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Sport Klopp und die neue Demut
Sportbuzzer Sport Klopp und die neue Demut
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00:25 06.11.2014
„Es sind Menschen, die die Fehler machen“: Dortmunds Trainer Jürgen Klopp will heute mit dem BVB in der Champions League gegen Galatasaray Istanbul bestehen.
„Es sind Menschen, die die Fehler machen“: Dortmunds Trainer Jürgen Klopp will heute mit dem BVB in der Champions League gegen Galatasaray Istanbul bestehen. Quelle: imago
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Dortmund

Ein Experte für Körpersprache, wie ihn manche Fernsehsender beschäftigen, kann manchmal hilfreich sein. Etwa, um das Verhalten von Fußballtrainern zu interpretieren, dem Zuschauer so zu erklären, was manch Bundesliga-Coach an der Seitenlinie in Wahrheit mitteilt - oder was der Experte glaubt, was der Trainer mitteilt. Solch einen Spezialisten auf Jürgen Klopp anzusetzen hat allerdings etwas Verschwenderisches. Jeder Laie erkennt, was in dem charismatischen Trainer von Borussia Dortmund vorgeht. Klopp zeigt seine Gefühle offen und unverblümt, jeder kann sehen, wen er mag oder was ihm auf die Nerven geht.

Im Moment zeigt Jürgen Klopp Demut. Das ist etwas Neues. Oder vielleicht besser: die Renaissance von etwas Altem. Denn der Dortmunder Trainer, der heute Abend (20.45 Uhr, nicht im frei empfangbaren TV) in der Champions League mit dem BVB gegen Galatasaray Istanbul antritt, hat schon in seiner Zeit bei Mainz 05 bittere Schmerzenserfahrungen gesammelt. Zweimal musste er in dramatischen letzten Minuten einer Saison den Traum vom Aufstieg in die Bundesliga begraben. Auch aus der ersten Liga abgestiegen ist er (2007 mit Mainz) im Gegensatz zu den allermeisten anderen Spitzentrainern schon. Und die offene, demütige, kämpferische, ja würdevolle Art, mit der er auf diese Rückschläge reagierte, hat viel zum Mythos um diesen Mann beigetragen.

Auf der Suche nach neuen Ideen

In den vergangenen Jahren hatten sich jedoch zunehmend Leute darüber beklagt, dass der 47-Jährige sich verändert habe. Mit Begrifflichkeiten wie „Arroganz“ und „Überheblichkeit“ wurde hantiert, auch bei der Konkurrenz. Am vorläufigen Höhepunkt seines Schaffens als Fußballtrainer umgab Klopp sich mit der Aura eines beinahe unfehlbaren Fußballweisen und propagierte seine Ideen von „Vollgas-Fußball“, „Gegenpressing“ oder dem „schnellen Umschaltspiel“ wie ein Prediger. Als der FC Bayern Elemente dieses Erfolgskonzeptes übernahm, sagte Klopp, Jupp Heynckes, der damalige Trainer in München, arbeite so ähnlich „wie das die Chinesen in der Wirtschaft und der Industrie machen“. Er schaue, „was die anderen machen“, um es dann „abzukupfern“.

Das ging natürlich zu weit. Denn das Abschauen, die Suche nach neuen Ideen, das Weiterentwickeln sind schließlich elementare Bestandteile der Trainerarbeit. Und im Moment deutet Vieles daraufhin, dass Klopp diesen Aspekt zuletzt etwas vernachlässigt hat. Der BVB scheitert im Moment nicht nur daran, dass der Klub so viele Verletzte in seinem Kader hat, sondern auch daran, dass andere mittlerweile auf der Grundlage von besser funktionierenden fußballerischen Konzepten spielen. „Nach zehn Spieltagen ist das kein Zufall mehr, sondern das Ergebnis unseres Fußballs“, sagt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zum Absturz auf den 17. Tabellenplatz.

Watzke deutet Versäumnisse an

Der Sportpsychologe Daniel Memmert, der das Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule leitet, wird sogar noch konkreter. Er glaubt, Klopp habe versäumt, rechtzeitig an einer Weiterentwicklung der Dortmunder Spielweise zu arbeiten. „Vor 15 Jahren konnte man mit einem Stil fünf Jahre lang erfolgreich sein, heute nicht“, sagt der Wissenschaftler, der auch als Spielanalyst arbeitet, in einem Interview mit der „WAZ“. Watzke deutet solche Versäumnisse ebenfalls an, wenn er konstatiert, dass in Dortmund „weder Zufall noch böse Mächte“ am Werk seien. Es sind Menschen, die die Fehler machen“.

Längst ist Pep Guardiola der Bundesligakonkurrenz mit seinem FC Bayern enteilt, und zwar mit dem Konzept eines ultraflexiblen Fußballs, während Klopp weit über die großen Erfolgsjahre zwischen 2010 und 2013 hinaus praktisch durchgehend an einem klassischen 4-2-3-1-System festhielt. Und an seinem extrem kraftaufwendigen Pressingfußball. Erst seit Beginn der aktuellen Saison experimentiert er mit unterschiedlichen Grundformationen und auch mit Tempovariationen. Oft stellt er während der Partien um, so wie in München am Sonnabend, wo er sein Team zunächst in einem bestens funktionierenden 4-3-3 spielen ließ, später aber auf 4-4-2 umstellte. Das klappte weniger gut.

Und zur Schonung der Kräfte wechselt Klopp häufiger als in früheren Jahren seine Anfangsformationen, aber auch das funktioniert längst nicht so gut, wie beispielsweise beim Kollegen Lucien Favre in Mönchengladbach. Klopp ist dabei, neue Elemente einzuführen, auch weil inzwischen zu viele Gegner eine adäquate Antwort auf den alten BVB-Fußball kennen.

Aber die für eine Beschleunigung der zwischenzeitlich erlahmten Entwicklung erforderliche Demut ist inzwischen zurück. Genug Zeit werden die Verantwortlichen ihrem Meistertrainer lassen. Dass diese Saison eher ein Übergangsjahr ohne große Erfolge wird, ist ohnehin inzwischen allen klar. Es ist wieder an der Zeit, auf Rückschläge zu reagieren und für einen neuen Mythos zu sorgen.

Von Daniel Theweleit

03.11.2014
Norbert Fettback 02.11.2014
02.11.2014