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Sport Blankes Entsetzen im DFB-Team nach Ballacks WM-Aus
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23:14 17.05.2010
Bundestrainer Joachim Löw gibt sich trotzig: „Von Resignation keine Spur.“
Bundestrainer Joachim Löw gibt sich trotzig: „Von Resignation keine Spur.“ Quelle: dpa
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Am Tag zuvor hat Joachim Löw noch mit aller Macht versucht, Optimismus zu verbreiten, doch jetzt wirkt der Bundestrainer, als könne er zur Abwechslung selbst mal einen Gute-Laune-Onkel zur Aufmunterung brauchen. Zwei Stunden nachdem er die Nachricht vom Weltmeisterschafts-Aus Michael Ballacks erhalten hat, steht er im Trainingslager der Nationalmannschaft auf Sizilien vor der versammelten Presse und soll Fußballdeutschland erklären, dass trotzdem alles gut wird bei der Weltmeisterschaft in diesem Sommer, auch ohne den Kapitän. „Von Resignation kann keine Rede sein“, sagt Löw, „es wird ohne Michael Ballack sicher schwieriger als mit ihm, aber wir können nach wie vor ein gutes Turnier in Südafrika spielen.“

An Hiobsbotschaften hat sich der Bundestrainer ja gewöhnt, 2010 ist nun wirklich kein Löw-Jahr. Erst die geplatzte Vertragsverlängerung, dann die Absagen von den Leverkusenern Simon Rolfes und Rene Adler – und jetzt das. Eine WM ohne Ballack: Für alles gibt es in der Nationalelf einen Plan B, aber dafür nicht. „Wir sind darüber sehr, sehr traurig“, sagt Löw und gibt einen kurzen Einblick, wie die Stimmung gewesen sein muss, als er die Nachricht den Spielern kurz vor dem Vormittagstraining überbrachte. „Michael Ballack ist für uns ein sehr, sehr wichtiger Spieler, der gerade in den entscheidenden Begegnungen eine tragende Rolle gespielt hat. Wir waren geschockt, keine Frage.“

Viele, die die Bilder gesehen haben, wie Kevin-Prince Boateng am Sonnabend Ballack brutal auf den Knöchel trat, haben ohnehin kaum damit gerechnet, dass der 33-Jährige im nächsten Monat bei der WM spielen kann. Löw verbreitete trotzdem Zuversicht, wie er es als Bundestrainer tun muss. Doch die Diagnose ist dann schon niederschmetternd: Riss des Innenbandes und Teilriss des vorderen Syndesmosebandes am rechten oberen Sprunggelenk. In Zeit umgerechnet heißt das: mindestens acht Wochen Pause, bevor Ballack wieder mit dem Training beginnen kann, da ist die WM längst vorbei. Vier Wochen wird Ballack mit einem Gipsverband umherhumpeln, danach wird der Fuß in einem Spezialschuh weitere zwei Wochen ruhig gestellt.

Ballack hat sich bei Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in München untersuchen lassen, dem Arzt der deutschen Nationalmannschaft und früheren Bayern-Doktor; als er auf Krücken aus der Praxis kommt, spricht er von der niederschmetterndsten Diagnose in seiner Laufbahn. „Wenn man zwei, drei Wochen vor einer Weltmeisterschaft so eine Diagnose erhält, dann ist das nur noch bitter. Das muss ich erst mal sacken lassen. Ich bin sauer, ganz klar, aber das ist Fußball. Damit muss man leben.“

Was die Auszeit für Ballack zusätzlich bitter macht, ist die Tatsache, dass ihm diese WM niemand ersetzen kann; es wäre seine vermutlich letzte Chance gewesen, sich mit einem internationalen Titel von der großen Fußballbühne zu verabschieden. 2002 hatte er die deutsche Elf ins WM-Finale gegen Brasilien geführt, musste dann aber gesperrt zuschauen. 2006 platzte der WM-Traum nach einer Verlängerung im Halbfinale gegen Italien, 2008 verlor er erst das Champions-League-Finale mit dem FC Chelsea gegen Manchester United und dann das EM-Finale in Wien gegen Spanien. Ballack bleibt der Unvollendete: Bei der WM 2014 in Brasilien ist er 37 Jahre alt, schon eine Teilnahme an der EM in Polen und der Ukraine in zwei Jahren ist längst nicht selbstverständlich.

Ob sich Ballack mit Jerome Boateng, dem deutschen Nationalspieler, über dessen älteren Bruder Kevin-Prince unterhalten wird, sei dahingestellt. Löw jedenfalls hat Jerome Boateng versichert, „dass wir vorbehaltlos zu ihm stehen. Er ist an dieser Szene völlig unbeteiligt und sollte nicht mit hineingezogen werden.“ Der Bundestrainer möchte das Thema abhaken und nach vorne schauen. Möglichst schnell. Und möglichst optimistisch.

Stefan Knopf