sei er jemand, der Zuversicht ausstrahle.

Ein gewisser militärischer Stil sei dem 24-jährigen anzumerken, schilderte die Psychologin ihre Beobachtungen. R. habe im Gespräch eine militärische Hab-Acht-Stellung eingenommen, seine Antworten kamen abgehackt. „Als ob er eine Meldung machen wollte.“ Kevin R. habe auf sie weder dominant noch gereizt gewirkt. Auch eine Selbstmordneigung schließt die Gutachterin aus.

Saimeh zeichnete das Bild der „ganz normalen Biografie“ eines durchschnittlich intelligenten jungen Mannes. Er sei in einem geordneten Milieu aufgewachsen und bis zu seiner Festnahme nicht vorbestraft gewesen. Eine in der Kindheit diagnostizierte ADHS-Symptomatik habe sich herausgewachsen und bestehe nicht mehr.

Vor allem das vielfältige ehrenamtliche Engagement des Angeklagten lasse darauf schließen, dass er sehr aktiv und gesellig ist, aber auch eine gewisse Führung und Strukturen schätzt. „Er möchte als jemand wahrgenommen werden, der hilfsbereit ist und gern anpackt“, erklärte Saimeh und attestierte dem 24-Jährigen narzisstische Züge.

Den jugendlichen Kevin R. habe das Verhalten von Jörg W. beeindruckt, der ihn als vollwertigen Erwachsenen angesehen habe. Psychisch abhängig sei Kevin R. von seinem Ziehvater allerdings nicht gewesen, betonte die Gutachterin.

Während der Befragte im Gespräch bemüht gewesen sei, ordentlich und akkurat zu erscheinen, sei er gleichzeitig emotional unverbindlich geblieben. „Teilweise wirkte er fassadenhaft“, so Saimehs Eindruck. Nur als er auf den Leichengeruch zu sprechen kam, sei er emotional beteiligt gewesen.

Die Beziehung zu Jörg W. auf dem Hof in Neuenbaum bezeichnete die Psychiaterin als eine soldatische Männerfreundschaft. Die beiden hätten dort in der „Blase eines militärischen Abenteuerspielplatzes“ gelebt. Kevin R. habe sich von dem älteren Jörg W. angenommen gefühlt. Fotos, auf denen die beiden mit Goldketten um den Hals posieren, zeigten die Sehnsucht nach Abenteuer und Coolness.

Auch die Bilder, die W. und R. beim Ausheben der Gräber zeigt, belegen diese Annahme. Es sei eine „Ein Mann, ein Wort“-Freundschaft gewesen. Die Gemeinsamkeiten scheinen aktuell allerdings aufgebraucht, denn die beiden Angeklagten würdigen sich im Gerichtssaal keines Blickes.

R. eifert W. nach

Die Frage, ob Kevin R. zu weiteren Gewalttaten neige und daher eine Sicherungsverwahrung in Betracht komme, konnte die Expertin nicht final beantworten. Würden die Angaben von Jörg W. stimmen, dass R. die drei Morde begangen hat, habe der 24-Jährige einen Hang zum Töten. Wenn er, wie er selber sagt, nur beim Beseitigen der Leichen geholfen habe, gebe es diese Neigung nicht – selbst dann nicht, wenn er an der Tötung von Fadi S. beteiligt war.

Ohne die besondere Männer-Freundschaft wäre Kevin aber auch gar nicht in diese Situation gekommen, meint Saimeh. Er sei ein Mensch, der jemandem nacheifert, den er als Vorbild ansieht.

Schwer vorstellbar war das geschilderte Männerbündnis für den Vorsitzenden Richter, dem sich Kevin R. in einer „erschütternd konventionellen Harmlosigkeit“ darstelle. Kein Widerspruch, meint die Gutachterin. R. sei in der Lage, sich den unterschiedlichen Rahmenbedingungen entsprechend zu verhalten.

Der Prozess wird am Freitag, 5. April, um 8.30 Uhr fortgesetzt. Die Verteidiger von Jörg W. haben für den 21. Prozesstag sechs Beweisanträge angekündigt.