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Stadthagen Stadt Hiller Dreifachmord: Weg vom „Chaos-Hof“
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Hiller Dreifachmord: Weg vom „Chaos-Hof“
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23:02 23.05.2019
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Symbolbild Quelle: Archiv
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Hille/Bielefeld/Stadthagen

Damit sich das Verfahren nicht noch mehr in die Länge zieht, setzt Zimmermann den Verteidigern eine Frist für neue Beweisanträge. Diese endet mit dem nächsten Verhandlungstag am 14. Juni.
Die Verteidigung des Angeklagten Jörg W. hatte beantragt, einen Soldaten aus Duisburg als Zeugen zu hören, der zusammen mit dem zweiten Angeklagten Kevin R. in der Kaserne in Husum stationiert war. Angeblich soll Kevin ihm gegenüber gesagt haben, dass er Gerd F. „weggeklatscht“ habe, um in dessen Haus einzuziehen. Doch der Zeuge bezeichnete ihn als einen „lieben Kerl“. Der 29-jährige Soldat bestätigte gestern vor dem Bielefelder Landgericht zwar, dass Kevin irgendwann ein Haus bekommen sollte. Allerdings sei von einem späteren Erbe die Rede gewesen.

Der Duisburger zeichnete das Bild eines tollpatschigen und hilfsbereiten jungen Mannes, auf den man sich verlassen konnte. Kevin R. sei der Ex-Freund seiner Schwester und über Monate bei seiner Familie ein- und ausgegangen. „Von uns kann sich niemand vorstellen, dass Kevin jemanden weggeklatscht hat“, sagte der Soldat.

Nach der Festnahme von Jörg W. sei Kevin R. zurück nach Duisburg gekommen und hätte ihm, seiner Schwester und seiner Mutter von dem Mord an Fadi S. erzählt. Der Jörg habe jemanden getötet, so Kevin. Er habe daneben gestanden, als Jörg mit dem Hammer ausholte und zuschlug. Aus Angst vor Jörg sei er nicht zur Polizei gegangen. Laut dem 29-Jährigen seien die Schilderungen seines Kollegen authentisch gewesen.

„Ich wollte nichts mehr mit denen zu tun haben“

Als weiteren Zeugen hatte das Gericht einen 48-jährigen Mindener geladen, der zusammen mit Jörg und Doris W. von Duisburg nach Hille gezogen war und bis 2015 auf dem Hof der Familie in Neuenbaum lebte. Dann habe es ihm gereicht. „Ich wollte nichts mehr mit denen zu tun haben“, sagte der Zeuge gestern. Das Anwesen an der Frotheimer Straße bezeichnete er als „Chaos-Hof“, auf dem vieles angefangen, aber nichts zu Ende gebracht wurde. Er habe sich wie ein besserer Knecht gefühlt und sei auch so behandelt worden.

Genau wie Jochen K. habe er nur ein Zimmer gehabt – für Kost und Logis 400 Euro im Monat abgedrückt. Ihm sei in Aussicht gestellt worden, dass weitere Räume für ihn ausgebaut werden, aber dazu sei es nicht gekommen. Weder zu den finanziellen Verhältnissen der Familie noch zu dem Mordopfer Jochen K. konnte der Zeuge Angaben machen, die dem Gericht noch nicht bekannt waren.

Wie viele andere Zeugen zuvor, berichtete auch der 48-Jährige von den Schwärmereien Jörg Ws. von der Fremdenlegion. Wenn dieser getrunken hatte, habe er immer irgendein französisches Lied gesungen. „Und wenn Jörg abends mal wegging, war er meist hackedicht“, so der Mindener. Ihn selbst habe es gewundert, dass Kevin R. zu der Familie auf den Hof zog, denn dessen Eltern hätten das gar nicht gerne gesehen.

Freundschaftliches Verhältnis zu Jörg W. und Kevin R.

Zu den Absichten von Kevin R. mit dem Haus von Gerd F. äußerte sich der dritte Zeuge – der ehemalige Lebensgefährte einer Nachbarin. Er selber, sagte der 50-jährige Löhner, habe nie in Neuenbaum gewohnt, sei aber häufiger bei der Familie W. eingeladen gewesen und hätte ein freundschaftliches Verhältnis zu Jörg W. und Kevin R. gehabt.

In einem Gespräch Ende 2017 habe Kevin R. ihm erzählt, dass er ein Haus in der Nachbarschaft geerbt habe. Weil er selbst einen Raum für Kfz-Arbeiten suchte, habe Kevin R. ihm angeboten, die Scheune des Hauses zu mieten. Überhaupt hätten sich die beiden viel über Autos ausgetauscht, weil Kevin R. überlegte, sich einen Sportwagen anzuschaffen.

Kevin R. sei ein aufstrebender Typ gewesen, der sich hocharbeiten wollte, schilderte der Löhner seine Eindrücke. Er wollte bei der Bundeswehr an Auslandseinsätzen teilnehmen und habe sich auch körperlich fit gehalten, um am Drexlauf in Neuenbaum teilzunehmen. Er habe, so der 50-Jährige weiter, seine Hilfe bei den Umbauarbeiten am Haus von Gerd F. angeboten – aber dazu sei es dann nicht mehr gekommen.

Für den nächsten Verhandlungstag am Freitag, 14. Juni, hat das Gericht – auf Antrag der Verteidigung von Jörg W. – drei weitere Zeugen geladen. Zum einen sagt ein Paar aus der Nachbarschaft aus, das angeblich bezeugen kann, dass Kevin R. im Sommer 2017 damit geprahlt hat, dass er zu viel Geld gekommen sei. Zum anderen sagt eine junge Frau aus, die eine Reitbeteiligung auf dem Hof der Familie W. hatte. Sie soll laut den Verteidigern mitbekommen haben, wie Kevin R. erzählt hat, dass er den Hof von Gerd F. übernimmt – auch schon vor dessen Tötung.

Von Stefanie Dullweber