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Sport lokal Hans-Heinrich Hahne: „Vereine und Schulen: Mehr Win-win geht kaum“
Sportbuzzer Sport lokal Hans-Heinrich Hahne: „Vereine und Schulen: Mehr Win-win geht kaum“
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14:16 05.04.2019
Der Auetaler Hans-Heinrich Hahne überblickt als Aktiver und als Funktionär ein halbes Jahrhundert Sportgeschehen in Schaumburg. Quelle: rg
Landkreis

Weil Hans-Heinrich Hahne gern gestaltet und mitmischt, ist er im Sportland Niedersachsen rasant aufgestiegen – eher zufällig als geplant, wie er sagt. Heute dient er sowohl dem Landessportbund als auch dem Niedersächsischen Fußballverband als Vizepräsident. Obendrein steht er an der Spitze des Golfclubs Schaumburg.
Hans-Heinrich Hahne überblickt als Aktiver und als Funktionär ein halbes Jahrhundert Sportgeschehen in Schaumburg. Was prägt, was quält die heimische Sportwelt?

Schaumburger Nachrichten: Vizepräsident, Vizepräsident, Präsident: Kommen Sie eigentlich noch dazu, Sport zu treiben, Herr Hahne?
Hans-Heinrich Hahne: Natürlich. In der letzten Woche habe ich auf einem Kurzurlaub fünf Golfrunden gespielt, wenn auch mit mäßigem Ergebnis.

Die Frühjahrssaison der Jahresversammlungen in den Vereinen ist fast vorbei. Lassen Sie uns ein paar Themen diskutieren, die auf vielen, vielen Versammlungen anklangen, ja?
Na dann, mal los!
Erstens: „Das Ehrenamt steckt in der Krise.“
Ja, das ist wohl nicht falsch. Viele Menschen wollen nicht mehr dauerhaft Aufgaben übernehmen, ohne dafür eine direkte Entlohnung zu bekommen.

Warum ist das so?
Einige scheuen die Verantwortung, andere haben einen noch handfesteren Grund: Zeitmangel. Was noch klappt: Menschen für ein zeitlich begrenztes Projekt begeistern, wie zum Beispiel die Renovierung eines Sportheims, was immer seltener klappt: „Willst Du nicht unser Vorsitzender sein?“

Warum ist der Verein nicht mehr attraktiv?
Das ist eine zu harte Feststellung, der Verein ist schon noch attraktiv, aber er hat heute Konkurrenz bekommen. Wenn ich früher auf dem Dorf was unternehmen wollte, musste ich in den SC, den TuS oder den VfL gehen. Heute gibt es zahlreiche Angebote, die Welt ist auch auf dem Land nicht mehr so wie vor 50 Jahren. Wenn man sich allein mal anschaut, wie tief neue Medien in unseren Alltag vorgedrungen sind...

...jetzt folgt die Brandrede auf das Handy...
...nein, das wäre zu kurz gedacht, es hilft ja nicht, die neuen Medien zu verteufeln. Aber klar ist: Sie tragen zu einem Trend bei, der überall zu beobachten ist: Das Individuum steht im Mittelpunkt, die Gemeinschaft verliert an Bedeutung.

Was können Sportvereine tun, um mit der Zeit zu gehen?
Oh, eine ganze Menge. Fangen wir mal mit der Organisationsform der Vereine an?

Bitte!
Wenn es denn so ist, dass immer weniger Menschen den Hut des Vorsitzenden aufhaben wollen, müssen wir andere Formen der Vorstandsarbeit finden. Ich nehme mal das Beispiel des Golfclubs Schaumburg: Wir haben dort keine sehr strenge Hierarchie mehr, sondern ein Team. Die Zuständigkeiten richten sich nach den Fähigkeiten, die die einzelnen Vorständler einbringen.

Kein Schriftführer mehr?
Kein Schriftführer mehr, weil ich im Zweifelsfall immer jemanden finde, der das Protokoll schreibt.

Aber wer haftet, wenn etwas passiert?
Das ist sicher der BGB-Vorstand. In unserem Falle sind das alle Präsidiumsmitglieder. Um das Risiko zu begrenzen, haben wir eine Versicherung abgeschlossen. Das muss sicher nicht jeder Verein machen. Das hängt meines Ermessens von der Komplexität ab.

Kann das ein Muster für andere sein?
Ich nenne Ihnen aber noch ein Beispiel aus dem SC Auetal, meinem Heimatverein. Die fitzelige Mitgliederverwaltung liegt traditionell beim Schatzmeister, aber diesen Teil der Arbeit kann auch jemand anderes erledigen. Vereine, die finanziell gut dastehen, könnten auch Aufgaben an Externe abgeben, zum Beispiel steuerliche Fragen.

Was auf den Jahresversammlungen auch immer durchschien: „Ojeoje, uns gehen die Trainer, Betreuer und Übungsleiter aus!“
Ja, aber ich darf Ihnen versichern: Gerade gute Übungsleiter zu bekommen, war noch nie einfach. Es ist wohl auch ganz profan eine Frage des Geldes. Ich will aber noch schnell erwähnen, dass es noch nie so viele Möglichkeiten gab, sich als Übungsleiter aus- und weiterzubilden. In dem Thema steckt eine Menge Musik.

Was unternehmen Landessportbund und NFV, um das Ehrenamt zu fördern?
Wir haben einen Ehrenamts-Beauftragten in jedem Kreis, aber ganz ehrlich: Über solche Instrumente stärkt man die, die sich ohnehin schon engagieren.

Wie also finde ich als Vereinsvorsitzender neue Mitmacher?
Das geht so wie seit Urzeiten ausschließlich, indem man die Leute anquatscht. Als Vorsitzender weiß ich, wen ich fragen kann, und ich weiß, wo Familien wohnen, die dem Verein freundlich gesonnen sind. „Ich stelle einen Aufruf auf unsere Homepage!“ – das reicht nun mal nicht. Sehr wichtig ist, dass man klar rüber bringt, wie wertvoll Ehrenamt ist. Das kommt im Eifer des Gefechts manchmal zu kurz.

Mit neuen Medien haben Sie es nicht so, Herr Hahne?
Doch, doch, sie eröffnen völlig neue Informationswege, aber man darf sie nicht als Allheilmittel sehen. Grundsätzlich halte ich professionelle Öffentlichkeitsarbeit – gerade auch mithilfe neuer Medien – für sehr wichtig. In vielen Vereinen läuft das Thema nur am Rand mit, weil es niemanden gibt, der sich vernünftig darum kümmert.

Und hier das letzte Zitat aus den Jahresversammlungen der Vereine: „Wenn mein Kind so lange in der Schule ist, schicke ich es doch nicht noch abends in den Verein!“
Tja, die gesellschaftliche Entwicklung zum Ganztags-Unterricht, die noch stärker werden wird, greift tatsächlich tief in den Alltag der Vereine ein.

Wie sieht die Lösung aus?
Sie kann nur so aussehen: Die Vereine müssen noch mehr in die Schulen rein. „Die Kinder dort abholen, wo sie sind“, heißt das wohl auf Neudeutsch.

Machen die Schulen das denn mit?
In der Regel sind die Rektoren doch froh, wenn jemand Betreuungszeiten mit sinnvollen Inhalten füllt – aus pädagogischen, aber natürlich auch aus finanziellen Gründen. Vereine und Schulen: Mehr Win-win-Situation geht kaum.

Weil Jan und Ayse den Verein über die Schule kennenlernen, bleiben sie ihm ein Leben lang treu?
Nein, so einfach ist das schon lange nicht mehr. Die Minis bekommt man oft über das Mutter-und-Kind-Turnen, aber wenn die Mädchen und Jungs in die Pubertät kommen, haben es die Sportvereine schwer. Die Vereine müssen passgenaue Angebote machen – oder sie sind bei den Kiddies draußen.

Zur Person

Hans-Heinrich Hahne, 67 Jahre alt, ist in Schaumburg bekannt wie ein bunter Hund (allerdings wie ein allseits respektierter bunter Hund). Beruflich stand er 30 Jahre lang dem Vorstand der Sparkasse Schaumburg vor, privat hat er den TuS Rehren A/O (später: SC Auetal) in vielerlei Funktionen geprägt.
Von der Jugend bis zur Alt-Alt stand Hahne in den Vereinsfarben Blau-Gelb auf dem Platz – immer mit der Nummer vier auf dem Rücken. Und immer mit vollem Einsatz, denn als Abwehrspieler war Hahne, wie er selbst sagt, für das Rustikale zuständig.
Auch neben dem Platz war der Auetaler für den TuS aktiv. Als Jugendtrainer scheuchte er viele Spieler, die noch heute für den Verein aktiv sind, über den Platz – unter anderem auch seinen Sohn Jens.
Später nahm er das Amt des Schatzmeisters oder Schriftführer ein und war einer der treibenden Kräfte bei der Fusion des TuS Rehren A/O mit dem TSV Kathrinhagen zum SC Auetal.

Wenn es um die Zukunft der Vereine geht, müssen wir noch das böse F-Wort aussprechen: F wie Fusion.
Tja, da sprechen Sie mit dem Richtigen. Ich war beim TuS Rehren A/O bekannt dafür, Blau-Gelb zu denken, aber die Fusion mit Kathrinhagen zum SC Auetal war natürlich der richtige Schritt. Leider hat Hattendorf nicht mitgemacht.

Wenn wir mal vom konkreten Beispiel weggehen: Wann funktionieren Fusionen?
Wenn alle Beteiligten sich davon verabschieden, mit dem Tunnelblick auf Themen zu schauen. Wer das nicht schafft, kann den Wandel nicht gestalten. Hier ist einiges in Bewegung, wie man an den vielen Sportförderkonzepten sieht, die in den Städten und auf den Dörfern geschrieben werden.

Was können Fusionen den Vereinen bringen?
Ganz unmittelbar: Dass sie eine Zukunft haben. Ein Effekt der Fusionen wird auch sein, dass es in den Vereinen Hauptamtliche gibt. Das muss nicht schlecht sein, weil die in der Regel für neue Wege offen sind.

Wie stehen die Schaumburger Vereine da, wenn man die Sportplätze und Sporthallen betrachtet?
Nicht gut. Der Kreissportbund hat ja mal sehr detailliert in einem Konzept aufgeschrieben, was alles im Argen liegt.

Was ist das Problem?
Viele der Anlagen und Hallen haben inzwischen ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel, es gibt einen erheblichen Investitionsstau. Das gilt für die von Kommunen betriebenen wie die von Vereinen betriebenen Anlagen. Wenn man sich in den Vereinen und Kommunen umhört und umschaut, erkennt man den Mangel an allen Ecken und Kanten.

Das Land Niedersachsen hat ein Sportstätten-Förderprogramm aufgelegt, das 100 Millionen Euro in die Kommunen und Vereine pumpen wird. Ìst das aus Ihrer Sicht eine gute Idee?
Ja, sicher, aber es gibt einen Pferdefuß.

Warum?
Der Sport brauchen mehr als einen einmaligen „Schluck aus der Pulle“, er braucht eine ständige Förderung. Sanierung hört schließlich nie auf.

Reicht es denn überhaupt, hier und da was zu reparieren?
Eigentlich nicht, nein. Wir brauchen neue, zeitgemäße Sportstätten.

Was meinen Sie damit?
Na, die Hallen, die die Vereine nutzen, sind zum Beispiel auf die Bedürfnisse zugeschnitten, die Schulsport in den siebziger Jahren hatte.

Was meint konkret „zeitgemäß“?
Nehmen wir das Beispiel der Sportplätze: Sie müssen ganzjährig zu bespielen sein. Wer sich gegen andere Anbieter behaupten will, kann es sich nicht leisten, dass der Platz vier Monate im Jahr wegen Regen, Schnee und Matsch brach liegt. Die Lösung heißt natürlich Kunstrasenplätze. Dass wir in Schaumburg keinen einzigen haben, wird die Zahl der Mannschaften weiter schrumpfen lassen.

Hier schließt sich der Kreis: Weniger Mannschaften heißt Fusion, heißt aber auch: Es werden weniger Sportplätze benötigt.
Ja klar - weniger Plätze, die aber heutigen Ansprüchen genügen müssen. Wir haben zu viele Plätze, die weit über die Fläche verstreut sind.

Mit dem Sportler Hans-Heinrich Hahne haben wir angefangen, mit dem Sportler Hans-Heinrich Hahne hören wir auf: Was steht an diesem Wochenende auf dem Programm?
Je nach Wetterlage gehe ich spazieren, fahre Fahrrad oder spiele Golf.

Das Gespräch führten Isabell Remmers, Uwe Kläfker und Arne Boecker