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Stadthagen Stadt Hiller Dreifachmord: Gericht weist weitere Beweisanträge ab
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Hiller Dreifachmord: Gericht weist weitere Beweisanträge ab
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22:26 08.07.2019
Das Urteil im Hiller Dreifachmord-Prozess soll nun doch wie geplant am 19. Juli fallen. Quelle: dpa
Hille/Bielefeld/Stadthagen

Als Anwalt Christian Thüner die Bilder hochhält, die die Angeklagten beim Ausheben eines Grabes zeigen, rollen bei seiner Mandantin Renate K. die Tränen. Es ist das erste Mal, dass sie die Fotos sieht, die Jörg W. und Kevin R. von sich gemacht haben, als sie die Grube geschaufelt haben, in der sie ihre Opfer Gerd F. und Jochen K. verscharrten. „Es ist alles wieder hochgekommen“, sagt Renate K. Die Gefühlskälte der beiden mutmaßlichen Mörder sei für sie kaum zu ertragen.

Nach gut zehn Monaten lehnte das Gericht gestern die noch ausstehenden Anträge der Verteidigung ab und schloss die Beweisaufnahme. Die Anwälte von Jörg W. und Kevin R. hatten ein Gutachten mittels 3-D-Technik gefordert. Es solle Aufschluss darüber geben, wer für die tödlichen Schläge auf den Kopf des Stadthägers Fadi S. verantwortlich ist, so die Begründung.

Den Antrag auf Vernehmung eines weiteren Zeugen, von dem Jörg W. 2011 die Summe von 120.000 Euro bekommen haben soll, lehnte das Gericht als bedeutungslos ab. Somit war vor dem Landgericht Bielefeld der Weg frei für die Plädoyers.

Gemeinschaftlicher Mord aus Heimtücke

Zunächst bekam die Staatsanwaltschaft das Wort. Christopher York hatte sein Plädoyer bereits im April gehalten, dann war das Gericht aber erneut in die Beweisaufnahme eingestiegen. Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslange Haftstrafen für die beiden Angeklagten. York blieb auch bei seiner Forderung der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld für den 25-jährigen Kevin R. und den früheren Fremdenlegionär Jörg W. (52).

Bei dieser Höchststrafe wäre eine vorzeitige Haftentlassung so gut wie ausgeschlossen. Bei dem älteren der beiden Angeklagten soll das Gericht zudem die nachträgliche Sicherungsverwahrung prüfen. Sowohl Jörg W. als auch Kevin R. hätten sich des gemeinschaftlichen Mordes aus Heimtücke strafbar gemacht, rechtfertigt der Staatsanwalt das hohe Strafmaß und die anschließende Sicherheitsverwahrung. Ein weiteres Mordmerkmal, das Jörg W. belastet, sei Habgier.

Es bestehe kein Zweifel daran, so Nebenklage-Anwalt Christian Thüner, dass die beiden Angeklagten die Tat zu verantworten hätten. Dafür spreche zum einen der Handy-Chat, in dem Jörg W. am 26. August 2017 schrieb: „Wir müssen noch etwas machen.“ Nur 14 Sekunden später antwortete Kevin R. „Warum? Wir machen das schon.“

Diesen Abend habe Jochen K. nicht überlebt, so Thüner. Einen Tag später eine weitere Nachricht von Jörg W. an seinen Ziehsohn: „Doris weiß jetzt Bescheid. Alles bestens.“ Am 8. September schließlich die Nachricht von Kevin R. an Jörg W.: „Morgen buddeln.“ Von den immer wieder geschilderten Ängsten des 25-Jährigen vor seinem Ziehvater könne demnach ja wohl keine Rede sein, so Thüner.

Fadi S. bewusst getäuscht

Bevor sich der Anwalt den Forderungen der Staatsanwaltschaft anschloss, zeigte er die Bilder, die auch ihm noch lange Zeit im Gedächtnis bleiben würden. Etwa hüfttief stehen Jörg W. und Kevin R. in der Grube, halten einen Spaten in der Hand und lachen in die Kamera, während der jeweils andere die Aufnahme macht.

Die beiden Rechtsanwälte, die die Familie des getöteten Libanesen Fadi S. verteidigen – Assal Pezeshkian und Samir Omeirat – schlossen sich ebenfalls der Staatsanwaltschaft an, fordern außerdem für beide Angeklagte die nachträgliche Sicherungsverwahrung. Sie seien gefährlich für die Allgemeinheit und die Prognose für weitere Morde sei hoch, so die Begründung.

Für viele sei Fadi S. im Prozess nur ein Name geblieben, aber den Angehörigen sei es ein Bedürfnis mitzuteilen, was für ein Mensch der zweifache Familienvater war, sagte Omeirat und ging auf die Biografie des 30-jährigen Stadthägers ein. Der Anwalt schilderte das Leid der Angehörigen und sprach die vermeintliche Geschäftsbeziehung zwischen dem gelernten Maurer und dem Hilfsarbeiter aus Hille an.

Bei der bewussten Täuschung von Fadi S. hätten sowohl Jörg W. und Kevin R. als auch Doris W. ihre Rollen gespielt. „La Familia – bis in den Tod“, zitiert Omeirat aus einem Handy-Chat. Heute wisse man, dass der Zusammenhalt nicht einmal bis zur Anklagebank gereicht hätte.

Der Prozess wird am Freitag, 12. Juli, mit den Schlussvorträgen der Verteidiger fortgesetzt. Das Urteil soll am 19. Juli fallen. von Stefanie Dullweber

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