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Sport "Die Deutschen waren so amateurhaft"
Sportbuzzer Sport "Die Deutschen waren so amateurhaft"
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11:51 03.07.2012
Am 5. September 1972 überfallen  palästinensische Terroristen im Olympischen Dorf in München die israelischen Mannschaft. Ein deutscher Scharfschütze geht kurz danach in Stellung. Quelle: dpa
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Omer

„Jemand weckte mich und sagte, Mosche Weinberg ist von arabischen Terroristen erschossen worden“, erinnert sich der israelische Überlebende des Olympia-Anschlags von München, Schaul Ladany: „Ich dachte zuerst an einen Scherz, aber dafür war es zu schrecklich“. Es ist der 5. September 1972, etwa 5.30 Uhr morgens, Raum Nummer zwei der israelischen Sportler im Olympia-Dorf. Nach einem Theaterbesuch am Vorabend ist der Geher Ladany noch schlaftrunken und bemerkt nicht sofort, in welcher Gefahr er schwebt. Im Schlafanzug geht über den Flur bis an die Eingangstür.

„Draußen redeten gerade vier deutsche Wachleute auf einen Mann ein“, erinnert sich der heute 76-Jährige in seinem mit Sporttrophäen geschmückten Haus in Omer, einem Ort am Nordrand der Negevwüste in Israel. Die Deutschen baten den Man mit dunkler Hautfarbe, er solle aus humanitären Gründen einen Arzt ins Haus lassen. Aber der antwortete: „Juden sind nicht human“. Da dämmerte es Ladany, dass etwas ganz faul war.

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Was er da noch nicht wusste: Acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ hatten in den Räumen eins und drei der israelischen Sportler bereits elf Geiseln genommen. Der Trainer Weinberg war bereits erschossen, der Gewichtheber Josef Romano angeschossen. Er starb bald darauf, weil die Geiselnehmer keinen Arzt vorließen.

Ladany, der aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Belgrad stammt und als kleiner Junge das Konzentrationslager Bergen-Belsen nur knapp überlebt hatte, ging zurück in sein Zimmer. Dort zog ihn ein Kamerad ans Fenster: „Siehst Du die Blutlache vor dem Eingang zu Zimmer Nummer eins? Da lag Muni (Weinberg) gerade noch“. Den sechs Männern von Zimmer Nummer zwei, das die Terroristen aus bis heute unbekannten Gründen verschont hatten, wurde klar, dass sie alle entführt werden sollten. Durch eine Glastür im hinteren Bereich des Apartments flüchteten sie über eine Terrasse und brachten sich in Sicherheit.

„Es war schrecklich, als ich am nächsten Tag hörte, dass alle Geiseln bei dem Befreiungsversuch in Fürstenfeldbruck getötet worden waren“, erzählt Ladany, der noch immer an 50-Kilometerläufen teilnimmt. „Ich bin mir sicher, dass das Ergebnis anders gewesen wäre, wenn ein israelisches Kommando zum Einsatz gekommen wäre“, meint der frühere Artillerieoffizier. „Aber das ging wohl wegen der deutschen Verfassung nicht“, fügt er hinzu.

Aus seiner Sicht hätte ein Zugriff der Polizei im olympischen Dorf selbst die besten Chancen gehabt: „Aber die Deutschen wollten keine kriegsähnlichen Szenen unter den Augen der Weltpresse, weil sie sich ja gerade vom Image der Olympischen Spiele 1936 in Berlin und vor allem von der Nazi-Diktatur absetzen wollten“. Den Plan der Deutschen, zum Schein auf die Forderung der Terroristen nach einem Fluchtflugzeug einzugehen und die Geiseln dann auf dem Flughafen zu befreien, fand Ladany gut. „Nur die Ausführung, die war so amateurhaft. Wieso wussten sie auf dem Flughafen noch nicht, dass es acht statt zunächst angenommen fünf Terroristen waren? Sie hätten sie doch ohne Probleme beim Verlassen des Olympischen Dorfes zählen können.“

Aber Ladany nimmt die Deutschen auch in Schutz. „Hinterher ist jeder klug“, sagt er und erinnert sich: „Nach der olympischen Idee waren die Spiele ein Ort, an dem eine Art Waffenstillstand gilt. Das glaubten wir alle damals“. Er habe überhaupt keinen Zweifel, dass die Deutschen wild entschlossen waren, die Israelis zu retten. „Aber sie waren einfach unfähig“, fügt er noch heute kopfschüttelnd hinzu.

Der Mann, der als kleiner Junge von der deutschen Militärmaschinerie aus seiner Heimat vertrieben und in einem deutschen Lager fast umgebracht worden wäre, glaubte wie die anderen Israelis 1972, dass dieses militärische Potenzial, diese deutsche Gefährlichkeit noch immer da seien: „Irgendwo gut versteckt hinter der fröhlichen und sorglosen Fassade. Aber es war nicht mehr da“. Und das findet Ladany bei aller Trauer über die toten Kameraden und Kritik an der deutschen Polizei gut.

Von Jan-Uwe Ronneburger

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