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Hannover 96 Mit Trainingsplan an der Kühlschranktür
Sportbuzzer Hannover 96 Mit Trainingsplan an der Kühlschranktür
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12:16 15.11.2014
Tayfun Korkut ist seit einem knappen Jahr Trainer bei Hannover 96.
Tayfun Korkut ist seit einem knappen Jahr Trainer bei Hannover 96. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Herr Korkut, Sie sind jetzt seit einem knappen Jahr Trainer bei Hannover 96. Gab es in dieser Zeit schon einmal einen Tag, an dem Sie nicht über Fußball und 96 nachgedacht haben?
(zögert) Ich suche gerade den Tag. Nein. Aber ich finde das gar nicht so außergewöhnlich, dass ich keinen Tag komplett frei von Hannover 96 bin. Das Fußballgeschäft ist so intensiv, dass jeden Tag irgendwas passiert und man automatisch darauf zurückkommt. Aber ich versuche – wie wahrscheinlich alle anderen Trainer auch – abzuschalten. Das gelingt mir am besten mit meiner Familie, also meiner Frau und meinen drei Kindern.

Wie muss man sich das vorstellen? Schaltet Ihre Frau dann den DVD-Spieler aus und sagt: „Du hast das Spiel in Aalen jetzt dreimal gesehen – es reicht!“?
Nein, überhaupt nicht. Mit meinen Kindern zu spielen oder sie einfach nur auf dem Sofa in den Arm zu nehmen, das reicht schon. Unsere Kleine ist jetzt ein Jahr und zwei Monate alt und entdeckt gerade sehr, sehr viel. Von daher muss ich zu Hause auch sehr wach sein und aufpassen. Bei uns ist immer etwas los.

Braucht man dafür eine sehr tolerante Familie?
Ja. Ich meine, das ist fast das Wichtigste. Ohne die Toleranz der Frau und auch der Kinder würde man als Trainer nicht funktionieren, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Man braucht absolute Unterstützung zu Hause. Es geht nicht darum, dass meine Frau mich nach einer Niederlage trösten müsste, sondern dass ich weiß, dass zu Hause alles funktioniert. Aber wenn ich mal länger im Stadion bin und arbeite, dann weiß ich, dass zu Hause alles läuft und ich mir keine Gedanken machen muss, ob mit den Kindern oder der Schule etwas ist. Meine Frau organisiert alles, dafür bin ich sehr dankbar. Und meine Kinder sind es so gewohnt, die akzeptieren es auch so. Die Zeit, die ich zu Hause bin, versuche ich dann natürlich möglichst intensiv mit ihnen zu verbringen.

Was machen Sie denn dann?
Unser Sohn spielt Fußball, und wir haben einen großen Garten. Daher ist natürlich auch wieder viel Fußball angesagt, außerdem spielt er auch im Verein. Unsere große Tochter macht Ballett. Wir sind eine ganz normale Familie, wir spielen und lernen mit unseren Kindern. Ich suche auf jeden Fall die Nähe der Kinder, die ich sonst nicht habe, weil ich so viel unterwegs bin. Die Kinder wissen ja nie, wann ich komme. Bei uns zu Hause hängt unser Trainingsplan am Kühlschrank. Aber deshalb kann meine Frau noch lange nicht fest damit planen, dass ich pünktlich nach Hause komme.

Dürfen Sie Ihre Frau und die Kinder nach einer bitteren Niederlage wie der im Pokalspiel in Aalen denn überhaupt auf Fußball ansprechen, oder brauchen Sie dann erst einmal etwas Zeit für sich?
Gegen Aalen war meine Familie nicht da, weil sie die Ferienzeit in Spanien verbracht hat. Deshalb war ich alleine.

War das ganz gut so?
Einerseits hat man nach einer Niederlage wie in Aalen, die mich und die ganze Mannschaft noch immer wurmt, nicht das Bedürfnis, dass sich jemand viel mit einem beschäftigt. Andererseits hat man, wenn niemand zu Hause ist, auch viel Zeit zum Nachdenken und weniger Ablenkung. Ich kann nicht definitiv sagen, was besser ist. Nach Niederlagen schlafe ich nie gut. Es gibt aber auch Siege, nach denen ich nicht viel schlafe.

War das schon als Spieler so? Hat der Spieler Tayfun Korkut auch schon wie ein Trainer gedacht?
(lacht) Weil ich oft gute Trainer hatte, habe ich mir darüber nur wenig Gedanken gemacht. Und ich war kein Spieler, der seinen Mitspielern vorschreiben wollte, wie sie zu spielen haben. Das mag ich auch jetzt nicht. Jeder hat seinen Job, und der sollte auch erledigt werden. Was mir aber schon als Spieler immer wichtig war, ist die Gruppe. Das ist auch jetzt unser Fundament. Es ist unheimlich wichtig für mich, dass sich alle gut miteinander verstehen und ein guter Teamgeist herrscht. Das ist der Schlüssel dafür, dass Erfolg entstehen kann, bringt eine Mannschaft aber auch durch schwierige Momente. Und die habe ich erlebt. Ich habe nicht immer nur um die Meisterschaft gespielt. Ich habe bei Fenerbahce viel Druck im Kampf um die Meisterschaft gehabt, dann in Spanien zwei Jahre lang gegen den Abstieg gespielt und dann wieder ein Jahr um die Meisterschaft.

Zur Person

Tayfun Korkut (40) wurde am 31. Dezember des vergangenen Jahres als neuer Trainer von Hannover 96 vorgestellt – damals eine große Überraschung. Mit dem 3:1-Sieg beim VfL Wolfsburg gelang ihm im ersten Spiel auf der hannoverschen Bank der perfekte Einstieg. Als Nachfolger von Mirko Slomka führte er die Mannschaft vergangene Saison trotz einiger Rückschläge sicher zum Klassenerhalt und noch auf Platz 10.

Der gebürtige Stuttgarter spielte nach einer Saison bei den Kickers in der Türkei (Fenerbahçe Istanbul, Beşiktaş Istanbul und 2006 noch 13 Partien für Gençlerbirliği Ankara) und in Spanien (Real Sociedad San Sebastián, Espanyol Barcelona). Für die türkische Nationalmannschaft, deren Kotrainer er von 2012 bis 2013 war,  spielte er 42-mal. Die „Roten“ sind sein erster Klub als Profitrainer, vorher war er bei San Sebastián, beim VfB Stuttgart und 1899 Hoffenheim Nachwuchscoach.

Der spanische Weltmeister-Coach Vicente del Bosque war Korkuts Trainer und Lehrmeister, als er im Mittelfeld von Besiktas Istanbul spielte. Beim Trainerlehrgang des Deutschen Fußball-Bundes war Korkut Teil jener berühmten Abschlussklasse von 2011, zu der auch Markus Gisdol (heute Trainer 1899 Hoffenheim), Markus Weinzierl (FC Augsburg), Thomas Schneider (Assistent von Bundestrainer Joachim Löw), Sascha Lewandowski (bis vergangene Saison Bayer Leverkusen) und Michael Wiesinger (früher 1. FC Nürnberg) gehörten.

Korkut ist mit der Spanierin Elena verheiratet, sie haben mit Efe (8 Jahre), Ela (6) und Ada (1) drei Kinder.

Wie würden Sie denn jetzt Ihr Verhältnis zu den Spielern bei 96 beschreiben – ist es eher autoritär oder eher kumpelhaft?
Eigentlich müssten das eher die beantworten, die mit mir als Trainer zu tun haben. Es gibt schon Dinge, die mir wichtig sind: kommunikativ zu sein, offen und ehrlich. Das sind Grundlagen für unsere tägliche Arbeit und gilt für mein Trainerteam und mich. Ob wir es wirklich schaffen, sie rüberzubringen, das müssen dann die anderen entscheiden.

Ist Glaubwürdigkeit das Wichtigste für einen Trainer im Umgang mit den Spielern?
Ehrlichkeit ist, meine ich, das Wichtigste. Glauben Sie nicht, dass bei uns alles nur jeden Tag Spaß ist. Es ist wie in allen Familien und in allen Firmen, dass auch einmal etwas gesagt wird, was dem anderen vielleicht nicht ganz so gefällt. Aber wichtig ist, dass man es ehrlich meint und offen formuliert. Und das versuche ich. Das Endergebnis müssen andere beurteilen.

Einer, der nach dem letzten Spiel in Berlin etwas gesagt hat, war Innenverteidiger Christian Schulz. Er meinte, es sei ein sehr gutes Spiel der Mannschaft gewesen, aber der Trainer werde bestimmt noch etwas finden, das ihm nicht gefallen habe. Ist das ein Kompliment für Sie?
Die Aussage ist für mich überhaupt nicht negativ. Ich bin sicherlich ein Perfektionist, aber es gibt auch Dinge, die man einfach nicht steuern kann. Das weiß ich. Trotzdem sollte man immer nach der Perfektion streben. Das ist für unsere Arbeit der Weg. Ich versuche gemeinsam mit meinem Trainerteam und unserem Betreuerstab, das Beste für diese Spielergruppe zu machen und alles zu geben.  Unsere Zusammenarbeit ist von großem Vertrauen geprägt. Dazu ein Beispiel: Xaver Zembrod (Kotrainer) und Julen Masach (Athletiktrainer) sind langjährige Wegbegleiter von mir.

Wenn man Sie während der Spiele an der Seitenlinie beobachtet, dann coachen Sie so viel wie sonst wohl nur ein Trainerkollege in München, aber schimpfen fast nie über Fehler von Spielern. Sie richten den Blick immer schon wieder nach vorne auf die nächste Situation.
Ich denke nicht, dass ich ein Trainer bin, der lange sitzen kann. Die Vorbereitung auf das Spiel ist das Allerwichtigste, danach entwickelt es eine Eigendynamik, aber man versucht natürlich, durch Kleinigkeiten aktiv zu werden. Mir ist sehr wichtig, dass wir keine Zeit auf dem Platz mit unnützem Zeug verlieren – also mit Schiedsrichter-Diskussionen oder Gegner-Diskussionen. Genau das sind die Momente, in denen die Konzentration nachlässt und wir vielleicht dadurch in der nächsten Situation einen Fehler machen. So will ich kein Tor bekommen. Wenn jemand gegen uns ein Tor schießt, dann muss er schon etwas Besonderes machen.  

Wie haben Sie denn einen emotionalen Spieler wie Marcelo, der ja noch in der vergangenen Saison regelmäßig beim Schiedsrichter auftauchte, dazu bekommen, deutlich besonnener aufzutreten?
Durch gemeinsame Gespräche. Aber auch die Mannschaft hat ihn darauf hingewiesen, und Marcelo hat selbst erkannt, dass sein Spiel stabiler ist, wenn er ruhiger ist. Mit Christian (Schulz, d. Red.) hat er jemanden an seiner Seite, der selbst eher ruhig ist und eine langjährige Erfahrung mitbringt. Aber am Ende muss es beim Spieler selber „klick“ machen. Ich kann ihm ja nicht einfach eine Spritze geben.  

Wie wichtig ist es, der Mannschaft auch Freiräume und Rückzugsorte wie die Kabine zu lassen?
Ich bin jeden Morgen unmittelbar vor Trainingsbeginn in der Kabine, begrüße die Mannschaft und brauche nicht länger als zwei, drei Minuten für eine kleine Ansprache. Das ist alles. Ansonsten meide ich die Kabine, weil ich die Erfahrung als Spieler gemacht habe, dass dort keiner vom Trainerteam etwas zu suchen hat. Ich muss nicht alles hören. Es muss immer möglich sein, dass die Spieler dort etwas sprechen oder besprechen, das nur sie etwas angeht. Daher nenne ich die Kabine auch das Wohnzimmer der Mannschaft, weil sie da machen kann, was sie will.

Haben Sie sich und die Mannschaft nach dem Aalen-Spiel oder auch nach der Heimniederlage gegen Mönchengladbach von den Fans oder von den Medien ungerecht behandelt gefühlt?
Ich kann mit Kritik leben. Das muss man lernen, weil es Teil des Jobs ist. Die Spieler müssen damit klarkommen, wenn sie mal eine schlechte Note in der Zeitung bekommen, die sie vielleicht nicht nachvollziehen können. Die Erfahrung habe ich früher auch gemacht. Und ich habe auch kein Problem damit, wenn ich als Trainer Kritik bekomme. Ich verstehe, dass jemand, der 20 Jahre eine Dauerkarte hat und hoch emotional ist, mit einem Spiel mal nicht zufrieden ist und gefrustet nach Hause geht. Das zu respektieren, damit habe ich kein Problem. Aber ich muss weiterarbeiten. Was ich nicht so gut abkann, sind Dinge wie Facebook oder Twitter oder Internetforen, bei denen man in der Regel nicht weiß, wer etwas schreibt, weil sich die Leute hinter einem Pseudonym verstecken.

Dann mal ganz offen: Fehlt der Mannschaft noch die Stabilität, solche tiefen Abstürze wie gegen Aalen zu verhindern?
Konstanz und Stabilität sind für eine neu formierte Mannschaft wie unsere immer ein Thema. Die 19 Punkte in der Bundesliga sind aber kein Zufall, sondern das Ergebnis der Arbeit von der Mannschaft auf dem Platz. Sie hat den Schwung mitgenommen, das hilft auch bei ihrer Entwicklung. Und ich finde, auch sechs Spiele zu null sind ein Ausrufezeichen der Mannschaft. Sie hat in den vergangenen zwei Spielen nicht viel zugelassen. Eines ist aber klar: Bei uns muss jeder Gas geben. Wir können es uns nicht erlauben, dass zwei Spieler ihr Leistungsniveau nicht erreichen.

Hat sich das im Vergleich zu Ihrer Zeit als Spieler verändert, als eine Mannschaft auch einmal ein oder zwei Spieler durchschleppen konnte?
Früher hatte man Spielmacher, die mussten nicht viel laufen. Ich habe immer dahinter gespielt und musste aufräumen. Heutzutage muss sich auch eine Nummer 10 defensiv einbringen, also pressen, zurücklaufen, Bälle erkämpfen. Die Stürmer haben früher in der Regel nur vorne gelauert und sich in Position gebracht. Das geht heute nicht mehr. Dafür gibt es ein Paradebeispiel: den FC Bayern München. Da gibt es Spieler, die alles gewonnen haben, aber nach Ballverlusten immer noch diesen großen Hunger auf den nächsten Ballgewinn haben und gleich wieder draufgehen. Das ist Mentalität. Und Mentalität siegt meist über Talent.

Wenn man aus bundesweiter Sicht auf Hannover 96 als Tabellenvierten der Bundesliga schaut, werden sich viele wundern und denken: „Die bleiben da eh nicht.“ Täuschen die sich? Und ist das nicht auch eine tolle Situation, ein bisschen unterschätzt zu werden?
Wir haben jetzt erst elf Spieltage absolviert. Die 19 Punkte haben wir, die nimmt uns auch keiner mehr. Aber die Hände sind immer noch leer, es ist letztendlich noch nichts rausgesprungen. Wir haben aber eine Basis geschaffen und eine Möglichkeit, da etwas draufzusetzen. Ich kann nichts voraussagen, nur eines versprechen: Die Mannschaft wird alles versuchen, diese Situation mit allem zu verteidigen, was sie hat. Es ist ein gutes Gefühl für einen Trainer, wenn er merkt, dass jeder sein Ego ein Stück weit zur Seite schiebt. Wichtig ist, dass die Spieler spüren, dass sie alle etwas davon haben, wenn sie erfolgreich sind. Dann sind alle Gewinner.

Interview: Norbert Fettback, Björn Franz und Heiko Rehberg

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