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Stadthagen Stadt Heinz Meier einer der letzten Patienten
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Heinz Meier einer der letzten Patienten
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00:18 02.12.2017
Heinz Meier muss in Vehlen weiter behandelt werden. Die 20-minütige Überfahrt in die neue Klinik übersteht der 82-Jährige problemlos. Quelle: rg
Stadthagen

Im Durchgangsflur zur zentralen Notaufnahme fällt es schwer, den Überblick zu bewahren. Während im übrigen Klinikum Umzugskartons, Rollatoren und Krankenbetten in verwaisten Gängen auf ihre Abholung warten, konzentriert sich an diesem Vormittag scheinbar der gesamte Krankenhausbetrieb in dem nicht einmal 20 Quadratmeter großen Flur.

Beinahe im Minutentakt schieben Krankenschwestern Patientenbetten über den grauen Linoleum-Fußboden in den Durchgang. Aus den Rettungswagen des DRK, die draußen vor den Türen des Krankenhauses Schlange stehen, kommen Tragen hinzu, auf die die Patienten für ihren Transport umgebettet werden sollen. Die eisige Novemberluft weht den beißenden Geruch von Desinfektionsmittel ins Gebäude, mit dem die Helfer die Liegen für ihren nächsten Einsatz gereinigt haben.

Am Mittwoch, 29. November, wurde im Stadthäger Kreiskrankenhaus der Betrieb eingestellt. In diesem Zuge mussten auch 59 Patienten ins neue Klinikum nach Vehlen umquartiert werden, die bis zuletzt im Stadthäger Krankenhaus versorgt wurden. Einer von ihnen, die im Getümmel des Durchgangsflures in einen der Krankenwagen gehoben werden, ist Heinz Meier aus Bad Nenndorf.
Der 82-Jährige war vor zwei Wochen in seinem Bad ausgerutscht und hatte vorübergehend das Bewusstsein verloren. Als er wieder zu sich kam, bemerkte Meier starke Schmerzen in seinem Bein. Er hatte sich bei seinem Sturz einen Bruch zugezogen.

Das Ende seines Aufenthaltes im Stadthäger Krankenhaus hatte sich der Renter allerdings anders vorgestellt. Nach der Behandlung in Stadthagen hätte er doch lieber zurück nach Hause gewollt, anstatt in das neue Klinikum umziehen zu müssen. Schließlich sei dieses für seine Freunde und Verwandten aus Bad Nenndorf noch schlechter zu erreichen als die vorherige Unterkunft. Letztlich nimmt Meier den Umzug jedoch mit Humor. „Ist doch auch mal wieder schön, andere Tapeten zu sehen.“

Ungewöhnliche Situation

Im Gegensatz zu vielen anderen Patienten kann sich der 82-Jährige diese Gelassenheit erlauben. Für die Dauer der Überfahrt wird Meier zwar künstlich mit Sauerstoff versorgt, die Strapazen der 20-minütigen Fahrt bringt der Bad Nenndorfer jedoch ohne Probleme hinter sich. Das macht die Arbeit auch für den Rettungssanitäter Sören Ludolf und seinen Kollegen Cord Tielking leichter, für die es bereits die zweite Fahrt nach Vehlen an diesem Tag ist.

Erst kurz davor haben die beiden Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes einen Patienten von der Intensivstation ins neue Klinikum gebracht und dafür so viel Zeit gebraucht, wie ihre Kollegen für zwei Transporte. Auch für sie ist der Umzug eines gesamten Krankenhauses eine ungewöhnliche Situation.

Die Zeit bei der Überfahrt mit Heinz Meier dagegen vergeht quasi im Flug. Sören Ludolf, der sich neben die Trage des Bad Nenndorfers im hinteren Fahrzeugteil gesetzt hat, kommt mit dem Patienten unter anderem über dessen Berufslaufbahn ins Gespräch. Und Meier beginnt bereitwillig zu erzählen. Von seiner Jugendzeit in Ohndorf, der Arbeit im Fernmeldeamt, den Stunden in der Abendschule, seiner Stelle bei der Rentenversicherung und nicht zuletzt von seiner Frau, mit der er in diesem Jahr 55 Jahre verheiratet ist – und schon kommt der Rettungswagen auf dem Parkplatz des neuen Klinikums in Vehlen zu stehen und Meier wird von einem Spalier an Krankenhaus-Mitarbeitern in Empfang genommen. „Wir sehen uns drüben“, hatten sich die Klinik-Kräfte von dem Patienten in Stadthagen verabschiedet. Viele von ihnen wird er in Vehlen in den kommenden Wochen wiedersehen.

Für Sören Ludolf und Cord Tielking geht es nach einer kurzen Stärkung zurück nach Stadthagen. Bis zu sechs Patienten sollen die DRK-Mitarbeiter an diesem Tag ins neue Klinikum bringen. Als die beiden kurz nach 12 Uhr erneut im Durchgangsflur zur zentralen Notaufnahme ankommen, hat sich die Lage dort bereits weitestgehend entspannt. Von ursprünglich 59 Patienten sind mittlerweile nur noch 15 vor Ort. Als Letztes soll nun noch die Unfall-Chirurgie geräumt werden. Spätestens dann ist das Stadthäger Krankenhaus Geschichte. lht

Kommentar

Von Marc Fügmann

Gut aufgestellt

Kein Thema hat die Schaumburger seit der Gebietsreform in den 1970er Jahren so bewegt und die Gemüter derart erhitzt wie das neue Klinikum. Es ging von Anfang an um mehr als nur um ein riesiges Bauvorhaben. Das Mammut-Projekt war – und ist sicher teilweise noch immer – für die Bevölkerung mit vielen sehr nachvollziehbaren und begründeten Sorgen und Ängsten verbunden: Bekomme ich weiterhin die medizinische Hilfe, die ich brauche? Und das schnell und gut erreichbar?

Auch für die Beschäftigten war der Entstehungsprozess mit Schmerzen verbunden: Sie mussten sich auf neue Kollegen und ein verändertes Arbeitsumfeld einstellen, wussten lange nicht, ob sie ihren Job behalten würden, und wenn, unter welchen Bedingungen.

Allen Unkenrufen zum Trotz ist Schaumburgs neues Zentralkrankenhaus nun doch fertig geworden – innerhalb eines, gemessen an der Größe des Vorhabens, völlig akzeptablen Zeitrahmens. Die Kritiker der oft so gescholtenen „Sumpfklinik“, die bei jeder noch so kleinen Verzögerung ebenso reflex- wie stammtischartig einen Vergleich zum Berliner Großflughafen gezogen haben, dürften schnell verstummen.

Natürlich wird in den nächsten Monaten noch nicht alles rund und reibungslos laufen. Die Eröffnungs-Euphorie wird irgendwann einen Dämpfer bekommen, die Stimmung auch mal getrübt sein. Und es wird noch eine Weile dauern, bis Patienten, Angehörige und Beschäftigte nicht mehr mit dem   neuen   Standort   fremdeln.  Am Endewird sich alles zurechtruckeln.

Die Entscheidung, aus drei kleinen, sichtlich in die Jahre gekommenen, wirtschaftlich und medizinisch nicht mehr konkurrenzfähigen Häusern ein großes zu machen, war richtig. Der ländliche Raum steht vor gewaltigen Herausforderungen. Regionen, die sich erfolgreich für die Zukunft rüsten wollen, brauchen eine leistungsfähige Infrastruktur. Eine zeitgemäße Gesundheitsversorgung ist dabei eine entscheidende Säule neben digitaler Wettbewerbsfähigkeit, guten Schulen und Verkehrsanbindungen.

 Angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung ist es immens wichtig, nicht nur ein flächendeckendes Netz von Allgemeinmedizinern und Fachärzten vorzuhalten, sondern auch ein Schwerpunkt-Krankenhaus, dessen Leistungsspektrum über die bisherige Regelversorgung der drei kleinen Krankenhäuser hinausreicht.
 Nur ein konkretes Beispiel dafür, dass das neue Klinikum das Zeug dazu hat, ein Gewinn für die Menschen in Schaumburg zu werden: In Deutschland erleiden jährlich mehr als 270 000 Menschen einen Schlaganfall. Tendenz rapide steigend. Betroffene in Schaumburg konnten bislang nicht fachgerecht im eigenen Landkreis versorgt werden. Sie mussten nach Minden, Hameln oder Hannover gebracht werden. In Zukunft kann ihnen hier geholfen werden.