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Stadthagen Stadt Neue Stellen in Stadthagen: Faurecia stellt Flüchtlinge ein
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Neue Stellen in Stadthagen: Faurecia stellt Flüchtlinge ein
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00:18 05.01.2019
Zubeir Adam aus Somalia (links) und der Iraker Saad Murad sind froh, in Stadthagen eine berufliche Heimat gefunden zu haben. Quelle: lht
Stadthagen

Der Stellenabbau bei Faurecia hat die Produktion wie keine zweite Abteilung des Stadthäger Standortes getroffen. Seit 2006 mussten mehr als 1300 Mitarbeiter gehen, inzwischen sind in dem Bereich nur noch 90 Arbeitsplätze übrig. Nun gibt es erstmals seit über einem Jahrzehnt wieder Einstellungen. Von dreizehn neuen Kollegen, die über Leiharbeit zum Autositzhersteller kamen, wurden Ende 2018 die ersten in Festverträge übernommen, darunter auch Zubeir Adam und Saad Murad.

Jeside flieht vor dem Islamischen Staat

Dass sich die Lebenswege dieser beiden ausgerechnet an der Nordsehler Straße kreuzen, ist eine sonderbare Fügung des Schicksals und ebenso tragischen Umständen wie glücklichen Zufällen geschuldet. Bevor Adam und Murad erst nach Deutschland, dann nach Schaumburg und schließlich über den Personaldienstleister ZAG zu Faurecia kamen, hatten die beiden ihren Lebensmittelpunkt in ganz unterschiedlichen Ecken der Welt.

Während Zubeir Adam (33) in Somalia groß wurde und sich mit Gelegenheitsjobs als Lkw-Fahrer und Automechaniker durchschlug, besuchte Saad Murad (21) noch die Schule, als der sogenannte Islamische Staat (IS) in seine Heimatstadt Sindschar im Nordirak einfiel. Murad und seine Familie, die zur religiösen Minderheit der Jesiden gehören, mussten fliehen.

Über Umwege gelangten die beiden nach Stadthagen. Adam landete nach seiner Flucht erst in einem Flüchtlingslager in Bad Fallingbostel. Angekommen in Schaumburg bezog er 2017 eine eigene Wohnung in Stadthagen. Durch Zufall wurde er über einen Aushang in der Sparkasse auf die ZAG aufmerksam, über die er schließlich zu Faurecia kam. Sein erster fester Arbeitgeber in Deutschland, bei dem er nun zunächst für zwölf Monate angestellt ist und gute Aussichten auf einen unbefristeten Vertrag hat.

Die beiden Geflüchteten wollen in Deutschland bleiben

Ein Angebot, dass Adam ohne nachzudenken annehmen würde: „Mein Wunsch ist, weiter hier zu arbeiten und in Stadthagen zu bleiben“, sagt der 33-Jährige, der inzwischen einwandfrei Deutsch spricht, sich aber auch auf Englisch, Äthiopisch, Somalisch und Arabisch unterhalten kann. Das kommt auch seinem Kollegen Saad Murad zugute.

Hinter dem Iraker liegt eine aufreibende Flucht, auf der er zwischen der türkischen Küste und Griechenland andere Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken sah. Er selbst hatte Glück und überstand die Überfahrt. Nachdem er über die Balkanroute nach Deutschland kam, entschied er sich bewusst für Stadthagen.

„Hier gibt es viele Jesiden“, erklärt Murad. Seine Familie ist noch immer im Irak. Mit 74 000 anderen Menschen sind sie im Norden des Landes in einem Flüchtlingslager untergekommen. In ihre Heimatstadt Sindschar können sie nicht zurück, zumal Murads Mutter krank ist. Er will sie so schnell wie möglich nach Deutschland holen.

So geht es für die beiden bei Faurecia weiter - auch nach 2020

Bei Faurecia sind Murad und Adam vor allem für den Volkswagen-Camper T6 zuständig, dessen Sitze vollständig in Stadthagen gefertigt werden. Auch für Bentley und Audi wird in ihrem Bereich produziert, der übrigens anders als der Großteil des Standortes nicht ab 2020 nach Marienwerder bei Hannover umziehen soll. Während Forschung und Entwicklung, Vertrieb und damit weitere 1000 Mitarbeiter Stadthagen verlassen, bleibt die Produktion vorerst hier – und damit auch Zubeir Adam und Saad Murad.

Der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Bittner will dafür sorgen, dass dies auch langfristig so bleibt. „Qualifizierung ist ein wichtiges Thema, wenn wir über den Fortbestand der Arbeitsplätze reden“, erklärt er. Verstärkte Schulungen für Mitarbeiter seien eine Möglichkeit, dies zu erreichen.

Davon profitieren auch die beiden Geflüchteten, die schon bald neue Kollegen bekommen dürften. Das Unternehmen will 2019 weitere Leiharbeiter in Festverträge übernehmen. Auch diejenigen, die Leiharbeiter bleiben, sollen künftig besser verdienen. „Das war nicht einfach mit diesem Arbeitgeber hier“, erklärt Bittner, der die Entscheidung mit seinen Kollegen trotzdem durchbringen konnte. Es sind kleine Lichtblicke nach zwölf Jahren des konstanten Stellenabbaus.

von Lennart Hecht