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Sehen “Deepwater Horizon“ und mehr DVD-Tipps
Sonntag Tipps & Kritik Sehen “Deepwater Horizon“ und mehr DVD-Tipps
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19:51 28.04.2017
Quelle: Fotolia
Hannover


Humans, Staffel 1: Irgendwie auch eine Familienserie. In der ersten Staffel von “Humans“ schafft sich Joe Hawkins (Tom Goodman-Hill) einen “Synth“ an, ein humanoides Wesen, das seiner fünfköpfigen Familie im Haushalt helfen soll, zumal Ehefrau Laura (Katherine Perkins) beruflich meist unterwegs ist. “Anita“ (Gemma Chan) ist bei den Hawkins‘ nicht unumstritten, aber sie ist höflich, sanft, dienstbar und fleißig. Nur ab und zu scheint sie plötzlich verändert, dann ist “Mia“ am Ruder, eine zweite, unterdrückte aber bewusstere Persönlichkeit im Kunststoffkörper. Sie gehört zu einer “Familie“ spezieller Kunstwesen, die von ihrem Schöpfer mit künstlicher Intelligenz ausgestattet wurden und unter Leo (Collin Morgan), dem Sohn des Forschers, vor dem Zugriff furchtsamer, vernichtungswilliger Menschen fliehen.

Das britische Remake der schwedischen Serie “Real Humans“ erzählt was derzeit als nicht mehr allzu ferne Zukunftsmusik gilt - die Geschichte, wie Wesen aus Metall und Kunststoff all das erlangen, was die Spezies Mensch so einzigartig macht, inklusive der Fähigkeit, Aggression absichtsvoll in Gewalt umzusetzen. Sie leben. Sind unheimlich. Und bemitleidenswert. Und streben nach Reproduktion. Ein anspruchsvolles, kluges Scifi-Drama, das sich immer wieder neu mit Spannung auflädt, das den Zuschauer zwiegespalten und zugleich voll des Hungers auf neue Episoden zurücklässt.

Humans Quelle: Justbridge

The Young Pope, Staffel 1: Ein Wunderchen - der Papst tritt auf den Balkon, der Regen hört auf. “Ich diene Gott! Ich diene euch!“ ruft er den Hunderttausenden auf und hinter dem Petersplatz zu. Ziemlich charismatisch ist er, wenn er “Einklang im Leben mit Gott“ fordert. Als er dann auch noch Masturbation, Schwulenhochzeit und Nonnen im Priesteramt fordert, herrscht betroffenes Schweigen und klar ist: Das war nur ein Traum. Der erste von den vielen ungeheuerlichen Träumen und Taten dieses gern an Traditionen rüttelnden, Kardinäle und sonstiges Vatikanvolk verprellenden Populisten auf dem katholischen Christenthron.

So geht “The Young Pope“ los, die Serie des italienischen Autorenfilmers Paolo Sorrentino über den jüngsten, attraktivsten und ersten US-amerikanischen Stellvertreter Gottes auf Erden, Pius XIII. bürgerlich Lenny Belardo, einen knackärschigen Meister des Unkonventionellen, der eine Cherry Coke Zero frühstückt und mehr an Zigaretten hängt (Rauchverbot für alle anderen) als an Menschen. Um ihn herum tänzeln, schweben und kriechen eitle, ängstliche, devote, intrigierende Kirchenmänner, nur seine alte Ziehmutter, die Klosterschwester Mary (fantastisch: Diane Keaton) genießt sein Vertrauen.

Überraschungen hält Sorrentino in Serie bereit, die den Vatikan indes wie gewohnt als Hort für Leute zeigt, an denen Jesus trotz seiner ungeheuren Nächstenliebe das ein oder andere auszusetzen hätte. Beim Filmfest von Venedig war diese äußerst amüsante und bald schon auch spannende Serie im Vorjahr der meist erwartete und -diskutierte Beitrag. Der echte Vatikan dürfte sich gruseln wie nie, Statements blieben aus (Schweigen sagt alles), eine Drehgenehmigung an den Originalorten aber auch.

The Young Pope Quelle: Polyband

Victoria, Staffel 1: Kleine, große Königin. Niemand hatte Alexandrina Victoria von Kent auf der Rechnung, und doch wird sie im Jahr 1837 Thronfolgerin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland, das sie bis 1901 regieren wird. Die Serie “Victoria“ erzählt von den Anfängen, ihren Nöten mit der schwachen Mutter (Catherine H. Flemming), die von dem manipulativen Sir Conroy (Paul Rhys) beeinflusst wird und der auch die Tochter unter seine Fittiche holen will. Victoria aber vertraut lieber dem pragmatischen Premier Lord Melbourne (Rufus Sewell).

Die gediegene TV-Produktion kann es zwar nicht ganz aufnehmen mit anderen Serien aus der Brit-Geschichte wie “Downton Abbey“ oder “The Crown“, aber “Doctor Who“-Star Jenna Coleman verleiht der Gestalt der Königin jenen Underdog-Charme, der an die Figur der Danaerys Targaryen alias Khaleesi aus “Game of Thrones“ erinnert. Der Zuschauer verliebt sich und bleibt Ihrer Majestät treu. Historisch erlaubt man sich – wie meist in historischen Serien – Ungenauigkeiten und Erfindungen. Man muss sich Gewahr sein, dass diese Serie der Unterhaltung dient, sie ist nicht in allen Details zitabel für Geschichtsunterricht oder -Studium.

Victoria, Staffel 1 Quelle: Edel Germany

Trapped – Gefangen in Island: Wenn es in einem isländischen Thriller schneit, dann steht das schlechte Wetter stets für äußerstes Unheil. Die Ostküste geht in der unbehaglichen Serie “Trapped – Gefangen in Island“ geradezu unter im Schnee, der Pass bleibt entsprechend gesperrt, ein schrecklicher Sturm rollt sich aus. In dieser Katastrophenlage wird in dem kleinen Städtchen Seydisfjördur ein Torso angeschwemmt. Die Polizei vermutet, dass der Unbekannte von der Fähre ins eisige Meer geworfen wurde. Deshalb soll vorerst niemand das Schiff verlassen, was zu weiterem Chaos führt. Ein zweiter Mord geschieht, der all den Eingeschlossenen klarmacht: Das Böse ist mit ihnen abgeschottet und muss gefunden werden, denn aller blutigen Dinge sind ganz bestimmt (mindestens) drei.

Baltasar Kormakur, Regisseur der Kinofilme “101 Reykjavik“ und “Everest“, hat die zehn Episoden dieses Whodunnit produziert, zwei selbst inszeniert. Der Thrill von Mörderjagd (und Menschenhandel) wird belebt durch Kinder, die vergeblich auf Väter warten, Männer, die sich schwer tun mit dem neuen Lebensgefährten der Ex.Kormakur erzählt Lebensgeschichten von Leuten am Rand der Eiswelt wie dem getrennt lebenden Polizeichef Andri (Olafur Darri Olafsson) oder dem Verdächtigen Hjörtur (Baltasar Breki Samper), Menschen, die in der Gegenwart leben, aber in Wahrheit in der Vergangenheit gestrandet sind.

Trapped Quelle: StudioCanal

The Shallows: Am Anfang findet ein kleiner mexikanischer Junge eine Strandkamera, deren Aufnahmen einen Haiangriff auf einen Surfer zeigen. Damit einen der Anblick des türkisblauen Traumstrands und der blonden, sympathischen Nancy (Blake Lively) nicht etwa auf die Idee bringen könnten, hier gehe es um eine Familiengeschichte (Tochter sucht den Lieblingsstrand der gestorbenen Mutter auf) oder hier bräche sich eine Sommerromanze Bahn. Es brechen nur die Wellen, man sieht Surfer von der Seite, von unten und – besonders eindrucksvoll – aus der Helikopterperspektive.

Und dann kommt der Hai, erst als seltsame Atmosphäre, begleitet von einer bedrohlichen Geräuschmusik, dann himself, einer von der Sorte, die Steven Spielberg 1975 auf sein Publikum losließ, ein wirklich großer Weißer mit großem Jagdeifer. Nancy kann sich erst auf einen stinkenden Walkadaver, dann auf einen Felsen retten, der allerdings nur bei Ebbe aus dem Wasser ragt. Der Meeresspiegel steigt, der hungrige Raubfisch kreist, die Zeit läuft ab.

Ein Belagerungsthriller, bei dem das vom Hai schon angebissene Opfer kaum eine Chance zu haben scheint. Zwei Möglichkeiten gibt es: die unwahrscheinliche Rettung durch die “Kavallerie“ oder Tod auf See wie in “Open Sea“. Der Film, der als Gruselmärchen endet, sagt seinen Zuschauern knapp 90 Minuten lang “Fürchtet euch schlicht“. Was dieser Film außerdem noch sagt ist, dass Mexikaner – von einem Tequila-trunkenen Dieb mal abgesehen – eben doch kein Volk sind, das sich in Amerikaflüchter oder glatzköpfige, über und über tätowierte drogenvertickende Gang-Psychopathen aufteilt. Siehste wohl, Trump!

The Shallows Quelle: Sony

Die glorreichen Sieben: Sieben begrenzt edelmütige, nicht ganz untadelige bis sogar ziemlich gesetzlose Männer der Flinte und des Revolvers beschützen aus unterschiedlichen Gründen brave Kleinstädter im noch ziemlich Wilden Westen vor elenden Banditen. Die zünden Kirchen in Diensten des Goldminenbesitzers Bartholomew Bogue (Peter Sarsgaard) an, erschießen Männer und töten sogar Frauen hinterrücks mit dem Tomahawk, um ihrem Herrn zu Gefallen zu sein und die Einwohner zu vertreiben. Ruchlose Brachialkapitalisten stehen gegen Individualisten mit besonderen Talenten an Schießeisen. Letztere werden von Denzel Washington angeführt, Ethan Hawke, Chris Pratt und Vincent D‘Onofrio reiten mit ihm.

Das gabs schonmal 1960, und John Sturges‘ “Die glorreichen Sieben“ (selbst ein Remake von Akira Kurosawas “Die sieben Samurai“) gehört zu den ganz großen Kalibern des Westerngenres, der auch hier unerreicht bleibt. Antoine Fuqua leistet allerdings respektable Arbeit, passt die alte Geschichte an die Unterhaltungsbedürfnisse heutigen Kinos an (Tempo, Action, Witz), ohne sie zu verraten. Am Ende darf dann sogar Elmer Bernsteins berühmte Filmmusik aus dem Original erklingen, die durch die Marlboro-Zigarettenwerbung Jahrzehnte gegenwärtig blieb.

Die glorreichen Sieben Quelle: Sony

Deepwater Horizon: Das “Bohrloch des Teufels“ wird von den BP-Verantwortlichen als sicher eingestuft, die zaudernden Männer auf der Bohrinsel als Memmen beschimpft, bis sie nachgeben. Der Haifischkapitalismus zeigt Zähne und nur wenige Minuten später zeigt die Natur die größeren, tritt Schlamm aus den Ritzen, eine Methanblase steigt auf, und die “Deepwater Horizon“ verwandelt sich in Teufels Küche. Metall birst, schwere, scharfkantige Dinge rasen durch die Luft, Menschen werden verletzt, sterben, drängeln sich in Rettungsboote, springen aus vielzu großer Höhe ins Wasser oder versuchen – im Fall des Mitarbeiters Mike Williams (Mark Wahlberg) – heldenhaft zu retten, wer zu retten ist.

Peter Berg inszeniert ein unglaubliches Inferno, einen spannenden Katastrophenfilm nach den wahren Begebenheiten im Golf von Mexiko vom April 2010. Der Film bringt dem Zuschauer eine unbekannte Sphäre nahe, hält ihn mit einer aufopferungsvollen Heldenfigur dauerhaft in Spannung, erzählt dabei die vertraute Geschichte von menschlicher Hybris und Zerbrechlichkeit und hat schon bald kaum noch Zeit für seine skizzenhafte Figuren. Während Kurt Russell als Bohrinselchef Mister Jimmy noch eine Rolle spielt, bleibt Gina Rodriguez, Star aus der parodistischen Soap “Jane the Virgin“ farblos, bis sie zum Höhepunkt ihre erinnernswerte Szene bekommt.

Deepwater Horizon Quelle: StudioCanal

Von Matthias Halbig

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