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Sport Der Weg der deutschen Elf zum 3. Platz der WM
Sportbuzzer Sport Der Weg der deutschen Elf zum 3. Platz der WM
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23:00 11.07.2010
Von Heiko Rehberg
Die Sternstunde: Thomas Müller (rechts) leitet mit seinem frühen Tor die 4:0-Gala gegen Argentinien im Viertelfinale ein.
Die Sternstunde: Thomas Müller (rechts) leitet mit seinem frühen Tor die 4:0-Gala gegen Argentinien im Viertelfinale ein. Quelle: ap
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Es war eine lange Reise für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, die am Montagmorgen um 6.35 Uhr in Frankfurt am Flughafen zu Ende gehen wird. Begonnen hat sie dort am 14. Mai mit dem Abflug ins Trainingslager nach Sizilien und führte über die Gemeinde Eppan in Südtirol – unterbrochen von einem kleinen Abstecher nach Budapest – weiter bis Südafrika. Dort ging es nach einer WM-Safari mit den Stationen Durban (2x), Port Elizabeth (2x), Johannesburg, Bloemfontein und Kapstadt am Sonntagabend um 20 Uhr mit dem Airbus A 380 wieder zurück in die Heimat. Exakt 60 Tage war die Mannschaft unterwegs – ein Rückblick auf eine bewegte und bewegende Zeit.

Sizilien, 14. bis 21. Mai, Trainingslager

27 Spieler hat Bundestrainer Joachim Löw in sein vorläufiges WM-Aufgebot berufen. Er wird bis zum 1. Juni noch vier davon streichen müssen; dass ihm die Entscheidung weitgehend abgenommen wird, kann er noch nicht wissen. Beim Abflug ins sogenannte Regenerationstrainingslager nach Sizilien ist der Spielerkreis überschaubar. Die Profis von Werder Bremen und Bayern München fehlen, weil sie noch das DFB-Pokalfinale gegeneinander bestreiten müssen – der Rest fährt Rad wie Manuel Neuer (Bild). Kapitän Michael Ballack fehlt, weil er noch für den FC Chelsea im Pokal ran muss. Die Bremer Tim Wiese, Per Mertesacker, Marko Marin und Mesut Özil kommen am Montag als Pokalverlierer auf die italienische Insel, Ballack kommt später – auf Krücken. Eine schwere Sprunggelenkverletzung bringt ihn um die WM. In der Heimat fragen sich viele Fußballfans: Haben wir in Südafrika ohne Ballack überhaupt eine Chance?

Südtirol, 21. 5. bis 2. 6., Trainingslager

Einige Spieler verfahren sich bei einer Mountainbiketour im Labyrinth der Montiggler Wälder, andere stürzen. Heiko Westermann und Christian Träsch lernen die Röntgenabteilung des Bozener Regionalkrankenhauses kennen und müssen verletzt die WM absagen. Löw muss nur noch einen Spieler streichen. In ihrem Hotel sehen die Profis, wie ihre Nationalelfkollegen von Bayern München in Madrid das Champions-League-Finale gegen Inter Mailand verlieren. Löw macht Manuel Neuer zur Nummer 1 und Philipp Lahm zum Kapitän, den Hoffenheimer Andreas Beck streicht er kurz vor Meldeschluss von der Südafrikaliste. Testspiele gegen Ungarn (3:0) und Bosnien-Herzegowina (3:1) machen den Fans Mut, dass zumindest die Vorrunde bei der WM zu überstehen sein sollte. Sami Khedira sagt in Südtirol: „Wir wollen Weltmeister werden.“

Durban, 13. 6., 1. Vorrundenspiel, Deutschland – Australien 4:0

Der Anfang: Es wird ernst. Der Bundestrainer nominiert eine Startelf, deren Durchschnittsalter 22,5 Jahre beträgt. Bei der letzten offenen Position rechts im Mittelfeld entscheidet er sich für Thomas Müller statt Piotr Trochowski; noch weiß keiner, dass dies ein riesiger Glücksgriff sein wird. Nach wackeligem Beginn und der Führungschance für die Australier schießt Lukas Podolski in der 8. Minute das erste deutsche Tor in Südafrika (Bild) und damit den Weg zum Sieg frei. Miroslav Klose (26. Minute), Müller (68.) und der eingewechselte Cacau (70.) machen daraus einen 4:0-Erfolg, bei dem die Konkurrenz einen ersten Vorgeschmack auf die deutsche Elf bekommt, deren spielerische Leichtigkeit verblüfft. „Wir haben uns Respekt verschafft“, sagt Stürmer Klose, „man hat gesehen, dass wir Spaß am Fußball haben.“ In Deutschland haben Millionen Fans Spaß mit dieser Mannschaft.

Port Elizabeth, 18. 6., 2. Vorrundenspiel, Deutschland – Serbien 0:1

Der Rückschlag: Alles, was schiefgehen kann, geht schief. Mannschaften, deren meiste Spielernamen auf „vic“ enden, liegen Deutschland nicht. Bei der EM vor zwei Jahren gab es im zweiten Spiel gegen Kroatien ein 1:2. Diesmal gibt es ein 0:1 gegen Serbien. Die Pannen in der Chronologie: In der 37. Minute sieht Miroslav Klose (Bild) bei seinem zweiten Foul die zweite Gelbe Karte. Zweimal Gelb macht Gelb-Rot. In Unterzahl kassiert Deutschland eine Minute später einen Treffer von Milan Jovanovic. In der 60. Minute scheitert Lukas Podolski mit einem Handelfmeter an Serbiens Torwart Vladimir Stojkovic. Bundestrainer Löw muss erklären, warum nicht Bastian Schweinsteiger den Elfmeter geschossen hat, der im Testspiel gegen Bosnien gleich zwei Strafstöße sicher verwandelt hatte. „Wir können vor dem Elfmeter keine Mannschaftssitzung einberufen“, sagt Löw. Und er sagt: „Gehen Sie davon aus, dass Schweinsteiger den nächsten Elfmeter schießen wird.“

Johannesburg, Soccer-City, 23. 6., 3. Vorrundenspiel, Deutschland – Ghana 1:0

Das Zitterspiel: Bei einer Niederlage gegen die Schwarzafrikaner wäre erstmals in der WM-Geschichte das Aus in der Vorrunde perfekt. Doch daran mag niemand einen Gedanken verschwenden. Auf dem Tagesplan, der in der Teamhotel-Lobby aushängt, steht unmissverständlich: „SIEG!“ Der Bundestrainer überrascht bei der Aufstellung. Für Holger Badstuber verteidigt hinten links Jerome Boateng, dessen Bruder für Ghana spielt und der Michael Ballack den Knöchel kaputt getreten hat. Nach den Nationalhymnen geben sich die Halbbrüder kühl die Hand, miteinander reden tun sie nicht. Es gibt mehrere Situationen, in denen die deutsche Mannschaft in den Abgrund schaut. Einmal rettet Lahm vor der Torlinie, mehrere Male können die Afrikaner aus deutschen Abwehrschwächen nichts machen. In der 60. Minute landet der Ball am Strafraum bei Mesut Özil, der ihn kurz aufspringen lässt und dann ins Netz schießt (Bild). Es bleibt das einzige Tor. Weil Serbien gegen Australien verliert, kommt auch Ghana weiter. Und weil England in der Gruppe C nur Zweiter wird, kommt es im Achtelfinale zum ersten großen Klassiker des Turniers.

Bloemfontein, 27. 6., Achtelfinale, Deutschland – England 4:1.

Die Gala, Teil I. Die Engländer reden später über das umgekehrte Wembleytor. 1966, beim WM-Finale, schoss der Engländer Geoff Hurst den Ball beim Stand von 2:2 unter die Latte. Er war nicht drin, aber der Schiedsrichter entschied nach Befragen seines Linienrichters auf Tor. In Bloemfontein schießt Frank Lampard beim Stand von 1:2 unter die Latte, der Ball springt hinter die Linie, ein klares Tor, sogar von der Tribüne ist das zu erahnen (Bild). Doch der Treffer zählt nicht. Torwart Manuel Neuer fängt den Ball, bringt ihn schnell wieder ins Feld, Schiedsrichter Jorge Larrionda (Uruguay) lässt weiterspielen. In Deutschland halten sich die Fans mit dem Tor, das nicht galt, nicht lange auf. Sie schwärmen von einer Mannschaft, die die Engländer vorführt wie eine Hobbytruppe. Miroslav Klose (20.) und Lukas Podolski (32.) sorgen für die ersten beiden Treffer, Thomas Müller macht die beiden anderen (67. und 70.), dazwischen liegen ein verlorenes Kopfballduell und ein missglückter Strafraumausflug von Neuer, die zum 1:2 von Matthew Upson führen. Als Müller nach dem Spiel vor der Fernsehkamera seine famose Leistung erklären soll, fragt er, ob er vorher seine Omas und seinen Opa grüßen darf. Darf er!

Kapstadt, 3. 7., Viertelfinale, Deutschland – Argentinien 4:0

Die Gala, Teil II: Bastian Schweinsteiger erzählt vor der Partie, dass er die Argentinier für unfair und respektlos halte, und die argentinischen Fans seien auch nicht viel besser. Im Spiel ist es dann Schweinsteiger selbst, der sich respektlos verhält: Vor dem 3:0 von Arne Friedrich lässt er vier Argentinier stehen wie Glascontainer. Als die Kamera in der Schlussphase eine Nahaufnahme von Argentiniens Diego Maradona zeigt, sieht man einen verzweifelten Trainer, der mit den Tränen kämpft. Sein Superstar Lionel Messi zeigt, dass auch ein Weltfußballer einen Freistoß 15 Meter über das Tor schießen kann. Thomas Müller, mit dem sich Maradona noch im März beim Testspiel in München nicht auf ein Podium setzen wollte, weil er ihn nicht kannte, gelingt bereits nach drei Minuten das 1:0 – es ist das 200. Tor der deutschen WM-Geschichte. Miroslav Klose (68./89.) trifft zweimal, Friedrich das erste Mal überhaupt im 77. Länderspiel. Müller sieht wegen eines Handspiels die zweite Gelbe Karte und wird im Halbfinale fehlen. Bereits jetzt ahnt man, dass diese Karte noch weh tun wird.

Durban, 7. 7., Halbfinale, Deutschland – Spanien 0:1

Der geplatzte Traum – nicht nur für Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm (Bild, v. links): Es gibt Fußballspiele, bei denen ahnt man nach wenigen Minuten, dass sie kein gutes Ende nehmen werden. Das Halbfinale ist ein solches für die deutsche Mannschaft, die gegen England und Argentinien mutig und offensiv gespielt hatte und gegen Spanien beginnt, als hätte sie vor, ein 0:0 bis zum Elfmeterschießen zu retten. Tatsächlich schieben sich die Spanier die Bälle über den Rasen, und die Deutschen hecheln erfolglos hinterher. Bundestrainer Löw spricht später von „Hemmungen“, die seine chancenlose Elf gehabt habe. Andres Iniesta will „Angst“ bei den Deutschen entdeckt haben. Beim Stand von 0:0 hat Toni Kroos in der 69. Minute die einzige große Chance, sein Schuss ist aber nicht hart und platziert genug. Der Kopfballtreffer von Carles Puyol vier Minuten später ist hart und platziert. Die schwedische Zeitung „Expressen“ schreibt: „Der alte, faltige, langhaarige Puyol entschied das Duell gegen die Jugend. Spanien bereitet sich jetzt auf das Finale vor und Deutschland auf eine strahlende Zukunft.“

Port Elizabeth, 10. 7., Spiel um Platz 3, Deutschland – Uruguay 3:2

Der Trostpreis: Die Mannschaft rafft sich noch einmal zu einer Energieleistung auf und mobilisiert nach einem 1:2-Rückstand noch einmal alle Kräfte. Jeder konnte sehen: Diese Partie wollten die Spieler unbedingt gewinnen. Wille kann Berge versetzen – das 3:2 mit Sami Khediras Siegtor (Bild) rundet das Turnier aus deutscher Sicht ab. Der Titel ist dann nächstes Mal dran.

So haben die Hannoveraner die Spiele der deutschen Nationalmannschaft beim Public Viewing erlebt:

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Sport Spielfilm der unwichtigsten Partie der WM - WM-Bronze: Verdienter deutscher Erfolg
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