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Sport Enke enttäuscht: Löw verzichtet gegen Russland und Finnland auf ihn
Sportbuzzer Sport Enke enttäuscht: Löw verzichtet gegen Russland und Finnland auf ihn
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22:44 21.09.2009
Von Volker Wiedersheim
Robert Enke spielt am 10. und 15. Oktober nicht für die Nationalelf. Quelle: zur Nieden
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Sowohl das anerkanntermaßen wichtigste Länderspiel des Jahres am 10. Oktober in Moskau gegen Russland als auch vier Tage später in Hamburg gegen Finnland verzichtet der Bundestrainer auf den Hannoveraner, der derzeit eine Cam-
pylobacter-Infektion in Magen und Darm mit einer Antibiotika-Therapie bekämpft. Joachim Löw machte seine Entscheidung gestern in einer überraschenden schriftlichen Mitteilung lange vor der eigentlichen Nominierung des Kaders öffentlich: „Robert wird in Absprache mit den Ärzten in den kommenden zwei Wochen nur leichtes Training absolvieren können (…) Das bedeutet für uns, dass er bis zu den Länderspielen im Oktober nicht vollends fit sein wird und somit nicht eingesetzt werden kann.“

Das war nicht so zeitig, aber in der Sache allgemein so erwartet worden. Schließlich hatte Enke kürzlich wegen des zu dem Zeitpunkt noch rätselhaften Infektes das Länderspiel gegen Aserbaidschan in Hannover absagen müssen. Erst nach einer Odyssee durch viele Praxen und Bluttests im Hamburger Institut für Tropenmedizin hatten sich die Experten der Nationalelf, von Hannover 96 sowie hinzugezogene Fachleute darauf einigen können, die Diagnose Campylo-bacter-Infekt als Grund für Enkes Erkrankung öffentlich zu machen.

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Enke selbst reagierte mit einem Kommentar auf seiner Webseite: „Natürlich klatsche ich nicht vor Freude in die Hände (…) Ich habe auch mit der Entscheidung gerechnet, also trifft es mich nicht aus heiterem Himmel, dennoch bin ich natürlich enttäuscht.“ Er wolle die Länderspielpause als Trainingslager für die 96-Rückkehr nutzen. Und weiter: „Den Jungs bei der Nationalmannschaft drücke ich selbstverständlich jetzt schon die Daumen – das Ticket nach Südafrika lassen wir uns ganz sicher nicht nehmen.“

Enkes Ausladung für zwei Spiele ist also keineswegs überraschend. Schmerzlich ist sie indes schon. Für ihn einerseits. Und reden wir nicht lange drum herum: Für viele Fußballfreunde in Hannover auch. Denn das Verhältnis zwischen dem Kapitän der „Roten“ und dem Publikum von den Fußballverrückten der Nordkurve bis zu den Gelegenheitsbesuchern im Familienblock ist von einer selten intensiven Verbindung, von großer Empathie geprägt, die beide – nicht nur beim Fußball – zuweilen wie eine Einheit fühlen lässt. So wie für Benedikt XVI. die Parole „Wir sind Papst“ kreiert wurde, so projiziert Hannover auf seinen Lieblingsfußballer sein „Wir sind Nationaltorwart“. Bei aller Vorsicht vor pathetischer Übertreibung: Als die Enkes ein Kind verloren, haben die Menschen hier tief mitgefühlt und getrauert. Und als die Enkes ein Kind adoptierten, wurde Hannover Vater. Oder Mutter; je nachdem. Wenn sie Enke in der Bundesliga die Bude vollhauen, dann hat die Stadt den Blues. Wenn der Campylo-bacter zuschlägt, ist Hannover übel. Und wenn Löw Enke nicht ins Tor stellt, fühlt sich die Stadt zurückgesetzt. Wenigstens ein bisschen.

Zu Recht? Auf Joachim Löws langem Weg nach Südafrika hat er sich die deutsche Torwartfrage schon oft gestellt – und am Wegesrand lauern Lobbyisten, die ihm wohlfeile Antworten einflüstern. Nominiert er etwa Rene Adler nicht, wittert ganz Leverkusen Hochverrat – nun allerdings ist er ohnehin in die Favoritenrolle gerutscht. Deutet sich eine Zurücksetzung Manuel Neuers an, wird Schalke zum Wilden Westen. Auch die Bremer preisen immer wieder Tim Wiese an.

Und welche Lobby hat Hannover? Keine. Aber Enkes Freund und Manager Jörg Neblung sagt: Das ist gut so. „Wenn 96-Trainer Andreas Bergmann dazu etwas sagen würde, hätte das bei der Nationalelf eh kein großes Gewicht. Und Sportdirektor Jörg Schmadtke ist auch viel zu klug, irgendwas zu fordern.“ Keine Werbung ist die beste Werbung für Enke, so die Devise. Mag vieles dafür sprechen, dass die Nummer 1 im Spiel gegen Russland auch die Nummer 1 bei der WM ist, so hat Löw doch klug daran getan, sich bis heute nicht auf seinen Stammtorhüter festzulegen, finden Neblung – und Enke, für den er spricht. „Löw hätte sich so oft festlegen können, aber ebenso oft ist es anders gekommen als angenommen.“

Dass sich die Dinge noch mal drehen, wird nun die Hoffnung von Hannovers Lust- und Leidensgemeinschaft mit Enke sein. Wird sie nicht erfüllt, kann sich das Publikum erst recht an Enke aufrichten, den das Leben eine Bewältigungsroutine gelehrt hat. Weit über den Fußball hinaus. Befragt, ob der Torwart die vielen Rückschläge als schicksalshaft ansehe, meinte Neblung: „Es gibt in seiner Karriere immer wieder Eckpunkte und Themen – das sitzt man nicht so locker aus.“