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00:19 02.11.2014
Von Björn Franz
Erinnerung an eine aufregende Zeit: Jochen Haselbacher mit der Meistertrophäe der 1. Liga Nord von 1996. Quelle: Michael Heck
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Mellendorf

Diesen kleinen Seitenhieb kann er sich einfach nicht verkneifen. „Eigentlich“, sagt Jochen Haselbacher, während er entspannt im Wintergarten seines Hauses in Mellendorf sitzt, „eigentlich spielen wir gar nicht gegen die Scorpions.“ Im Gesicht des inzwischen 71-jährigen Klubchefs des ESC Wedemark ist ein fast schon schelmisches Lächeln zu sehen, während er gleich auch noch die Begründung mitliefert, warum es das heutige Derby in der Eishockey-Oberliga zwischen den Hannover Scorpions und dem ESC Wedemark (Beginn: 19.30 Uhr, Eishalle Langenhagen) eigentlich gar nicht gibt: „Laut der Ausschreibung spielen wir ja gegen den SC Langenhagen.“

Formal hat Haselbacher damit sogar recht. Natürlich, möchte man meinen, immerhin kennt er sich nach fast 30 Jahren im nahezu undurchschaubaren Ligendschungel des deutschen Eishockeys bestens aus. Aber dennoch ist die heutige Partie bei den Scorpions, die nach dem Verkauf der Erstligalizenz durch ihren langjährigen Besitzer Günter Papenburg nach Schwenningen vor eineinhalb Jahren unter dem Dach ihres neuen Stammvereins SC Langenhagen spielen, trotz der kleinen Spitzfindigkeit ein ganz besonderes Spiel für Haselbacher.

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Zum ersten Mal trifft er mit dem ESC auf den Klub, den er einst aus der Oberliga bis in die Deutsche Eishockey-Liga geführt hat. Und an dessen deutscher Meisterschaft 2010 er sich trotz des Verkaufs an Papenburg sechs Jahre zuvor durchaus einen gewissen Anteil anrechnet. „Klar ist man stolz. Ohne unsere Arbeit hätte es schließlich nie eine Mannschaft gegeben, die um die deutsche Meisterschaft spielen konnte“, sagt der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete, dem der Verkauf des Erstligateams damals alles andere als leichtfiel. Doch die Finanzierung war im kleinen Mellendorfer Eisstadion, in dem die Scorpions zuletzt nur noch mit einer befristeten Ausnahmegenehmigung spielen durften, nicht mehr möglich. Also überließ Haselbacher „seinen Klub“ dem Bauunternehmer und TUI-Arena-Besitzer Papenburg - und wagte vier Jahre später in Mellendorf einen Neubeginn.

Ein Leben für Eishockey: Jochen Haselbacher im Jahr 2002. Quelle: zur Nieden

Dass dabei erneut die Scorpions und deren heutiger Gesellschafter Marco Stichnoth eine tragende Rolle spielten, ist Teil der kuriosen und für Außenstehende kaum durchschaubaren Geschichte des hannoverschen Eishockeys, das mit drei konkurrierenden Oberligisten auch heute noch bundesweit für Kopfschütteln sorgt. Denn der ESC wurde 2008 vor allem deshalb gegründet, damit der als Gesellschaft geführte Erstligist die für die Lizenzierung geforderte Nachwuchsabteilung in einem Verein vorweisen konnte. Klubchef des ESC Wedemark, der den Beinamen Scorpions erhielt und ebenfalls das markante Logo mit dem roten Skorpion benutzt, wurde Haselbacher, der die Mellendorfer Eishalle bis heute mit seiner Familie betreibt. Und 2. Vorsitzender neben Günter Wentzek war kein anderer als Stichnoth.

Doch die Verbindung hielt nicht lange. Über die Gründe für den Bruch will Haselbacher nicht im Detail sprechen. Nur so viel: Es habe, sagt er, zwischen den Verantwortlichen unterschiedliche Vorstellungen darüber gegeben, in welcher Liga der neue Klub mit einer Herrenmannschaft starten solle. Haselbacher setzte sich mit seiner Vorstellung durch, in der untersten Klasse anzufangen - und ist mit dem ESC jetzt auf Augenhöhe mit den beiden großen Lokalrivalen angekommen. Mit den Scorpions und mit dem EC Hannover Indians, der am Sonntag (19 Uhr) zum zweiten Derby des Wochenendes nach Mellendorf kommt.

Eigentlich, gibt Haselbacher zu, ging ihm das viel zu schnell. Er wollte mit seinem Klub langsam wachsen, nach und nach vom ehemaligen DDR-Nationalspieler Friedhelm Bögelsack ausgebildete Jugendspieler einbauen, die in Zukunft 40 Prozent des Kaders ausmachen sollen. Mit der Regionalliga-Meisterschaft machte die Mannschaft ihrem Chef im Frühjahr dieses Jahres allerdings einen Strich durch seinen Zeitplan. Mit dem 16-jährigen Bastian Schirrmacher ist erst ein Eigengewächs weit genug, um in der Oberliga mitzuspielen. Doch schon in der kommenden Saison sollen sechs weitere Talente nachrücken. „Darauf freue ich mich schon“, sagt Haselbacher.

Doch vorerst muss sein ESC nun eine harte Lehrzeit durchlaufen. „Dass wir sicherlich drei Jahre brauchen, um in der Oberliga richtig anzukommen, war klar“, sagt der ESC-Chef, dessen Team mit nur einem Sieg aus sieben Spielen am Tabellenende steht und als krasser Außenseiter in die beiden Derbys geht. Doch finanzielle Risiken, da legt er sich fest, wird es unter seiner Leitung nicht geben. „Ich kenne das Eishockey nach all den Jahren ziemlich gut und weiß noch genau, wie viele Schweißperlen ich vergossen habe. Daher ist es mir auch ein bisschen schwergefallen, wieder anzufangen“, verrät Haselbacher, dessen Klub mit einem Etat von etwa 150.000 Euro zu den Leichtgewichten in der Liga zählt. „Bei uns verdient kein Spieler mehr als 400 Euro im Monat. Wir werden keine roten Zahlen schreiben - was ich nicht von allen Oberligisten glaube.“

Also reizt es ihn nicht, doch noch einmal ein bisschen weiter nach oben zu schielen? Noch einmal eine Erfolgsgeschichte wie damals mit den Scorpions hinzulegen? Bei dieser Frage kehrt wieder das schelmische Lächeln ins Gesicht des 71-Jährigen zurück. Ausschließen, erklärt er, will er es nicht. „Wenn wir in drei oder vier Jahren in der Oberliga mitspielen und uns irgendjemand unterstützen möchte - warum nicht?“, sagt Haselbacher. Und schickt mit Blick auf die beiden Lokalrivalen eine durchaus provokante Prognose hinterher: „Auf Dauer wird es in Hannover sicherlich nicht drei Vereine geben. Die handelnden Personen können ja auch eins und eins zusammenzählen - irgendwann werden dann wirtschaftliche Zwänge den Ausschlag geben.“

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