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Stadthagen Stadt Peerberater helfen auf Augenhöhe
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Peerberater helfen auf Augenhöhe
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04:15 02.01.2019
Auch mal provokant sein, aber den Menschen auf Augenhöhe begegnen: Maik Behrendt, Sabrina Grimpe und Sunita Schwarz beraten in dem Büro an der Echternstraße. Quelle: jemi
Stadthagen

Jens B. geht es schon lange nicht mehr gut. Eine Lebenskrise und ein Aufenthalt in der Psychiatrie folgen. Sein Arbeitgeber weiß nichts von seinen Problemen und der psychischen Erkrankung. Soll der 34-Jährige seine Geschichte erzählen oder nicht? Er empfindet Scham.

Mit seiner Unsicherheit fühlt er sich allein, hilflos. Hilfe bekommt er schließlich bei der EUTB – der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung in Schaumburg. Hierbei handelt es sich um eine von mittlerweile etwa 500 Peerberatungsstellen in ganz Deutschland. In Schaumburg hatte sich der Betreuungsverein Bubis in Stadthagen für das Projekt beworben und den Zuschlag erhalten.

Betroffene helfen Betroffenen

Das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Projekt klingt im ersten Moment etwas sperrig. Letztendlich verbirgt sich jedoch ein nachvollziehbares Prinzip dahinter: In der Peerberatung unterstützen und beraten Menschen mit der Erfahrung eigener seelischer Krisen nach einer Beraterausbildung andere Betroffene. „Peerberater haben Kenntnisse über die eigene Lebensgeschichte als Mensch mit einer Behinderung reflektiert und eigene Verarbeitungs- und Beziehungsmuster erkannt“, sagt Sunita Schwarz. Sie ist die Verantwortliche des Projekts in Stadthagen.

Außerdem könnten die Berater, so erläutert sie weiter, ihre Selbsterfahrungen in die Beratung mit einfließen lassen. Es gehe nicht darum, die eigene Lebensgeschichte zu erzählen, sondern auf Augenhöhe zu helfen, betont Peerberater Maik Behrendt. Eigentlich werde eine Behinderung in der Leistungsgesellschaft als Makel angesehen, in der Peerberatung sei sie dagegen eine Kompetenz.

Behrendt selbst blicke auf eine Vergangenheit mit Lebenskrisen und Psychiatrie-Erfahrung zurück. Ihm sei es wichtig, den Menschen mit Verständnis zu begegnen, aber er wolle nicht von sich auf andere schließen und ihnen seinen eigenen Weg aufdrängen. Entscheidend sei, dass die Beratung ausschließlich der Orientierung diene und keine rechtliche Hilfestellung beinhalte und ersetze.

Niedrigschwellig, kostenlos und unverbindlich

„Wir sind in keiner Weise eine Konkurrenz zu anderen Beratungsstellen und sehen uns als Ergänzung“, meint Schwarz. Es handle sich um ein niederschwelliges Angebot, das jeder in Anspruch nehmen kann, kostenlos und unverbindlich. Auch ein Ausweis über eine Behinderung sei nicht notwendig.

„Wir wollen den Menschen vor allem Mut machen, sie aus der Isolation herausholen und bestärken, weil sie den Weg zu uns geschafft haben“, sagt Behrendt. Der erste Schritt sei immer der schwierigste.

Diesen ersten Gang haben in diesem Jahr – seit Anfang 2018 gibt es das Beratungsangebot in Schaumburg – bereits rund 150 Menschen geschafft, berichtet Schwarz. Mit dieser Resonanz ist sie sehr zufrieden, vor allem auch mit der Entwicklung. Gegen Ende des Jahres seien die Beratungen noch einmal deutlich angestiegen.

Ratsuchende sollen keinen "sterilen Sacharbeiter" vor sich haben

„Der Großteil ist über eine persönliche Empfehlung zu uns gekommen“, sagt auch Behrendt zufrieden. Das bestätige die Arbeit. Die meisten Ratsuchenden seien zwischen 40 und 55 Jahren. Es kommen aber auch beispielsweise Angehörige oder Eltern in die Beratungsstelle. „Wir sind offen für alle und wir unterliegen der Schweigepflicht“, sagt Sabrina Grimpe, die ebenfalls als Peerberaterin in Stadthagen im Einsatz ist. Sie findet es wichtig, dass die Ratsuchenden keinen sterilen Sacharbeiter vorfinden und „einfach Mensch sein können“.

Als großen Vorteil der Schaumburger Peerberatung sieht Schwarz das bereits vorhandene große Netzwerk. Die Projektverantwortliche hat beispielsweise durch die Arbeit beim Inklusionsnetz viele Kontakte in und um Schaumburg herum geknüpft, sodass sie bei weiterem Beratungsbedarf im Anschluss an die jeweiligen Stellen verweisen oder direkt Ansprechpartner vermitteln kann. Das erleichtere die Arbeit und verkürze Prozesse.

Wegbeschreibung in ein selbstbestimmtes Leben

„Viele Menschen stehen mit dem Rücken zur Wand“, so Behrendt. „Wir helfen zunächst dabei, dass sie sich drehen, denn wir können nachempfinden, was in den Menschen vorgeht.“ Entscheidend sei aber: „Gehen muss der Mensch selbst.“ Die Peerberater lieferten die Wegbeschreibung – in ein selbstbestimmtes Leben.
Die Peerberater sind in Stadthagen unter der Telefonnummer (05721) 9956276 erreichbar. Der Anrufbeantworter ist stets eingeschaltet. Termine können dann vereinbart werden. Das Büro an der Echternstraße 5 ist montags und dienstags von 10 bis 13 Uhr und donnerstags von 15 bis 18 Uhr besetzt.

Von Jennifer Minke-Beil