Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Stadthagen Stadt Reise in die Vergangenheit Hörkamps
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Reise in die Vergangenheit Hörkamps
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:20 20.11.2018
Landschaftsarchitekt Manfred Koller erinnert sich gern an seine Kinder- und Jugendzeit in Hörkamp.
Landschaftsarchitekt Manfred Koller erinnert sich gern an seine Kinder- und Jugendzeit in Hörkamp. Quelle: Foto/Repro: kp
Anzeige
Stadthagen

Seit vielen Jahren lebt der 68-jährige Landschaftsarchitekt Manfred Koller nun schon mit seiner Familie in Hemmingen, einer kleinen Stadt südlich von Hannover. Geblieben ist die Liebe zum Schaumburger Land.

Am Fuße des Bückeberges hat er seine Kindheit und Jugend verbracht. Gern erinnert er sich an die unbeschwerten Jahre im Elternhaus am heutigen Flothbachring in Hörkamp. Regelmäßig besucht er hier seine 92-jährige Mutter Lina und schwelgt in Erinnerungen. Insbesondere denkt er zurück an die Zeit, die er mit seiner Oma mütterlicherseits, Wilhelmine Bake, in den fünfziger und sechziger Jahren verbracht hat. Nach seinem beruflichen Ruhestand hat er einige Geschichten rund um seine geliebte Großmutter niedergeschrieben. Und nicht nur das.

Kabarett auf Platt

Kürzlich berichtete er bei Radio Leinehertz 106,5 unter dem Titel „Von Hörkamp nach Hannover“ über das Erlebte. Gern betätigt er sich bei Familienfeiern und Veranstaltungen als Kabarettist, indem er seine frühen Lebensjahre mit humorvollen Anekdoten gespickt zum Besten gibt. Dabei lässt er gern das Schaumburger Platt einfließen.

Die im Mittelpunkt seiner Geschichten stehende Oma Wilhelmine stammt ursprünglich aus dem benachbarten Reinsdorf. Mit ihren Eltern nach Hörkamp gezogen, heiratete sie den Bergmann Ernst Bake. Das Paar baute sich 1933/34 an der Ecke Am Bückeberg/Flothbachring ein Haus, in dem später auch der Ehemann der Tochter Lina, Wilhelm Koller aus Beckedorf, ansässig wurde. Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne hervor, Gerhard und Manfred. Der jüngere Manfred ist heute der Chronist der Familie. Er blieb bis zu seinem Abitur 1969 in Hörkamp ansässig, zog dann nach Hannover, um dort – nach der Bundeswehrzeit – ein Studium zum Landschaftsgärtner zu absolvieren. Es blieben die Erinnerungen an sein Elternhaus.

Manfred Koller berichtet über seine Kindheit und Jugend auf dem Lande in den fünfziger und sechziger Jahren. „Für das alltägliche Leben hieß das in der Nachkriegszeit: aus dem Osten Vertriebene und Zugezogene, die irgendwie nicht richtig ins Dorf gehörten. Suche nach Vermissten im Radio. Baden einmal wöchentlich in der Zinkbadewanne in der Wohnküche. Zuerst mein Bruder, weil er der Ältere war, dann ich. Schicksal des Jüngeren, genau wie bei der Kleidung oder den Schulbüchern. Ich musste alles vom großen Bruder übernehmen.

Mit der Wärmflasche im Federbett

Kohleöfen für Briketts und Eierkohlen in der Wohnküche und in der Neuen Stube, wobei neu für Sonn- und Feiertage stand. Eiskalte Schlafzimmer im Winter, dafür Wärmflasche unter dem großen Federbett. Waschtag alle zwei Wochen mit dampfendem Nebel im Waschküchenkeller und leicht stechendem Geruch nach Waschpulver. Hausschlachtung ein- bis zweimal jedes Jahr im Winter. Ranzig schmeckende Mettwurst aus der eigenen Hausschlachterei. „Und dann die Milch unserer Ziegen. Wer jemals welche getrunken hat, weiß, wovon ich schreibe. Streng und ähnlich wie bei der Mettwurst ranzig im Geschmack, für kleine Kinderzungen eine wahre Scheußlichkeit.

Männer auf Motorrädern, Frauen auf Fahrrädern, viele im roten Rock, pompöse Gewänder, bei denen ich mich noch heute frage, warum sich der Stoff nicht in den Speichen verfing.

Lebensmittelläden wie bei uns Edith Kirchhöfer in Obernwöhren oder Lina Kramer in Wendthagen, bei der immer so ein Geruch aus Ata, Kernseife und Wasch- und Putzmitteln im Laden hing. Das Dorfgasthaus mit gut besuchter Gaststube und großem Saal für Hochzeiten und das jährliche Erntefest, der Ölkrug, in dem ich als Jugendlicher das Biertrinken übte.

Und dann in den sechziger Jahren: Nyltesthemden, 100 Prozent Plastik, bügel- und knitterfrei, saugten aber keinen Schweiß auf. Der sammelte sich unterhalb des Hosengürtels in der Unterhose. Ein ähnlicher Hit waren Wannen und Eimer aus Plastik, zwar federleicht und spottbillig, beulten sich allerdings aus, wenn das eingefüllte Wasser zu heiß war. Mädchen, zur Konfirmation in Kostümen aus synthetischer Faser mit einem glänzenden Schimmer, Nylonstrümpfen und hochgesteckter Frisur. Fernsehapparate mit kleinem Bildschirm in riesengroßen Holzkisten. Sehpferdchen um 19.30 Uhr abends, zuerst mit „Vati ist der Beste“ und später „Mutti ist die Allerbeste“.

Und dann wurde es spannend: Mopedführerschein mit 16, eine blaue DKW-Hummel mit Bananentank, Autoführerschein mit 18 und das Auto der Eltern, ein DKW-Junior mit Lenkradschaltung.

Buttercremetorte bei Oma

Und da war natürlich meine Oma mit ihren Buttercremetorten. Serviert wurden diese Kalorienbomben zum Geburtstag oder sonntags, wenn die Verwandtschaft zu Besuch kam. Ausdruck der Gastfreundschaft meiner Oma war es, den Besuch mit Nachdruck aufzufordern, kräftig zuzulangen. ‚No, nu löater jück nich lange nöidijin. Nu nimmt jück noch en jladdet Stücke vonne Tochten. Do ist orndlich jaue Boddern inne. Un denn drinke jäi jück noch en jladden Tasse Boanenkaffe do tau.‘

Oma sprach Schaumburger Platt. So unterhielten sich die Leute im ehemaligen Fürstentum und Freistaat Schaumburg-Lippe. Ein stolzer Landkreis, nicht am Fuß der Blauen Berge, sondern am Bückeberg, im Übergang vom norddeutschen Flachland ins Mittelgebirge. Hagenhufendörfer, auf einer Straßenseite die Bauernhöfe und Wohnhäuser, auf der anderen die Feldflur mit Birken bewachsenen Abraumhalden als Zeichen des ehemaligen Bergbaus. Der Georgschacht in Stadthagen, Opas ehemaliger Arbeitsplatz. In meiner Jugendzeit war ich aktives Mitglied des TSV Eintracht Bergkette und spielte regelmäßig Fußball, was Oma für ‚Tenteräie‘, also Blödsinn hielt.“

Manfred Koller weiß noch viele Dinge zu erzählen. Er spielt mit dem Gedanken, die Ereignisse in Buchform zu veröffentlichen. Damit möchte er ein Stück Zeitgeschichte in Erinnerung rufen und das Schaumburger Platt pflegen.

Von Karlheinz Poll