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Stadthagen Stadt Lehrer überlastet: Stadthäger Grundschule streicht Klassenfahrten
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Lehrer überlastet: Stadthäger Grundschule streicht Klassenfahrten
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07:49 18.11.2019
Eine Reise mit der Schulklasse ist etwas Besonderes. Die künftigen Drittklässler der Grundschule Am Stadtturm in Stadthagen müssen offenbar darauf verzichten. Quelle: Montage: Harmening
Stadthagen

Die mehrtägigen Klassenfahrten an der Grundschule Am Stadtturm sind erst einmal gestrichen: Das hat jetzt Schulleiter Frank Plagge auf Anfrage mitgeteilt. Als Grund nennt er die – seit Jahren – gestiegene Belastung für die Lehrer.

Klassenfahrten sind für die Schule keine Pflicht

In diesem Zusammenhang verweist er unter anderem auf die gewachsene Heterogenität unter den Schülern, die eingeführte Inklusion und Digitalisierung sowie den erhöhten Verwaltungsaufwand.

Das seien nur einige Stichworte, so Plagge, die die Mehrbelastung belegen. „Wir mussten nach Möglichkeiten suchen, den Mehraufwand zu reduzieren.“ Eine viertägige Klassenfahrt bedeute eine 24-stündige Verantwortungssituation, aber auch viel Vorbereitung im Vorfeld.

Tagesfahrten sind von dem Beschluss nicht betroffen.

Frank Plagge , Schulleiter der GS am Stadtturm

Da die Klassenfahrten keine Pflicht für die Schulen darstellen, habe man sich nun entschieden, sie erst einmal ausfallen zu lassen. Zusatzangebote seien derzeit schlicht nicht möglich. „Tagesfahrten sind von dem Beschluss nicht betroffen“, betont er.

Ausflüge mit Inklusions-Kindern kosten mehr Zeit

Konkret geht es Plagge bei der Überlastungssituation um die Organisation des Schulalltags für Kinder mit besonderen Bedarfen. Der Schulleiter der Grundschule Am Stadtturm erläutert, dass es viel Vorbereitungszeit koste, einen Ausflug mit einem Kind zu planen, das etwa im Rollstuhl sitzt.

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Außerdem müssten sich die Kollegen mit der Frage auseinandersetzen, wie ein Kind mit einer emotional-sozialen Störung auf einen Schulausflug vorbereitet wird. Wie viele Inklusions-Kinder die Grundschule besuchen, wollte Plagge mit Hinweis auf den Datenschutz nicht sagen.

So reagieren Eltern auf die Entscheidung

Auf Verständnis stoßen der Schulleiter und die Lehrer bei Christine Steudtner. Ihr Sohn besucht derzeit die dritte Klasse und ist demnach von dem Beschluss betroffen. Steudtner bedauert ausdrücklich, dass die Kinder nun die schieflaufende Entwicklung des Bildungssystems ausbaden müssen. Das möchte sie so nicht hinnehmen. Der Schule macht sie jedoch keinen Vorwurf.

Sie, selbst Lehrerin an einem Schaumburger Gymnasium, erkennt die gestiegenen Anforderungen der Grundschullehrer und ist der Meinung, dass etwas Grundlegendes geschehen müsse. „Die Landesschulbehörde sowie die Politik müssen die Situation endlich zur Kenntnis nehmen und adäquat reagieren.“

Unterschriften für die Landesschulbehörde

Aus diesem Grund hat sie nun einen Brief verfasst. Darin weist sie auf die Missstände hin – gewissermaßen als Aufschrei, wie sie sagt: „Wir wollen an die Öffentlichkeit bringen, dass Grundschulen zu wenig Entlastung bekommen.“ Steudtner hat auch eine Unterschriftenliste erstellt. Dort sollen alle Eltern unterschreiben, die ebenfalls eine Überlastungssituation bei den Lehrern der Stadthäger Grundschule erkennen.

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Etwa 40 Unterschriften hat sie bisher nach eigener Aussage gesammelt. Alle konnte sie aber nicht erreichen: Manche Eltern sehen eher eine „Jammer-Haltung der Lehrer“. Die Unterschriften, die sie zusammen bekommt, möchte sie an die Landesschulbehörde schicken.

Klassenfahrten sollen irgendwann wiederkommen

Schulleiter Plagge weiß um die Bedeutung von Klassenfahrten und dass sie zu den absoluten Höhepunkten gehören können, gespickt mit vielen schönen und abenteuerlichen Erinnerungen. Er will nicht ausschließen, dass sie an seiner Schule zu einem späteren Zeitpunkt wieder Teil des Schulprogramms werden. Aber dafür müsse sich zunächst strukturell etwas verändern.

Vor allem externe Unterstützungen seien notwendig, um die Abläufe in der Schule zu regulieren. Der Lehrermangel wirke sich mittlerweile deutlich aus. Aber: „Das Ministerium hat die Probleme ein Stück weit erkannt und bringt Maßnahmen auf den Weg“, hofft Plagge.

Mutter nimmt andere Eltern in die Pflicht

Steudtner macht in ihrem Schreiben auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Die Elterngespräche werden immer schwieriger und nehmen einen immer größeren Raum ein.“ Bei Problemen ihrer Kinder reagieren die Eltern offenbar immer schneller und teilweise respektlos den Lehrern gegenüber.

Steudtner nimmt die Eltern deshalb in die Pflicht: „Im Elternhaus werden Erziehungsaufgaben versäumt, die in der Schule geleistet werden müssen. Das führt dazu, dass Lehrer sich weniger auf die Kernaufgaben konzentrieren können.“

Die Mutter und Lehrerin hofft, dass die Schule schnell die nötige Unterstützung erhält, denn Klassenfahrten sind aus ihrer Sicht nicht nur wegen des Spaßfaktors wichtig, sondern auch „für das Sozialgefüge innerhalb der Klassen und um außerschulische Erfahrungen zu sammeln“. von Jennifer Minke

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