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Stadthagen Stadt Hiller Mordprozess: Altar mit Hitler-Bild in der Diele von Jörg W.
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Hiller Mordprozess: Altar mit Hitler-Bild in der Diele von Jörg W.
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18:48 14.06.2019
Beamte durchsuchen den Hof von Jörg W. in Hille. Quelle: Archiv
STADTHAGEN/BIELEFELD

Jörg W. habe gern mal „Witze über Adolf“ gemacht. Auf der Diele habe eine Art Altar mit Hitler-Bild und anderen Utensilien aus dem Zweiten Weltkrieg gestanden. Das sagte ein Nachbar des Angeklagten im Hiller Dreifachmord-Prozess am Freitag aus. Am 27. Verhandlungstag hörte das Gericht drei weitere Zeugen.

Der 43-jährige Nachbar von Jörg W. bezeichnete den 52-Jährigen als netten Typen, der immer gut drauf war und der seine „leicht rechtslastigen“ Sprüche nicht so ernst gemeint habe. Seine Familie habe rund eineinhalb Jahre ein Pferd bei der Familie W. untergestellt, so der Nachbar. Probleme habe es nicht gegeben. Im Gegensatz zu Jörg W. sei dessen Frau Doris eher schwierig gewesen. Hinsichtlich der Pferde habe man nicht immer dieselbe Meinung gehabt.

Geld war kein Problem

Geld sei bei der Familie W. nie ein Problem gewesen, so die Einschätzung des Nachbarn. Als sie gemeinschaftlich einen Anhänger angeschafft hätten, habe Jörg als Erster das Geld vorbeigebracht. Von den späteren Vorwürfen gegen den Angeklagten sei er überrascht gewesen. Schließlich habe Jörg W. sich immer gut um die späteren Opfer gekümmert und – so habe er gehört – sogar Sozialleistungen für sie beantragt.

Keine neuen Erkenntnisse für den Prozess lieferten die Zeugenaussagen der Nachbarin und einer jungen Frau, die seit Mai 2017 eine Reitbeteiligung auf dem Hof der Familie W. hatte. Der Kontakt sei über das Internet-Portal „Ebay Kleinanzeigen“ zustande gekommen.

Während sie Jörg und Doris W. als „liebe, aufgeschlossene Menschen“ bezeichnete, sei Kevin R. unter Alkoholeinfluss „aufmüpfig und hibbelig“ gewesen. Überhaupt sei an den Wochenenden sehr viel Alkohol auf dem Hof getrunken worden. Kevin R. habe ihr Ende 2017 erzählt, dass er plane, in das Haus des Nachbarn Gerd F. einzuziehen. Dass es einen „Stallknecht“ gab, habe sie gewusst, aber keinen Kontakt zu ihm gehabt. Im Gerichtssaal fiel der Zeugin der Name des Mordopfers Jochen K. nicht ein. Und auch vom dritten Opfer, dem Stadthäger und gebürtigen Libanesen Fadi S., habe sie erst im Nachhinein erfahren, so die 29-Jährige.

„Fremdenlegionär hat noch Aufträge zu vergeben“

Zwei weitere Beweisanträge des Rechtsanwalts Peter Jahn – dem Verteidiger von Kevin R. – lehnte das Gericht ab, zumindest vorerst. Zum einen hatte Jahn beantragt, Uwe W. als Zeugen zu hören, der Jörg W. im November 2011 die Summe von 120.000 Euro in bar gegeben haben soll. Der Zeuge will Jörg W. über eine Internetplattform kennengelernt haben, auf der dieser geschrieben haben soll: „Fremdenlegionär hat noch Aufträge zu vergeben.“ Er sollte in den nächsten Monaten zwischen 30.000 und 50.000 Euro mehr zurückbekommen, hatte der potenzielle Zeuge berichtet.

Das Geld habe er bis heute nicht zurückbekommen, heißt es in dem Beweisantrag. Allerdings habe ihm Doris W. im Jahr 2014 gedroht, die Hunde auf ihn loszulassen, als er bei einem Besuch auf dem Hof an der Frotheimer Straße sein Geld zurückforderte. Anschließend habe er die Sache nicht weiter verfolgt, weil er Angst vor Jörg W. und dessen Verbindungen hatte.

Die Kammer lehnte diesen Beweisantrag als bedeutungslos ab, weil die Beweise zur finanziellen Lage der Familie W. bereits erhoben wurden und die Lebensverhältnisse von Jörg W. sich seit 2011 erheblich verändert hätten. Zudem sei eine mögliche Gewaltandrohung von Doris W. bedeutungslos.

Wer tötete Fadi S.?

Den zweiten Antrag Jahns, den im Übrigen auch die Verteidigung von Jörg W. unterstützte, lehnte die Kammer ebenfalls ab – will sich aber am nächsten Verhandlungstag noch einmal damit beschäftigen. Dafür muss der Rechtsanwalt aber noch einmal nachbessern, weil – so das Gericht – es sich formal nicht um einen Beweisantrag handelt. Grund ist eine fehlende Beweisbehauptung.

Rechtsanwalt Jahn beantragt, dass ein dreidimensionales Tatort-Rekonstruktionsgutachten erstellt und ein ergänzendes Blutspurenmuster-Analysegutachten in Auftrag gegeben wird. Anlass für den Mindener Rechtsanwalt ist, dass er den Ansatz des Rechtsmediziners Dr. Bernd Karger für falsch hält. Dieser hatte unter anderem erklärt, dass der erste Schlag mit dem Fäustel auf den Kopf von Fadi S. keine Blutspritzer verursacht habe.

Blutspritzer an der Jacke

Laut Ansicht Jahns passen die Schlussfolgerungen Kargers nicht mit den Blutspritzern an der Jacke von Kevin R. sowie den Anhaftungen an der Stallwand und am Türblatt überein. Der Rechtsanwalt fordert eine weitere fachliche Begutachtung, weil nicht jede Person, die Blut an der Kleidung hat, potenziell Täter sein könne. Jahn kritisiert außerdem, dass der Rechtsmediziner nicht selbst am Tatort war, sondern anhand von Fotos sein Gutachten erstellt hat. Der Rechtsanwalt ist sich sicher, dass das von ihm geforderte Gutachten ergeben wird, dass der Angeklagte Jörg W. dem Opfer Fadi S. die tödlichen Kopfverletzungen zugefügt hat.

Mit dem formal nachgebesserten Antrag wird sich das Gericht am nächsten Verhandlungstag befassen. Dieser ist auf Mittwoch, 26. Juni, terminiert. Sollte die Kammer den Antrag zulassen und das Gutachten in Auftrag geben, wird sich der Prozess um unbestimmte Zeit verlängern. Von Stefanie Dullweber