Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Hannover 96 Das Schweigen der Männer
Sportbuzzer Hannover 96 Das Schweigen der Männer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 03.04.2015
Von Volker Wiedersheim
Ein Verein als Herzenssache: Diese Choreografie in der Nordkurve gab es 2013 beim Europa-League-Spiel gegen Standard Lüttich. Foto: zN
Ein Verein als Herzenssache: Diese Choreografie in der Nordkurve gab es 2013 beim Europa-League-Spiel gegen Standard Lüttich. Quelle: Ulrich zur Nieden/Archiv
Anzeige
Hannover

Die HAZ nutzt die Pause zwischen dem Heimspiel gegen Dortmund und dem Auswärtsspiel in Frankfurt zu einer 96-Serie.

Bisher erschienen:

Teil 1: Die Trainer

Teil 2: Die Manager

Teil 3: Der Talentschuppen der „Roten“

Teil 4 Anspruch und Wirklichkeit bei 96

Morgen im letzten Teil geht es um Martin Kind – und wie die Zeit danach aussehen kann.

Die 96er und ihre Stadt. Szenen einer Ehe. Die Stimmung im Stadion, in der Stadt - es gibt derzeit Momente, da ähnelt diese Situation der eines lang verheirateten, aber irgendwie entliebten Ehepaares am Frühstückstisch. Mal blafft, oft schweigt man sich an. Sexy geht anders. Oder um es mit den Worten von Clubchef Martin Kind zu sagen: „Da gibt es eine gefühlte Wahrnehmung. Und dieses Stimmungsbild ist im Ergebnis schwierig.“

Neuerdings schreiben sie sich sogar Briefe. Offene Briefe, die noch mehr offene Fragen hinterlassen, als sie beantworten. Ein Großteil des Fußballpublikums fragt sich verwundert: Kann es wirklich so schwer sein, mit den Stimmungskillern aus der „Kind muss weg!“-Fraktion Frieden zu schließen, damit alle sich wieder lieb haben und die 96-Story einen neuen positiven Dreh bekommt?

Ja, kann es! Diese Unfähigkeit ist ein Spezifikum von Hannover 96. Es hat viel mit Martin Kind zu tun. Und mit ganz viel anderem. Allerdings: Kind ist das Gesicht des Clubs, leider im Moment das einzige, und deshalb schauen nun alle auf ihn.

In der aktuell heillos verkanteten und sportlich riskanten Situation hat der Clubchef immerhin eingesehen, dass Schluss sein muss mit der Sprachlosigkeit bei den „Roten“. Und dass das nur mit 96-Bordmitteln nicht zu machen ist. Den offenen Brief hat nicht Kommunikationsdirektor Alex Jacob in der Geschäftsstelle verfasst. Vielmehr hat ein freier PR-Berater aus Hannover für Kind das „Wir haben verstanden“ getextet - und damit gleich wieder für neue Missverständnisse gesorgt.

Netter Versuch. Aber dass ein Brief alles zum Guten wendet, konnte auch keiner ernsthaft erwarten. Auch Kind hat den Appell inzwischen etwas kleinlaut als Teil eines „Lernprozesses“ eingeordnet. Er räumt ein, dass der Club zwar die Medienanfragen für Interviews mit Spielern und der Sportlichen Leitung routiniert abarbeite - das ist aber quasi nur das mediale Grundrauschen. „Aber eine strategische Kommunikation, da muss man sagen, die gibt es noch gar nicht. Da suchen wir jetzt erste Antworten. Das muss krisenfester werden, obwohl das in Hannover und bei 96 immer schon etwas schwieriger war.“

Wer dieses massive Kommunikationsdefizit der „Roten“ verstehen will, darf nicht nur bis zu Pyro-Problemen und der 50-plus-1-Regel über die Eigentümerschaft von Bundesliga-„Vereinen“ schauen, sondern muss noch tiefer in der Struktur der „Roten“ und ihrer jüngeren (Erfolgs-)Geschichte und der darauf gefolgten Ernüchterung nach Erklärungen graben.

Diese Faktoren spielen eine entscheidende Rolle.

Martin Kind: Der Patriarch spricht nicht Fußball. Er hat seit rund 17 Jahren das Sagen, aber sich in all der Zeit kein Vokabular angeeignet, das seinen Plan vermittelt, ohne beim breiteren Publikum Reaktionen im Spektrum zwischen Kopfschütteln und Panik auszulösen. Er hat sich bemüht, mit dem harten Kern unzufriedener 96-Anhänger einen Dialog zu starten - vergeblich. Er hätte einen Dolmetscher für Managerdeutsch/Fußballdeutsch gebrauchen können, vielleicht einen respektierten Ex-Profi. Aber das wurde nicht versucht. Zwischenzeitlich ging es nicht mehr darum, dass Kind im Ultra-Streit in vielen Fragen womöglich recht hatte. Vielmehr nahm das Publikum befremdet zur Kenntnis, wie unversöhnlich er denen gegenübertrat, die nach seiner Meinung falsch lagen.

Mirko Slomka: Wenige Trainer haben so nach der Methode gehandelt, dass Bundesliga eine gute Story braucht. Dass jede Saison mit ihren 34 Spieltagen ein Drama in 34 Akten ist. Seine Geschichte musste nicht immer stimmen, aber sie musste gut sein. Und es gab bei Slomka nur einen, der am Drehbuch schrieb: Slomka. Den ganzen restlichen Club hat er auf Sprachlosigkeit getrimmt; mit Ausnahme von Kind und zeitweise Jörg Schmadtke. Seit Slomka weg ist, ist der Job des Dramaturgen vakant. Der neue Trainer redet nicht, der Manager hat nichts mehr zu sagen. Die Sprechblasen sind leer. Das war kein Problem, solange es sportlich lief. Jetzt ist es eines. Hannover 96, Manager Dirk Dufner und Trainer Tayfun Korkut haben nichts zu melden - selbst wenn ihnen ein Mikrofon hingehalten wird.

Das Team: Diese Mannschaft ist ein Paradoxon. Sie hat an jedem (Heim-)Spieltag die größte Bühne der Stadt für sich - aber trotzdem fühlt es sich an, als wäre sie gar nicht richtig da. So wie Figuren einer Spielkonsole, die verschwinden, wenn das Gerät ausgestellt wird. Beim Training geht’s hinter einen Sichtschutz. In der Stadtgesellschaft taucht sie praktisch nicht auf. Die Spieler sind viel mehr Diva als Dienstleister ihres fürstlich zahlenden Publikums. Nicht alle, aber viele von ihnen fremdeln mit der Stadt, in der sie doch eigentlich Typen sein sollten, an denen sich Wir-Gefühl kristallisiert, die Heimat stiften.

Die auf Krawall gebürsteten Fans: Lange bevor es auf den Straßen in Dresden gegen die Islamisierung ging, ging es im Fußball gegen die Kommerzialisierung. Anderes Thema, ähnliche Anatomie des Protestes. Eine Minderheit (miss-)versteht sich als Sprachrohr der Mehrheit. Die Agenda ist nebulös nostalgisch. Der Argwohn gegen einen Amüsierbetrieb, in dem irgendwelche Berater und Agenten obszön hohe Geldbeträge nach undurchsichtigen Regeln verschieben, ist allerdings sehr berechtigt. Kind hat angekündigt, erneut einen Schritt auf die Fanclubs zuzugehen. Das ist sinnvoll, wenn auf beiden Seiten Vorurteile über Bord geworfen werden. Kind hat die Szene für steuerbar gehalten, aber das ist sie nicht. Einige Fans halten Kind für den Teufel, und das ist er nicht. Dass die Ablehnung Kinds auf die Mannschaft übertragen wurde, ist ein Drama.

Wie also kann es weitergehen? Am besten erst einmal mit sechs oder mehr Punkten aus den verbleibenden Spielen dieser Saison. Danach wird es ohnehin einen weitreichenden Umbruch und hoffentlich einen Neubeginn für Mannschaft und Club geben. Wieder mal.

Auch einen neuen Dialog mit den Fanclubs soll es geben, Start schon in den nächsten Tagen; der Verein hat gestern dazu eingeladen. Er will die Vorschläge der Anhängerschaft hören, wie die Situation verbessert werden kann.

Nur so eine Idee: Kind könnte seine Bereitschaft zur Bewegung mit einer symbolischen Aktion unterstreichen. Wie wäre es beispielsweise, wenn der Clubchef sich mal nicht in seine Loge zurückzieht, sondern das nächste Heimspiel, das Freitagabendspiel gegen Hertha BSC Berlin am 10. April, zusammen mit den Fans in der Nordkurve verfolgt. Diese müssten natürlich sicherstellen, dass Kind da ohne Platzwunde wieder herauskommt. Können sie das garantieren?

31.03.2015
Hannover 96 Fall von Hannover 96 - Wie konnte das passieren?
Heiko Rehberg 30.03.2015