Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Top-Thema Ist genug für alle da?
Sonntag Top-Thema Ist genug für alle da?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:10 23.10.2015
Von Reinhard Urschel
Einzig logische Reaktion auf ohnehin steigende Sozialausgaben oder naives Luftschloss linker Sozialromantiker? Die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen erhitzt die Gemüter. Quelle: Shutterstock

Der Gesichtsausdruck von Heino hat schon ziemlich viel von dem verraten, was wohl viele Leute denken mögen, wenn sie Michael Bohmeyer reden hören. Der junge Mann mit dem modischen Undercut-Haarschnitt sitzt in der WDR-Talkshow "Kölner Treff" neben dem Seniorbarden und plaudert über ein Gesellschaftsmodell, als bedeute ihm dies das Paradies auf Erden.

Man müsse, um glücklich zu werden, doziert Bohmeyer, nur Geld und Arbeit entkoppeln. Will meinen: Erst wenn niemand mehr den Buckel krumm machen müsse, um ans liebe Geld zu kommen, werde diese Gesellschaft glücken. Er habe das selbst bei sich ausprobiert, er sei viel mutiger, kreativer geworden und sogar ein besserer Vater.

Geld und Glück für alle

Gut, rundet Bohmeyer seine Glückspredigt ab, solange dieses Modell von der Mehrheit der Gesellschaft noch nicht verstanden und vom Staat noch nicht getragen werde, müssten sich eben Leute bereit erklären, das für andere zu finanzieren. Zum Beispiel Leute, die was in der Portokasse haben.

Als Bohmeyer in dem Moment in Richtung Heino blickt, zuckt der leicht zusammen. Das Gesellschaftsmodell heißt "bedingungsloses Grundeinkommen (BGE)". Bohmeyer, 30, ist so etwas wie der augenblickliche Chefpropagandist in Deutschland für einen wahrhaft uralten Gedanken: Eine Gesellschaft wird glücklicher, wenn jeder nach seiner Façon leben kann, weil er sich nicht um seinen Lebensunterhalt sorgen muss.

Wer möchte, kann als Grundlage der Idee das Matthäus-Evangelium (6.26) heranziehen, wo es ja heißt: "Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn Speise? Und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?"

Es gibt bereits Modellprojekte

Wer es freilich ein wenig näher an den heutigen Zeiten mag, der wird in grünen und linken Programmentwürfen für eine neue Gesellschaftsordnung fündig. Angeblich entdecken immer mehr Menschen den Charme eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle. Andere sprechen auch vom anstrengungslosen Grundeinkommen, aber darin steckt ja doch schon eine Wertung, eine Abwertung. Und von da bis zum Urteil "linkes Luftschloss naiver Sozialromantiker" ist es dann nicht mehr weit.

Ganz so wolkenkuckucksheimmäßig ist die Idee gleichwohl nicht. Nur sind die bisherigen Erfahrungen eher dürftig. Modellprojekte gibt es in den Niederlanden – ganz aktuell in Utrecht, Tilburg, Maastricht und Groningen – und bald auch in Finnland. Die seit dem Sommer amtierende Regierung, die sich aus der liberalen Zentrumspartei, der konservativen Nationalen Sammlungspartei und der rechtspopulistischen Partei der Finnen zusammensetzt, will die Sache angehen. In einer Koalitionsvereinbarung steht dazu genau ein Satz: Man wolle ein Experiment starten.

In Kanada haben in den Siebzigerjahren arme Bewohner einer Kleinstadt mehrere Jahre lang Geld ohne Vorbedingungen erhalten. In einem Dorf in Namibia lief von 2008 bis 2013 ein Versuch. Das Geld kam unter anderem von Spendern und Vereinen aus Deutschland, Japan, Costa Rica und Neuseeland.

Demonstration für das bedingungslose Grundeinkommen 2012 in Berlin Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Für grundlegende Erkenntnisse waren die Versuche zu kleinteilig und zu kurz. In Brasilien steht das Recht auf ein Grundeinkommen in der Verfassung, bisher allerdings folgenlos. In der Schweiz sollen die Bürger in ein paar Jahren darüber abstimmen können. Vor einigen Jahren hat Thüringens damaliger Ministerpräsident Dieter Althaus ein Modell vorgestellt. Der Sachverständigenrat hat ihm vorgehalten, seine Rechnung könne nicht aufgehen.

Man kann sich aber auch von Leuten wie Bohmeyer anstecken lassen von dem betörenden Gedanken, vollkommen frei zu leben und bar jedes finanziellen Zwangs mit einer begrenzten Summe Geld auszukommen. Bohmeyer, der nach eigener Aussage "seit seinem 16. Lebensjahr im Internet Start-ups gegründet" hat, stellte im Sommer 2014 die Seite "mein-grundeinkommen.de" ins Netz. Damit wollte er zeigen, was er im Studium gelernt hatte. Strategische Kommunikation, Zielgruppenanalyse, Medienansprache.

In Tageszeitungen erschienen kleine Notizen, es folgte ein Auftritt im Frühstücksfernsehen, und binnen 80 Tagen kamen mehr als 50 000 Euro zusammen. Mit der Crowdfunding-Plattform sind bisher 12 Personen – unter ihnen auch ein achtjähriger Junge – zu einem Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat für die Dauer eines Jahres gekommen. Niemand hat gleich 12 000 Euro auf einmal auf den Tisch gelegt, Kleinspenden bis zu 400 Euro sind eher typisch für die Geldgeber. 17 000 Interessenten hatten sich gemeldet, per Los ist ermittelt worden, wer die auserwählten zwölf sein sollten.

Ökonomen sind skeptisch

Einer der heftigsten Verfechter der Idee ist Götz Werner, der Gründer der Drogeriemarktkette dm. Er vergleicht das Projekt schon mal mit der Erfindung des Autos, des Telefons und mit der kopernikanischen Wende. Die meisten Mainstreamökonomen dagegen sind skeptisch. Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, sagt, es seien alle Versuche gescheitert, das Paradies auf Erden zu errichten, und auch das Grundeinkommen sei Unfug.

Es beruhe ja auf der Annahme, dass es immer genügend Menschen geben werde, die gerne für mehr Geld mehr arbeiten, sei es um reicher zu werden als die Masse oder aber weil sie Freude an ihrem Beruf haben. Der Mehrwert, den sie schaffen, versorgt die anderen, die nichts oder wenig in den großen Topf einzahlen.

Die gemeinste Frage, die man einem Verfechter der Idee stellen kann, ist die nach der Finanzierung. Damit ist nicht das Crowdfunding gemeint oder simpler die Frage, ob Leute wie Heino und andere altmodisch Denkende dafür etwas übrig haben und spenden, nein, gesellschaftsverändernd wirkt die Idee erst, wenn alle daran teilhaben.

Das aber würde bedeuten, dass nicht nur überwiegend junge Leute, die schon immer mal "etwas ausprobieren" wollten, solch ein Einkommen beziehen, sondern wirklich alle – bedingungslos eben. Das heißt, auch der gut verdienende Apotheker, die wohlbestallte Studienrätin und der Schichtarbeiter in Wolfsburg. Diese Alt-Arbeitsplatzbesitzer zahlen Steuern – dann müssten sie eben etwas mehr abgeben. Wer das nicht will, kann ja sein Leben umstellen und sich mit dem Grundeinkommen zufriedengeben.

Pro und Contra einer Utopie?

Selbst die Befürworter eines BGE gehen für Deutschland von immensen Kosten aus: bis zu 1,5 Billionen Euro pro Jahr. Je nach Höhe des BGE. Nun ist es so, dass sich bislang alle Ausgaben des Bundes zusammengerechnet auf gerade einmal 300 Milliarden Euro belaufen. Selbst wenn Bund, Länder und Gemeinden ihre jährlichen Ausgaben auf einen Haufen werfen, kommen nur 780 Milliarden Euro zusammen.

Die Befürworter machen eine Gegenrechnung auf: Schon jetzt muss der Staat mehr als 800 Milliarden Euro pro Jahr für Sozialaufgaben aufbringen. Die würden einfach in BGE umgewandelt. Der Rest lasse sich leicht über Steuererhöhungen eintreiben. Wirklich leicht? 700 Milliarden Euro sind eine stolze Summe. Wer auch nur einen Euro mehr als das Grundeinkommen verdiente, bekäme davon 80 bis 90 Cent abgezogen.

Ob das System in der Wirklichkeit funktionieren würde? Wie einst beim Kommunismus wird es nie zu einem Beweis am lebenden Objekt kommen. Denn dummerweise brechen solche Utopien auf dem Weg zur Praxisreife immer zusammen.

Top-Thema Umbruch im Musikbusiness - Gestreamt, gecastet, gehypt

Youtube, Soundcloud und Spinnup: Nie war es für echte und selbst ernannte Musiktalente leichter als heute, Millionen Klicks, Likes und Fans zu bekommen. Zugleich wird echter, wirtschaftlicher Erfolg im Musikgeschäft immer schwieriger. Denn der Kuchen wird kleiner.

23.10.2015

Wer scheitert, ist ein Versager. Dieses Denken ist typisch in einer Welt, die vor allem Gewinner und Verlierer kennt. Dabei ist Scheitern eine Voraussetzung persönlicher Weiterentwicklung – meinen immer mehr junge Menschen und treten eine kleine Bewegung los.

Marina Kormbaki 16.10.2015
Top-Thema Nach dem Wiener Abkommen - Der Iran entdeckt die neue Freiheit

Es tut sich etwas im Land der Mullahs. Dass immer mehr Teheranerinnen ihre Kopftücher nur noch als Accessoires tragen, ist Ausdruck eines tief greifenden Wandels. Auch wirtschaftlich steht die Islamische Republik vor der Öffnung –  westliche Unternehmen strecken bereits ihre Fühler aus.

Lars Ruzic 16.10.2015