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Sport Der deutschen Elf fehlt nur der Titel
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11:07 17.11.2011
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Hannover

Das 3:0 gegen die Niederlande im letzten Länderspiel des Jahres war eine Liebeserklärung ans Publikum: Seht, so schön kann Fußball sein! Die Mannschaft gewinnt mit jedem Spiel einen neuen Anhänger. Seit Dienstag gehört Bert van Marwijk dazu, Trainer der Niederländer, der der Niederlage Positives abgewann. „Gut, dass wir jetzt wissen, wie stark Deutschland ist, und nicht erst in einem halben Jahr“, sagte er.

In gut einem halben Jahr beginnt die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine … Es gibt viele Mannschaften mit Titelchancen, aber es gibt zwei Topfavoriten: Spanien, den Welt- und Europameister. Und längst auf Augenhöhe: Deutschland.

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Die aktuelle deutsche Nationalmannschaft besitzt alles, was man für Erfolge braucht. Was ihr noch fehlt, ist ein Titel. Sechs andere deutsche Nationalteams, jede Elf ein Kind ihrer Zeit, haben einen großen Titel errungen. Auch wenn der Vergleich mit diesen Mannschaften hinkt, zeigt er interessante Parallelen. Schauen wir mal genauer hin.

1954: Das Wunderteam

Dank Sönke Wortmanns „Wunder von Bern“-Film kennt auch die Generation Schweinsteiger die Geschichte von Helmut Rahn und vom 3:2-Sieg gegen Ungarn. Deutschlands erste Weltmeisterelf ist vom aktuellen Team am weitesten weg – nicht nur zeitlich. Es war eine in jeder Hinsicht andere Zeit. Damals wurden die Nationalspieler noch per Brief zum Turnier eingeladen, der mit den Worten begann: „Liebe Sportkameraden!“ Und die Helden von Bern bekamen als Siegprämie ein Goggomobil.

Doch man muss nicht lange suchen, um zu entdecken, was die Teams von 1954 und 2011 verbindet: der Trainer. Sepp Herberger war wie heute Joachim Löw ein Taktiktüftler. Und einer, der Wert auf Harmonie in der Mannschaft legte. Als der 1. FC Kaiserslautern 1954 mit vielen späteren WM-Helden im Meisterschaftsfinale mit 1:5 gegen Hannover 96 verlor, sagte Herberger: „Mein Vertrauen in die Spieler ist nicht im Geringsten geschwächt.“ Er ließ sich nicht von seiner Überzeugung abbringen, als Spieler wie Werner Kohlmeyer oder sogar der große Fritz Walter in Formkrisen gerieten. Löw verhielt sich bei Miroslav Klose und Lukas Podolski ähnlich und wurde ebenfalls belohnt. Entstanden ist damals wie heute ein besonderes Band, das Spieler und Trainer verbindet.

1972: Die Jahrhundertelf

Die siebziger Jahre im deutschen Fußball waren geprägt von Bayern München und Borussia Mönchengladbach, und Bundestrainer Helmut Schön vereint das Beste aus beidem: den Elan der Borussen und die Cleverness der Bayern. Schöns Blockbildung war das Geheimnis dieser Mannschaft, nie zuvor hatte eine deutsche Elf so leichtfüßig und elegant gespielt wie das Team mit Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Gerd Müller.

Von einer „Jahrhundertelf“ war die Rede, die sich mit dem EM-Titel krönte, und tatsächlich dauerte es zwar kein ganzes, aber doch fast ein halbes Jahrhundert, bis sich wieder eine Nationalelf finden würde, die so mitreißend spielt. Vier Jahrzehnte nach Schön setzt auch Löw auf Blockbildung, sein Block kommt allerdings aus einer Mannschaft:

Mit Manuel Neuer, Holger Badstuber, Jérôme Boateng, Toni Kroos und Thomas Müller standen beim 3:0 gegen die Niederlande gleich fünf Bayern-Profis in der Startelf, Mario Gomez saß noch auf der Bank, und Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger waren erst gar nicht dabei. Der Unterschied zwischen beiden Teams: So viele Kreativspieler wie Löw hatte nicht mal Schön.

1974: Die Helden von München

Dass Spieler das Heft in die Hand nehmen und Aufstellung und Taktik bestimmen, das wäre heute undenkbar. 1974, als die Heim-WM nach dem 0:1 gegen die DDR zu einer Pleite zu werden drohte, übernahm Beckenbauer die Regie – und Bundestrainer Schön unterstrich auf andere Art und Weise, dass er ein großer Trainer war: Schön ließ Beckenbauer gewähren, er machte sich klein, damit die Mannschaft wachsen konnte.

Die 74er Elf spielte zweckmäßiger und weniger berauschend als die EM-Siegerelf zwei Jahre zuvor. Beckenbauer war der Taktgeber, es gab keinen eleganteren deutschen Spieler als ihn, doch Mesut Özil kommt ihm an Eleganz sehr nahe. Die Mannschaft hatte mit Maier einen überragenden Torhüter, auch Löw hat das mit Neuer zu bieten. Und vorne traf Müller, 68 Länderspieltore hat er gemacht. Sein Nach-Nach-Nach-Nach-Nachfolger Klose steht bei 63 – es wird eng für Müller.

1980: Die Arbeiter von Rom

Die Nationalelf unter Jupp Derwall, das waren Hans-Peter Briegel und Horst Hrubesch, das waren Nullzunulls in der EM-Qualifikation in der Türkei und auf Malta. Trotz Einzelkönnern wie Karl-Heinz Rummenigge, Hansi Müller oder Bernd Schuster ist diese Mannschaft als Ansammlung von Grobmotorikern in Erinnerung geblieben, eine Arbeiter-Elf, wie ein Gegenentwurf zu Löws Ästheten-Team.

Die EM in Italien ist aber auch ein Beispiel dafür, wie wichtig Timing ist. So perfekt wie bei diesem Turnier passte die Mischung dieser Elf nie wieder; schon zwei Jahre später, bei der WM in Spanien, stimmte die Chemie nicht mehr. Zwar erreichte die Mannschaft auch dort das Finale, das sie mit 1:3 gegen Italien verlor; sehr deutlich wurde aber auch, was die wahre Stärke der Derwall-Elf war: ihr unbändiger Wille und ihr Unvermögen, ein Spiel verloren zu geben.

1990: Die Helden von Rom

Nein, als Teamchef war Beckenbauer kein Taktikfuchs wie Löw. „Gehts raus und spielts Fußball.“ So ein Satz wie vom „Kaiser“ käme Löw nicht über die Lippen, jedenfalls nicht, bevor er alle Laufwege und Positionsvarianten durchgespielt hätte. Heute profitiert die deutsche Elf von den Erfahrungen, die Spieler wie Özil, Sami Khedira, Per Mertesacker oder Boateng im Ausland sammeln oder gesammelt haben.

Damals spielten Thomas Berthold, Rudi Völler (beide AS Rom), Jürgen Klinsmann, Andreas Brehme und Lothar Matthäus (alle Inter Mailand) im Ausland. Ähnlich wie Löw hatte Beckenbauer untypisch viele kreative Mittelfeldspieler: Thomas Häßler, Pierre Littbarski, Uwe Bein, Olaf Thon und Andreas Möller. Und wie heute Löw mit Gomez und Klose hatte er mit Klinsmann und Völler zwei Klassestürmer.

1996: Die Könige von London

Berti Vogts’ Pech war es, als Nachfolger Beckenbauers immer mit dem „Kaiser“ verglichen zu werden, gegen die Lichtgestalt des deutschen Fußballs hatte Vogts aber die Strahlkraft einer Energiesparbirne. 1978 war er Kapitän der Nationalelf, die bei der WM nach der „Schmach von Cordoba“, dem 2:3 gegen Österreich, vorzeitig nach Hause musste; 1992 (EM) und 1994 (WM) vergurkte er als Bundestrainer zwei Turniere.

Für die EM 1996 sortierte Vogts darum seinen Kader neu, er nahm keine Rücksicht mehr auf Verdienste, sondern achtete vor allem auf den Teamgeist. Vogts widerstand dem öffentlichen Druck, Matthäus mit nach England zu nehmen, weil er wusste, dass das nur Ärger geben würde, und wurde damit wie zum Vorbild für das, was Löw gut zehn Jahre später tat, als er erst den Haudegen Torsten Frings und dann Michael Ballack aussortierte. Vogts wurde in England dafür belohnt, mit einem Andreas Köpke im Tor, der das Turnier seines Lebens spielte, und einem überragenden Matthias Sammer als Taktgeber.

2010/2011: Jogis Jungs

Als Kronzeuge wird noch einmal Bert van Marwijk in den Zeugenstand gerufen: „Deutschland ist unglaublich stark im Umschalten. Das konnten sie früher schon, aber jetzt können sie auch Fußball spielen.“ Als Bundestrainer Löw mit diesem Satz konfrontiert wurde, musste er lächeln. Und er sagte: „Holland hat uns Jahre zuvor fußballerisch dominiert.“

Er hätte auch hinzufügen können, dass es nun umgekehrt sei, aber Löw ist ein freundlicher Mann. Und außerdem hatte das ja ohnehin jeder in Hamburg gesehen: „Holland war in der Defensive gegen uns überfordert.“ Kein Bundestrainer vor ihm hatte eine größere Auswahl an Profis, die Spielwitz, Einfallsreichtum, Technik und schnelle Auffassungsgabe derart gekonnt vereinen.

Das verschafft der Mannschaft in der Offensive eine Dominanz, gegen die selbst starke Gegner – Stand jetzt – kein Mittel finden. England, Argentinien, Brasilien, Niederlande, momentan geht es nach dem Motto: Der Nächste, bitte! Wenn mal einer verletzt ist wie Schweinsteiger, dann gerät der Spielfluss nicht ins Stocken. Vor der WM 2010 bekam Fußball-Deutschland Schnapp­atmung, wenn mal wieder Ballacks Wade zwickte.

Und falls heute mal Özil oder – man kann es sich gar nicht vorstellen – der phänomenale Thomas Müller einen schlechten Tag haben, dann besitzt Löw auf der Bank die freie Auswahl an weiteren Klasseleuten, gegen die Niederlande zum Beispiel die doppelten Marios (Gomez und Götze). „Wenn heute EM wäre, dann wäre ich froh“, sagte Löw am Dienstag. Doch die EM startet erst am 8. Juni 2012.

Doch vielleicht ist die Zeitspanne bis zum EM-Anpfiff gar nicht so schlimm, denn noch hat die deutsche Mannschaft eine gegen die Niederlande weitgehend gut kaschierte Problemzone: In der Abwehr fehlt es mit Ausnahme hinten links (Lahm) an Souveränität und auf den Außenpositionen sogar an Quantität.

Deshalb bleibt die wichtigste Frage noch unbeantwortet: Was passiert, wenn es ein Gegner schafft, die deutsche Offensive zu neutralisieren und die Abwehr unter Druck zu setzen? Kann Neuer das alleine regeln, oder ist selbst dieser Weltklassetorwart damit überfordert? Momentan macht die deutsche Mannschaft den Eindruck, dass sie selbst vier Gegentore mit einem 5:4-Sieg beantworten würde. Und das ist irgendwie beruhigend.

Stefan Knopf und Heiko Rehberg

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