Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Stadthagen Stadt Hiller Morde: Alles auf Anfang?
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Hiller Morde: Alles auf Anfang?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:59 26.06.2019
Quelle: Archiv
Anzeige
Hille/Stadthagen

Die Sachlage sei zu komplex, so der Vorsitzende Richter Georg Zimmermann. Die Kammer müsse sich beraten. Das Ergebnis wird am 8. Juli bekanntgegeben. So lange ist unklar, ob sich der Prozess weiter hinzieht, oder ob – wie geplant – am 19. Juli das Urteil gesprochen wird. Die Verteidiger trugen am Mittwoch ihre nachgebesserten Anträge vor. Die Anwälte von Jörg W. und Kevin R. stellen damit die Kompetenz des Rechtsmediziners Bernd Karger infrage, der die Blutspritzer in der Scheune in Neuenbaum untersuchte, in der die Polizei im März 2018 die Leiche des Stadthägers Fadi S. gefunden hatte.

Die beiden Angeklagten beschuldigten sich jedoch in vorherigen Vernehmungen und in Gesprächen mit Psychologen gegenseitig, die Morde begangen zu haben. Die Verteidiger fordern jetzt ein Gutachten mittels 3-D-Technik. Es soll Aufschluss darüber geben, wer für die tödlichen Schläge auf den Kopf von Fadi S. verantwortlich ist.

Die Anwälte von Kevin R. – Peter Jahn und Peter Wehn – sind überzeugt, dass mit einer dreidimensionalen Tatortbetrachtung bewiesen wird, dass Jörg W. mit einem Fäustel auf den Kopf von Fadi S. eingeschlagen hat. Die Blutspritzer an der Jacke ihres Mandanten – laut Karger hat der Träger dieser Jacke zugeschlagen – seien entstanden, als W. zuschlug und dabei Blut spritzte. Die Blutspuren am Ärmel der Jacke seien kein Schlagspritzmuster, heißt es im Beweisantrag. Die Anwälte fordern, dass die Sachverständige Silke Brodbeck mit der Tathergangsrekonstruktion beauftragt wird.

Zweifel an Neutralität der Begutachtung

Die Anwälte von Kevin R. halten den Ansatz von Karger – Blut spritzt nicht beim ersten Mal, sondern erst, wenn der Täter in eine blutende Wunde schlägt – für falsch. Ebenso zweifeln sie die Schlussfolgerung Kargers an, Jörg W. habe nicht direkt neben dem Opfer gestanden, weil nur wenige Blutspuren auf seiner Hose nachgewiesen werden konnten.
Des Weiteren zweifeln Jahn und Wehn an der Neutralität der Begutachtung. Sie bemängeln insbesondere, dass der Mediziner nicht selbst am Tatort war.

Mit einem eigenen Antrag fordern die Rechtsanwälte von Jörg W. – Nicole Friedrich und Mirko Roßkamp – ebenfalls eine nachträgliche Betrachtung des Tatorts mithilfe von 3-D-Technik. Die Anwälte wollen damit beweisen, dass allein Kevin R. für die tödlichen Schläge verantwortlich ist. Die Schläge sollen dem Libanesen Fadi S. demnach in der Pferdebox zugefügt worden sein.

Die Spuren an dem zweiten Fäustel, an dem Gummiaufsatz und an der Kleidung von Jörg W. seien bei Schlägen zwischen Kühlschrank und Pferdebox entstanden – diese hätten allerdings keine massiven Blutungen verursacht, wie sie in der Pferdebox festgestellt wurden. Der Angeklagte will – so äußerte er sich gegenüber einer Psychologin – zum Zeitpunkt der tödlichen Schläge den Tatort bereits verlassen haben.

Die Verteidiger von Jörg W. sehen in der dreidimensionalen Tatortrekonstruktion einen umfassenderen Ansatz, der die Örtlichkeit, die Spuren in einen räumlichen und zeitlichen Bezug setzt. Erkenntnisse versprechen sich die Anwälte insbesondere von Luminol- und Infrarotaufnahmen. Nur mithilfe dieser Technik ließe sich feststellen, welche weiteren Spuren es in der Scheune gibt. Nur so ließe sich der tatsächliche Tatablauf feststellen.

Arbeit der Spurensicherung infrage gestellt

Friedrich und Roßkamp stellen in ihrem Antrag auch die Arbeit der Spurensicherung infrage, die ihrer Ansicht nach nicht ordnungsgemäß gearbeitet habe. Die Fotos der Ermittler zeigen, dass der Tatort verändert wurde. Außerdem habe man Beweisstücke, wie den zweiten Fäustel, erst Tage später gefunden.

Das Gericht muss außerdem noch darüber entscheiden, ob der von der Verteidigung R. beantragte Zeuge Uwe W. gehört wird. Der Mann aus Bad Münder soll dem Angeklagten Jörg W. im November 2011 120.000 Euro in bar gegeben haben. Der Zeuge will Jörg W. übers Internet kennengelernt haben, auf der dieser geschrieben haben soll: „Fremdenlegionär hat noch Aufträge zu vergeben.“ Er sollte in den nächsten Monaten zwischen 150.000 und 180.000 Euro in bar zurückbekommen, hatte der potenzielle Zeuge berichtet.

Das Geld habe Uwe W. nicht zurückbekommen, heißt es in dem Beweisantrag. Vielmehr sei er von Jörg W. und dessen Ehefrau Doris bedroht worden. Schließlich habe er die Sache nicht weiterverfolgt, weil er Angst vor Jörg W. und dessen Verbindungen hatte. Ob Uwe W. als Zeuge geladen wird, gibt das Gericht ebenfalls am 8. Juli ab 14 Uhr in Bielefeld bekannt.