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Sport Babak Rafati: "Ich konnte nur verlieren"
Sportbuzzer Sport Babak Rafati: "Ich konnte nur verlieren"
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00:15 19.04.2013
"Ich bin Fan der 19. Mannschaft": Ex-Schiedsrichter Babak Rafati im HAZ-Interview. Quelle: dpa
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Hannover

Herr Rafati, wie geht’s Ihnen heute?

Es geht mir sehr gut – ich bin zurück im Leben und habe einen anderen Blickwinkel auf das Leben gewonnen. Die Prioritäten haben sich verschoben, das ist der Schlüssel zum Erfolg.

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Ihren Weg zurück ins Leben nach dem Suizid-Versuch am 19. November 2011 beschreiben Sie in Ihrem Buch „Ich pfeife auf den Tod“. Wie kam es zum Schreiben?

Es gab einige Anfragen. Meine Frau Rouja war extremst gegen ein Buch, weil sie einen Rückfall befürchtet hat. Ich habe mir damals eine Bedenkzeit von vier Wochen genommen. Ich hatte so viele Aufzeichnungen aus der Therapie, Stoff war also genug da – und dann habe ich irgendwann mit dem Buch angefangen, um zu zeigen, wie weit es mit einem gehen kann, wenn man Dinge mit sich geschehen lässt. Im Buch erst habe ich begriffen, was passiert war, und manchmal habe ich beim Schreiben geweint.

Sie beschreiben den Weg aus Ihrer Krise, aber auch hinein – Ihren Leidensweg, der 18 Monate vorher begann mit dem Wechsel der Schiedsrichterführung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) von Volker Roth zu Herbert Fandel.

Es ist viel passiert: Ich wurde systematisch gemobbt, persönlich verletzt, erhielt keine Rückendeckung – man wollte mich mit allen Mitteln loswerden. All das hat sich in den 18 Monaten aufgestaut. Natürlich habe ich mich hinterfragt, aber Kollegen haben meine Eindrücke noch bestätigt. Das war das Schlimmste, das reißt dir den Boden unter den Füßen weg. Es ist ein langer Prozess von Selbstzweifeln über panische Angst vor Fehlern bis zur Isolation. Man verliert die Liebe zu sich selbst, zu anderen Menschen und den Kontakt zum Körper. Nur noch das Gedankenkino im Kopfkarussell arbeitet. Und irgendwann hatte ich die Kraft zum Leben verloren. In dem Moment ist man tot bei lebendigem Leib.

Sie erheben massive Vorwürfe gegen Herbert Fandel. Geben Sie ihm die Schuld an Ihrem Suizid-Versuch?

Nein, was in dieser Nacht passiert ist, habe ich allein zu verantworten. Niemand wollte mir etwas antun, ich wollte mir selbst das Leben nehmen. Man muss es dennoch von zwei Seiten betrachten: Auf der einen Seite, dass man mich dahin gebracht hat, am Ende keinen Ausweg mehr zu sehen – und man selbst, der es zulässt, obwohl man andere Werte lebt als diese Herren.

Welche Werte meinen Sie?

Menschenwürde, Respekt, Ethik und Moral stehen für mich an erster Stelle. Es geht um den Menschen. Leistungsdruck muss sein, ja, aber nicht, wenn am Ende Menschenleben auf dem Spiel stehen. Dann ist eine Grenze erreicht. Ich will mich mit dem Buch nicht be-, sondern entwaffnen, indem ich aufzeige, wo die Missstände sind. Ich weiß, was passiert ist, das wissen auch die Herren, und jeder muss das mit seinem Gewissen vereinbaren können. Ich halte niemandem den Spiegel vor, jeder muss selbst hineinschauen.

Sie wählen Worte wie „kalt“, „unerbittlich“, „übel mitgespielt“: Ist Ihr Buch ein Gegenschlag?

Ich möchte niemanden an den Pranger stellen. Mir geht es darum, aufzurütteln. Es ist der falsche Weg zu sagen: Wie konntest du veröffentlichen, was beim DFB passiert ist? Diese Tatsache wird in den Medien leider mehr thematisiert als das, was mir geschehen ist. Aber ich glaube, dass der DFB so viel Verantwortungsbewusstsein hat, dass man sich die Dinge intern genauer anschauen wird, als man dies in der Außendarstellung tut.

Trotzdem werfen Ihnen einige Leute vor, dass Sie so massiv an die Öffentlichkeit treten.

Ich kann nachvollziehen, dass manche Menschen so denken und dass ich mit meiner Geschichte den Eindruck erwecke, draufhauen zu wollen. Das kann ich niemandem nehmen. Aber ich bin weit davon entfernt, mir darüber Gedanken zu machen, was andere denken. Wer mir vorwirft, ich wolle nur für mein Buch werben, der hat nicht begriffen, worum es mir geht und kennt nicht den Inhalt des Buches. Und man sollte immer berücksichtigen, dass ich all dies nicht ohne juristische Folgen schreiben könnte.

Dann ist Ihr Buch Teil der Therapie?

Das war der erste Grund. Der zweite war das Aufrütteln. Wenn ich an die Rede von Theo Zwanziger bei der Trauerfeier für Robert Enke denke, an Sätze wie „Aufstehen gegen das Böse“, dann ist mir das alles zu schön formuliert – geschehen ist nichts. Für mich war es ein Zeichen, dass sich nach meinem Rücktritt im April 2012 niemand bei mir meldete. Dabei gab es viele DFB-Funktionäre, die forderten, man müsse alles offenlegen, um solche Dinge in Zukunft zu vermeiden. Der dritte Grund war: Ich habe erkannt, dass man vielen Menschen damit helfen kann. Depressionen und menschliche Verletzungen sind keine Probleme des Spitzensports, sondern begegnen uns überall in Beruf und Alltag. Mein Gedanke war: Wenn ich einen Ratgeber gehabt hätte, hätte ich Symptome anders gedeutet und wäre anders mit der Krankheit umgegangen. Heute erhalte ich wahnsinnig viel Zuspruch, viele Rückmeldungen wie zum Beispiel: „Ihr Buch wird Leben retten.“ Das gibt mir Kraft, zu dem zu stehen, was passiert ist.

Haben Sie sich in den 18 Monaten denn nicht mal anderen Menschen anvertraut?

Ich habe vom ersten Tag nach dem Führungswechsel mit Kollegen gesprochen, bis zum letzten Tag eigentlich, über alles, was man mit mir gemacht hat. Aber ich habe natürlich nicht zugegeben, was es in meiner Seele angerichtet hat. Da kommt der Mann durch, der keine Schwäche, keine Gefühle, keine Verletzung zeigen will, weil das nicht gefragt ist in dieser Leistungsgesellschaft. Ich habe nicht direkt gesagt: „Ich will mir morgen das Leben nehmen“, aber ich habe Signale gesendet und gesagt, dass ich es gesundheitlich nicht mehr aushalte. Das war im März 2011 – also acht Monate vorher. Es wäre jedoch vermessen, heute zu sagen, dass diese Signale hätten wahrgenommen werden müssen. Ich kann nicht erwarten, dass mir jemand hätte helfen können.

Ein Mann, der sich keine Gefühle erlaubt: Ist das Ihr Selbstverständnis?

Ich denke schon. Als Mann habe ich mich damals nicht getraut zu sagen: „Lieber Chef, was du gerade sagst, das tut weh, das halte ich nicht aus.“ Das wären ja alles Anzeichen, dass ich zu schwach bin für das Geschäft. Demzufolge muss man in dieser Leistungsgesellschaft immer Stärke wahren. So war meine Denke vorher, heute sehe ich das ganz anders. Dies ist auch ein Appell an die Männer: Lernt von den Frauen und habt den Mut, Gefühle zu zeigen, redet drüber, offenbart euch, das ist ja auch eine Stärke. Man lernt in der Therapie, mit seinen Schwächen gestärkt umzugehen.

Früher galten Sie auf dem Platz als wenig kommunikativ, arrogant und ehrgeizig.

Ich wollte immer viel erreichen. Ein Punkt war sicher auch, dass ich vielen Sachen zu viel Bedeutung beigemessen habe. Mir war immer wichtig, was andere denken. Dabei war ich sonst ein Sunnyboy mit lockeren Sprüchen und habe auf dem Platz nur meine Rolle gespielt. Doch weil ich immer als starker Mann daher kam, habe ich mich lange nach dem 19. November geschämt, bin nur selten rausgegangen. Heute kann ich sagen: Ja, ich bin der, der sich das Leben nehmen wollte. Ich habe gelernt, die Menschen so zu nehmen, wie sie sind.

Auch wenn dabei ein Lebenstraum platzt?

Ich muss mich kritisch fragen: Warum habe ich zugelassen, was mir widerfahren ist? Warum habe ich mich dazu verleiten lassen? Ich musste lernen, dass ich andere nicht ändern kann, sondern nur mich und meine Sichtweise.

Warum haben Sie Ihre Karriere nicht einfach beendet, als der Druck und die Respektlosigkeit zu groß wurden?

Den Vorwurf muss ich mir machen. Ich hatte meinen Rücktritt zehn Monate zuvor, im Januar 2011, angeboten – aber ich habe es damals nicht geschafft. Ich war feige, hatte Scham. Selbst als Dinge passierten, die mich sehr verletzten und in dem Satz gipfelten: „Alle dürfen Fehler machen, nur du nicht, Babak“. Erst seit der Therapie kann ich sagen, dass ich zu ehrgeizig und zu perfektionistisch war. Ich habe gelernt, Dinge loszulassen und zu verarbeiten.

Sie wurden dreimal zum schlechtesten Schiedsrichter der Liga gewählt …

Natürlich hat mich das beschäftigt und geärgert. Aber es gehört zum Geschäft. Für mich war immer wichtig, dass die Schiedsrichterführung, meine einzige Schutzperson, hinter mir steht und auf Leistung setzt. Das war bei Volker Roth der Fall, aber sein Nachfolger hat mir genau das unter die Nase gehalten. Dabei wurde Fandel selbst mal zum schlechtesten Schiedsrichter gewählt. Als ich ihn fragte, wie er damit umgegangen sei, sagte er nur: „Im Gegensatz zu dir war ich akzeptiert.“ Wie sollte ich mit so einem Druck weitermachen?

Es klingt nach einem aussichtslosen Kampf.

Ja, den Kampf konnte ich nur verlieren. Doch ich fühle mich heute nicht als Verlierer: Ich bin glücklich, dass ich ein neues Leben gewonnen habe. Und das genieße ich.

Haben Fandel und Krug den Kontakt zu Ihnen gesucht?

Null, bis heute nicht. Aber das Leben ist ja kein Wunschkonzert. Ich gehe nicht an die Öffentlichkeit, um ihr Verhalten zu verurteilen. Mir geht es darum, dass wir künftig respektvoll miteinander umgehen. Natürlich sähen es einige Medien gern, wenn ich jetzt lospoltern würde – aber genau das mache ich nicht. Ein Mensch wie ich, der durch die Hölle gegangen ist, ist doch der letzte, der Krieg will. Ich will meinen inneren Frieden.

Wenn Fandel anrufen würde: Hätten Sie Gesprächsbedarf?

Ich habe der Gegenpartei die faire Chance gegeben, sich zu erklären. Aber da kam leider nichts.

Also kein gemeinsamer Kaffee?

Ich bin offen für alles.

Hat sich die DFB-Führung anders verhalten nach dem 19. November? Erhielten Sie vom Verband Unterstützung?

Nein, aber es geht auch nicht um den DFB. Es geht um menschliche Verfehlungen. Um zwei Menschen, die Dinge getan haben, die man unter Menschen nicht macht. Man muss da differenzieren: Ich bin dem DFB dankbar für die vielen, vielen Jahre, die ich als Schiedsrichter verbracht habe.

Und der damalige DFB-Chef? Immerhin zitieren Sie im Buch Theo Zwanzigers Rede bei der Enke-Trauerfeier.

Man muss wissen, dass Zwanziger anders als bei Fandels Vorgängern in viele Schiedsrichterangelegenheiten involviert war. Deshalb kann ich nachvollziehen, dass sich ein Herr Zwanziger hier und dort blicken lässt, aber nicht bei mir im Krankenhaus. Sie wussten, warum sie mich nicht aufsuchen und warum sie seitdem mit mir nie direkt Kontakt gesucht haben. Aber wie will man das erklären? Wofür sollen sich die Herren auch entschuldigen?

Haben Sie wenigstens mit Ihren damaligen Assistenten darüber sprechen können?

Grundsätzlich habe ich zu vielen Schiedsrichtern Kontakt. Doch es ist schwierig, über das Thema zu sprechen. Für die Kollegen ist es ein Gewissenskonflikt: Wie weit sollen sie mit mir über die Vorgänge sprechen, während sie noch im Geschäft sind? Das gilt auch für meine Assistenten. Es gab Zuspruch, aber es ist logisch, dass kein Kollege daherkommt und sagt: „Stimmt, ihm wurde Schlechtes getan.“ Das muss man verstehen, und das erwarte ich auch nicht.

Was erwarten Sie von Ihrer beruflichen Zukunft?

Ich habe von meinem Arbeitgeber, der Sparkasse, die Option erhalten, dass ich jederzeit zurückkehren kann – diese Unterstützung ist ein tolles Gefühl. Anders beim DFB, wo mich nie einer gefragt hat, wie es mir geht und ob ich etwas benötige. Ich habe auch Anfragen großer Konzerne, als Redner über Depressionen zu sprechen. Doch ich warte in aller Ruhe ab. Vor allem schaue ich nicht mehr auf Anerkennung, Geld oder Image.

Fehlt Ihnen der Fußball nicht?

Fußball ist mein Leben, meine Leidenschaft, daran ändern auch die 18 Monate nichts. Anfangs hatte ich traumatische Erlebnisse, wenn ich Fußball gesehen habe, mittlerweile schaue ich wieder regelmäßig. Als Schiedsrichter kehre ich in Deutschland nie wieder auf den Platz zurück, das ist sicher. Aber wenn ein Angebot aus dem Ausland kommt …

Hand aufs Herz: Beäugen und beurteilen Sie Ihre Kollegen vorm Fernseher?

Nein, das gehört sich nicht. Außerdem sind die Schiedsrichter Profi genug, um ihre Leistung einschätzen zu können. Ich habe die Schiedsrichter immer als 19. Mannschaft der Bundesliga gesehen – zu der ich zwar nicht mehr gehöre. Aber ich bin Fan dieser 19. Mannschaft! 

Interview: Tatjana Riegler

Babak Rafati war von 1997 an DFB-Schiedsrichter und leitete 84 Erstliga- sowie 102 Zweitligaspiele. Als FIFA-Schiedsrichter war er von 2008 bis 2011 im Einsatz. Die Karriere des Hannoveraners mit persischen Wurzeln, geboren am 28. Mai 1970, endete am 19. November 2011. Vor der Bundesligapartie zwischen dem 1. FC Köln und Mainz 05 versuchte Rafati, sich das Leben zu nehmen. Seine Assistenten fanden ihn mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne seines Hotelzimmers. Sechs Monate danach erklärte der Unparteiische von der SpVgg Niedersachsen Döhren seinen Rücktritt. Seine berufliche Tätigkeit bei der Bank ruht derzeit; der gelernte Bankkaufmann war zuletzt in der Marketingabteilung der Sparkasse tätig. Rafati lebt mit seiner Ehefrau Rouja, die er im Sommer 2012 heiratete, in Kirchrode.

„Ich pfeife auf den Tod!“

… hat Babak Rafati sein Buch genannt, in dem er Antworten geben möchte, die „alle Menschen betreffen, die unter extremem Leistungsdruck, Mobbing und Erschöpfung leiden“. Auf 302 Seiten berichtet der frühere Bundesliga-Schiedsrichter von Burn-out und Depressionen, von der Drucksituation im Leistungssport und vom Umgang der Schiedsrichterführung des Deutschen Fußball-Bundes mit ihm. Als Abrechnung möchte er dies aber nicht verstanden wissen. Umso ausführlicher beschreibt der 42-Jährige seinen Weg aus der Krise und fügt eine Checkliste für Angehörige und Depressive inklusive Selbsttest hinzu.

Babak Rafati: „Ich pfeife auf den Tod! Wie mich der Fußball fast das Leben kostete“. Kösel Verlag, 302 Seiten, 17,99 Euro.

Bei Hugendubel stellt Rafati am Donnerstagabend sein Buch vor. Beginn ist um 20.15 Uhr, noch sind Plätze frei.