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00:21 07.05.2014
Trotz der vierten Niederlage in Folge bleibt der Hamburger SV auf dem Relegationsplatz. Trainer Mirko Slomka hat bei seiner Mannschaft immerhin „unbedingten Willen“ festgestellt. Quelle: dpa
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Hamburg

Es gibt manche Beobachter, die den Kampf um den Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga zur eigentlichen Meisterschaft ausgerufen haben. Dieses Ringen ist ja auch spannender, als etwa dem seit März feststehenden Dauer-Titelträger Bayern München bei seinen größeren und kleineren Tiefs zuzuschauen. Am späten Sonnabendnachmittag hat ein Profi die These quasi bestätigt. Hakan Calhanoglu, der Torschütze des Hamburger SV beim 1:4 gegen den Rekord-Rekord-Meister aus München, hat sie sogar noch ein wenig höher gehängt: Die Partie am letzten Spieltag beim FSV Mainz 05 sei nicht nur ein „Finale“ um den Klassenerhalt, es sei für ihn „wie Champions League“.

Dass Calhanoglu dieses vermeintliche Champions-League-Finale noch spielen darf, hatte aber nur bedingt damit zu tun, dass die diesmal um eine Klasse besser als sonst spielenden Hamburger gegen die um eine Klasse schlechter als gewöhnlich agierenden Münchener so viel investiert hatten wie lange nicht mehr. Hätten der 1. FC Nürnberg und Eintracht Braunschweig die Gunst der zu erwartenden HSV-Niederlage genutzt und ihre Heimspiele gegen Gegner, die wenig mit der Champions League zu tun haben, gewonnen, wäre der hanseatische Klub vor der Schlussrunde auf den letzten Tabellenplatz abgerutscht. Es wäre fast der Dolchstoß gewesen für die schlechteste HSV-Mannschaft der Geschichte, die nun trotz der vierten Pleite hintereinander weiter auf Rang 16 bleibt.

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Es waren noch einmal alle gekommen zum 886. Bundesliga-Heimspiel des Hamburger SV, das womöglich nach 51 Jahren das letzte für längere Zeit gewesen sein könnte: die Nostalgiker, die noch nie einen Abstieg miterlebt haben; die Fans, die den HSV längst abgeschrieben hatten, aber insgeheim noch immer an ein Wunder glauben und die Mannschaft so anfeuerten, dass es „unter die Haut ging“, wie Verteidiger Heiko Westermann bemerkte. Auch jene Journalisten, die nur manchmal hereinschauen in die Hamburger Arena, um sich zu gruseln, was aus dem einst so stolzen Verein geworden ist, waren zugegen – als wollten sie den HSV als Totengräber begleiten auf seinem Weg in die 2. Liga.

Doch auch die kritischen Geister waren angenehm überrascht von der Kraft dieses vermeintlich toten Teams. Sie waren erstaunt, wie etwa die oft heftig kritisierten Profis Rafael van der Vaart und Ivo Ilicevic sich derart hineinkämpften, dass man schon befürchtete, sie könnten sich wegen des ungewohnten Engagements den nächsten Muskel zerren. Der HSV steckte es auch weg, „dass uns fast jeden Tag ein Spieler wegbricht“, wie Torwart René Adler beklagte. Diesmal fielen kurzfristig Jacques Zoua und Nationalspieler Marcell Jansen verletzt aus. Plötzlich war gegen den übermächtigen Rivalen der „unbedingte Wille“ zu spüren, stellte Trainer Mirko Slomka fest – allerdings mit den gewohnten Abwehrschwächen, die wieder vier Gegentore ermöglichten.

Das Wunder Relegationsplatz, mit dem sie in zwei Partien gegen den Zweitliga-Dritten den Verbleib in Liga 1 noch sichern könnten, ist also weiter möglich. Dafür wünschte auch Slomkas Bayern-Kollege Pep Guardiola dem „Mirko“ alles Gute. Fast der gesamte HSV-Stab beeilte sich, das Positive hervorzuheben. Nun habe man es selbst „in der Hand“, hieß es immer wieder. Man könnte mit einem Sieg in Mainz den 16. Tabellenplatz sichern. Gut möglich, dass dann auch der malade Torjäger Pierre-Michel Lasogga wieder mitwirken kann, der sich schon oft als Zugpferd erwiesen hatte. Slomka forderte, dass man in diesem Spiel gegen den Europa-League-Aspiranten Mainz das bessere von den „zwei Gesichtern“ zeigen müsse. Das schlechtere HSV-Gesicht reicht für die Bundesliga nicht.

Einer hat sich mächtig aufgeregt über die Positivkampagne, die eine deutliche Niederlage praktisch in einen Sieg zu verwandeln versuchte. Das war der frühere HSV-Torwart Frank Rost, der das Geschehen beim Bezahlsender „Sky“ kommentierte. „Mich enttäuscht, dass man solch eine Fehleinschätzung über die Mannschaft abgibt und Spieler reden lässt, die ein 1:4 gegen die Bayern glorifizieren“, ätzte er. Doch vielleicht hält der HSV ja auch nur die Klasse, weil er aus der Niederlage gegen den Meister wirklich mehr Kraft zieht als die ebenfalls unterlegenen Konkurrenten Nürnberg und Braunschweig.

Von Jörg Marwedel