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Stadthagen Stadt Verteidigerin im Mordprozess Hille: Jörg W. hat nicht getötet
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Verteidigerin im Mordprozess Hille: Jörg W. hat nicht getötet
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21:46 12.07.2019
Im Prozess um den Dreifachmord von Hille belasten sich die Angeklagten gegenseitig. Quelle: dpa
Bielefeld/Hille/Stadthagen

30 Prozesstage hat es gebraucht, bis die beiden Angeklagten im Hiller Dreifachmord-Prozess ihren Mund aufmachen. Doch was sie sagen, trägt auch nach zehn Monaten nicht dazu bei, die Taten aufzuklären.

Drei Menschen sind gestorben, aber sowohl Jörg W. als auch Kevin R. bestreiten, etwas mit den Tötungen von Gerd F., Jochen K. und Fadi S. zu tun zu haben. „Ich kann mich nicht entschuldigen, weil ich nichts getan habe. Dabei bleibe ich“, sagte Jörg W. in seinem letzten Wort. Und weiter: Die Opfer täten ihm leid. Er habe im Prozess geschwiegen, weil es einen Mordauftrag gegen ihn gebe und ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt sei.

„Die Opfer und die Angehörigen tun mir leid, auch die Kinder“, sagte der 25-jährige Kevin R. Er wolle klarstellen, dass er kein „kalter Mensch“ sei. Zu den Taten äußerte sich R. nicht weiter.

Staatsanwaltschaft forderte lebenslange Freiheitsstrafe

Im Mittelpunkt des 30. Prozesstages am Landgericht Bielefeld standen neben dem letzten Wort der Angeklagten die noch ausstehenden Schlussvorträge der Nebenklage-Anwälte und der Verteidiger.

Er wünsche sich, dass einer der Angeklagten – sollten sie das Gefängnis überleben – den Kindern des Stadthägers Fadi S. erklärt, warum ihr Vater sterben musste. Diesen Appell richtete Velit Tümenci, Anwalt und Bruder der Witwe des getöteten Libanesen, an die beiden Beschuldigten. Der Rechtsanwalt schloss sich dem Schlussvortrag der Staatsanwaltschaft an, die eine lebenslange Freiheitsstrafe für beide Angeklagte und Sicherungsverwahrung für Jörg W. fordert.

Weil er den 25-jährigen Kevin R. für genauso gefährlich hält wie Jörg W., müsse auch bei ihm die nachträgliche Sicherungsverwahrung angeordnet werden, sagte Tümenci. Der Verlust des Ehemanns, Vaters, Bruders und Schwagers sei für die Familie S. „nach wie vor erschreckend“. Sie könnten den beiden sechs und drei Jahre alten Kindern nicht erklären, warum ihr Papa für wenig Geld umgebracht wurde.

Die Verteidigerin von Jörg W., die Mindener Anwältin Nicole Friedrich, stützte ihr Plädoyer darauf, dass die Beweisaufnahme in keinem der drei Fälle ergeben hätte, dass ihr Mandant jemanden getötet habe. Vielmehr hätten die Medien den ehemaligen Fremdenlegionär von Beginn an vorverurteilt – allein schon wegen des ungewöhnlichen Fahndungsfotos, das Jörg W. mit einer Pistole, Goldkettchen und Rotzevoll-Brille zeigt. „So sehen irre Mörder aus“, hätten die Medien suggeriert.

Von diesem Bild sei jedoch im Prozess nicht viel übrig geblieben. Weder gebe es eine lückenlose Indizienkette, noch einen Beweis, dass die beiden Angeklagten die Taten gemeinsam geplant hätten.

Mordlustiger, völlig entfesselter Täter

Vielmehr würden alle drei Morde die Handschrift von Kevin R. tragen – eines mordlustigen, völlig entfesselten Täters, der die Hemmschwelle überwunden und seinen Opfern massive Verletzungen zugefügt habe. Zentrales Indiz sei die blutbespritzte gelbe Jacke, die auch vom Rechtsmediziner Dr. Karger dem Mörder von Fadi S. zugeordnet worden sei.
Dass ihr Mandant unschuldig sei, sagte die Anwältin nicht. Jörg W. müsse man vorwerfen, dass er dem Handeln von Kevin R. keinen Einhalt geboten und beim Beseitigen der Leichen geholfen habe.

Peter Jahn, der Verteidiger von Kevin R., forderte Freispruch für seinen Mandanten. Der Anwalt gestand zwar Schläge des heute 25-Jährigen auf das Opfer Fadi S. ein. „Aber wir wissen nicht, ob sie tödlich waren“, sagte Jahn und verwies auf den Zweifelsgrundsatz. Während sein Mandant versucht habe, etwas zur Aufklärung der Morde beizutragen, habe Jörg W. nur geschwiegen. Kevin R. habe von Anfang an eingeräumt, bei allen Taten dabei gewesen zu sein – aber er habe keinen Menschen getötet.

Jahn warf der Verteidigung von Jörg W. vor, Kevin R. in ein falsches Licht zu rücken. Vielmehr habe Jörg W. schon lange bevor sein Ziehsohn auf den Hof gekommen sei, dubiose Geschäfte gemacht. Und anstatt die blutige gelbe Jacke verschwinden zu lassen, habe Kevin R. der Polizei genau gesagt, wo sie zu finden sei.

Die Verteidiger von Jörg W. kommentierten das Plädoyer Jahns mit einem Dauergrinsen. Christian Thüner, Anwalt der Nebenklage, hatte hingegen für die letzten Worte der beiden Angeklagten nur ein Kopfschütteln übrig.

Ein Urteil will das Landgericht Bielefeld in einer Woche am 19. Juli sprechen.  Von Stefanie Dullweber

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