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Stadthagen Stadt Warum der Staatsanwalt die Schwere einer Tat herabstuft
Schaumburg Stadthagen Stadthagen Stadt Warum der Staatsanwalt die Schwere einer Tat herabstuft
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12:00 19.04.2019
Ein 34-Jähriger lebensgefährlich verletzt wurde Anfang April bei einer Messerstecherei an der Habichhorster Straße in Stadthagen lebensgefährlich verletzt. Quelle: Archiv/rg
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Stadthagen

Zwei Bluttaten, geschehen in Stadthagen, beschäftigen derzeit die Justiz. In beiden Fällen stachen die mutmaßlichen Täter mit Messern mehrfach auf ihre Opfer ein. In beiden Fällen bestand Lebensgefahr. Doch die zuständige Staatsanwaltschaft in Bückeburg stuft den Tatverdacht jeweils von einem versuchten Totschlag auf gefährliche Körperverletzung hinab. Warum?

Behördensprecher Nils-Holger Dreißig räumt ein: „Versuchten Totschlag nachzuweisen, ist schwierig.“ Voraussetzung sei der tatsächliche Tötungsvorsatz, bei der gefährlichen Körperverletzung sei es lediglich der Vorsatz, jemanden zu verletzen. „Wir versuchen, bei jedem Fall festzustellen, was der Täter wollte“, erläutert Dreißig.

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Immerhin müssen sich Beschuldigte zur Sache nicht äußern. „Dann gehen wir rein nach Indizien.“ Sollte ein Beschuldigter aussagen, er wollte das Opfer nicht töten, werde das schon entlastend gewertet. Gleiches gelte, wenn sich der Tatverdächtige in die andere Richtung äußert und betont, dass er den Tod des Gegenübers herbeiführen wollte. Das kann belastend bewertet werden.

Gefährlichkeit reicht nicht aus

„Die Gefährlichkeit einer Tat allein reicht nicht aus“, erläutert der Behördensprecher. Und im Zweifel gelte auch bei der Unterscheidung zwischen den Tatvorwürfen: „In dubio pro reo – Im Zweifel für den Angeklagten.“ Die Rechtssprechung habe hohe Ansprüche an ein Tötungsdelikt.

Selbst wenn die Ermittler wie im Fall der Bluttat im Schrebergarten im November 2018 einen Tötungsvorsatz festmachen, könne auch der Vorwurf auf gefährliche Körperverletzung infrage kommen. Ist der Täter – wie der 18-jährige Stadthäger – von seiner Tat zurückgetreten? Dann werde das strafbefreiend gewertet. „Das dient dem Opferschutz“, sagt Dreißig. So soll dem Täter ein Anreiz gegeben werden, nicht bis zum Tod des Opfers weiterzumachen. Die Experten sprechen von der sogenannten Goldenen Brücke.

Immerhin würden auch im Strafmaß deutlich unterschiedliche Strafen drohen. Bei der gefährlichen Körperverletzung reicht der Rahmen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren Haft. Im Falle eines vorsätzlichen Tötungsdeliktes geht er von fünf bis 15 Jahren Haft. Da müsste schon genau der Tötungsvorsatz herausgearbeitet werden. „Dafür nehmen wir immer den Täterhorizont ein. Das ist wahrlich ein schweres Feld.“

Behörde sieht keinen Tötungsvorsatz

In den Stadthäger Fällen – der Bluttat vom Schrebergarten 2018 und dem aktuellen Fall von der Habichhorster Straße von Anfang April – sieht die Bückeburger Behörde offenbar keinen Tötungsvorsatz. Und dabei hatten die Opfer jeweils sehr viel Blut verloren. Im Vorfall zwischen den beiden Mitbewohnern floh der Täter und überließ den lebensgefährlich verletzten 34-Jährigen seinem Schicksal.

Dem Mann musste dem Vernehmen nach viel Blut transferiert werden, damit er überlebt. Dennoch lautet auch hier der Anfangsverdacht auf gefährliche Körperverletzung. Die Erklärung der Staatsanwaltschaft: „Der Zustand des Opfers ist stabil.“

Von Verena Gehring

Kommentar

Zwei Männer stechen mehrfach mit einem Messer auf ihre Opfer ein. Keiner von beiden hat bei der Tat sicher sein können, dass die Person nicht stirbt. Beispiel: Selbst wenn sie aktiv den 20. Stich nicht mehr gesetzt haben – der 13. hätte ja schon tödlich sein können. Erst recht kann der „stabile Zustand“ des Opfers keine Begründung sein.

Getreu dem Motto: Sobald es gut geht, wird es eine gefährliche Körperverletzung, wenn nicht, muss das Opfer erst seinen Verletzungen erliegen. Dieser Eindruck kann bei der Argumentation der Staatsanwaltschaft entstehen. Doch wieso gibt es in der Rechtssprechung dann die unterschiedlichen Straftatbestände, wenn es selbst bei solchen Verbrechen auf eine gefährliche Körperverletzung hinausläuft?

Geht es am Ende doch darum, die Statistik zu glätten? So oder so sollten die Behörden in ähnlich gelagerten Fällen härter durchgreifen. Am Ende ist es ansonsten kein Wunder, dass Bürger landauf landab Kriminalitätsstatistiken nicht mehr ernstnehmen.

Von Verena Gehring