Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Sport Erfolg bei Leichtathletik-EM weckt Hoffnungen für London 2012
Sportbuzzer Sport Erfolg bei Leichtathletik-EM weckt Hoffnungen für London 2012
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:32 02.08.2010
Von Carsten Schmidt
Flagge zeigen: Die deutsche Sprinterin Verena Sailer nach ihrem Sieg über 100 Meter.
Flagge zeigen: Die deutsche Sprinterin Verena Sailer nach ihrem Sieg über 100 Meter. Quelle: dpa
Anzeige

Thomas Kurschilgen blickte schon in die Zukunft, als die Europameisterschaften in Barcelona noch gar nicht beendet waren. „Wir haben hier den Kern der Mannschaft für die Olympischen Sommerspiele in London 2012 gesehen“, sagte der Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) schon am Sonntagmittag. Die noch folgenden Entscheidungen am Abend, in denen das deutsche Edelmetallkonto auf 16 aufgestockt wurde, zeigten, wie richtig der Funktionär lag. Die vier Europameister Betty Heidler (Hammerwurf), Christian Reif (Weitsprung), Verena Sailer (100-Meter-Lauf) und Linda Stahl (Speerwurf) sind zwischen 24 und 26 Jahre alt. Das heißt, ihre sportliche Karriereplanung währt sogar bis zu den übernächsten Olympischen Spielen von Rio de Janeiro 2016. Das Durchschnittsalter der insgesamt 22 Medaillengewinner (14 in Einzeldisziplinen, acht in zwei Staffeln) beträgt 25,5 Jahre und verheißt eine ähnlich lange Perspektive, die nicht gilt für gerade drei Sportler über 30 Jahre: Kugelstoßer Ralf Bartels (32) sowie die Staffelsprinter Alexander Kosenkow (33) und Tobias Unger (31).

Die rosigen Aussichten lassen den DLV auch verschmerzen, dass ein Platz unter den besten drei im Medaillenspiegel knapp verpasst worden ist. Diese populäre Wertung hat indes ohnehin beschränkte Aussagekraft, wie ein Vergleich mit der EM 2006 in Göteborg zeigt. Damals reichten vier Titel und zehn Medaillen zum 2. Rang, die jetzige deutliche Steigerung in Barcelona auf 16 Podestplätze, darunter wieder vier Siege, führte paradoxerweise zum Abrutschen auf den 4. Rang. Erklärung: Den Briten und Franzosen gelangen im abgelaufenen Vierjahresturnus noch stärkere Verbesserungen, sodass sie sich hinter die dominierenden Russen schoben. Wobei auffällt, dass auch die westeuropäischen Kontrahenten mit jungen Sportlern wie Christoph Lemaitre, dem 20-jährigen Dreifachsieger im Sprint aus Frankreich, oder der überragenden britischen Siebenkämpferin Jessica Ennis, 24 Jahre alt, in Barcelona erfolgreich waren.

Doch selbst wenn die Konkurrenz nicht schläft, macht dem DLV Mut, dass er sich offenbar peu à peu wieder vom DWV (deutschen Werfer-Verband) zu einer breiter aufgestellten Sportorganisation entwickelt. Dafür stehen Weitspringer Reif und Sprinterin Sailer als Galionsfiguren. Am ehesten garantiert eine ausgewogene Mannschaft Erfolge, wie bei der EM 1998 in Budapest. Dort holten acht Läufer und zwei Staffeln, acht Werfer und fünf Springer insgesamt 23 Medaillen. Was zu einem solchen Topergebnis noch fehlt, und wie die Deutschen im weltweiten Vergleich dastehen, zeigt die folgende Bilanz.

Lauf: Sailer, Hürdensprinterin Carolin Nytra (EM-Dritte) sowie Sabrina Mockenhaupt und Irina Mikitenko im Marathonlauf haben bei den Frauen das Zeug zu einem Platz unter den besten acht bei einer WM oder den Olympischen Spielen. Hinter diesem Quartett klafft eine deutliche Lücke, vor allem auf den Mittelstrecken sieht es düster aus. Aus dem Nachwuchs hat sich in Barcelona am ehesten Fabienne Kohlmann empfohlen. Die 20-Jährige verpasste nur knapp den Endlauf über 400 Meter Hürden, sie könnte zudem auch im 800-Meter-Lauf in die erweiterte Weltspitze vorstoßen. Im Männerbereich strahlt die Silbermedaille von Carsten Schlangen über 1500 Meter besonders hell, er hat aber riesige Konkurrenz aus Afrika und Amerika, die ihm den Weg selbst in einen WM-Endlauf schwer machen wird. Von zarten Fortschritten künden Finalteilnahmen von Arne Gabius (5000 Meter), Steffen Uliczka (3000 Meter Hindernis), Alexander John (110 Meter Hürden). Auf Edelmetall bei Olympischen Spielen oder der WM dürfen am ehesten die Staffeln hoffen. Das 4x100-Meter-Quartett der Frauen, das in Barcelona den Stab verlor, ist jetzt noch stärker einzuschätzen als beim 3. WM-Platz 2009. Und auch die 400-Meter-Läuferinnen klopfen als EM-Zweiter in der Staffel an das Tor zur absoluten Weltspitze.

Sprung: Reif hat mit seiner Vorstellung in Barcelona auch den amerikanischen Weitspringern den Kampf angesagt. Wer unter Druck gleich zweimal Bestleistung springt, der hat auch das Zeug zu einer Olympiamedaille. Dasselbe gilt für die Stabhochspringerinnen Silke Spiegelburg (24, Jahre, EM-Zweite) und Lisa Ryzih (21, EM-Dritte), die in zwei Jahren bis London mühelos die Erfahrung aufholen können, die ihnen die Konkurrentinnen aus Osteuropa und Amerika (alle um 30 Jahre) noch voraus haben. Ariane Friedrich hat in Barcelona den 3. Platz der WM mit exakt demselben Rang bestätigt und sollte in London um den Sieg mitspringen. Nicht am Start in Barcelona waren wegen vorangegangener Verletzungen Hochspringer Raul Spank (WM-Dritter 2009) und Weitspringer Sebastian Bayer (Hallen-Europarekordler). Aber im olympischen Medaillenkampf ist mit ihnen wieder zu rechnen.

Wurf: Heidler gilt als „Medaillenbank“ im Hammerwurf spätestens seit dem Sieg in Barcelona. Stahl und Speerwurf-Kollegin Christina Obergföll (EM-Zweite) sowie Diskuswurf-Weltmeister Robert Harting (Silber in Barcelona) haben für London ebenfalls große Chancen auf einen Podestplatz. Keinesfalls mit der bloßen Finalteilnahme begnügen wollen sich auch Speerwurf-Aufsteiger Matthias de Zordo (EM-Silber) und Kugelstoßer Bartels (WM- und EM-Dritter) zum möglichen Karriereabschluss. Für Überraschungen gut sind die in Barcelona unter Form werfenden Nadine Müller (Diskus-Weltjahresbeste), Kathrin Klaas (WM-Vierte mit dem Hammer), die routinierte Nadine Kleinert (34), WM-Zweite 1999, 2001 und 2009 im Kugelstoßen, und Kugelstoßer David Storl (20), in Barcelona schon EM-Fünfter.

Gehen: Die einzigen Weltklassesportler Melanie Seeger und Andre Höhne sind jenseits der 30, der Nachwuchs braucht Zeit.

Mehrkampf: Jennifer Oeser (26), mit Bronze in Barcelona dekoriert, wird in London die fast gleichaltrige und -starke Lilli Schwarzkopf (EM-Dritte 2006) an ihrer Seite haben. Beide haben außer der Welt-und Europameisterin Ennis niemanden zu fürchten. Im Zehnkampf hofft der DLV auf die Rückkehr der verletzten Weltklasseathleten Michael Schrader, Pascal Behrenbruch und Andre Niklaus, dahinter sieht es eher trübe aus.

Fazit: Auch weltweit sind die deutschen Leichtathleten wieder tonangebend. Vor allem die Werfer und die Springer lassen auf eine olympische Medaillenausbeute 2012 hoffen, die bestenfalls sogar im zweistelligen Bereich liegt. Und die Läufer sind ebenfalls auf dem besten Weg, den bisher großen Rückstand deutlich zu verkürzen.

Mehr zum Thema

Die deutschen Leichtathletik-Asse haben am Super-Sonntag der Europameisterschaften den Montjuic von Barcelona gestürmt und die EM-Bilanz von Göteborg deutlich übertroffen. Christian Reif glückte der Gold-Sprung, Robert Harting und die Frauen-Staffel über 4 x 400 Meter eroberten Silber, Ariane Friedrich holte Bronze vom Abendhimmel.

01.08.2010

Die deutsche 4 x 100-Meter-Staffel der Männer hat bei der Leichtathletik-EM in Barcelona die Bronzemedaille gewonnen. In der Besetzung Tobias Unger, Marius Broening, Alexander Kosenkow und Martin Keller kam sie am Sonntag nach 38,44 Sekunden nur hinter Frankreich (38,11) und Italien (38,17) ins Ziel.

01.08.2010

Der Schweizer Viktor Röthlin hat bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Barcelona den Marathonlauf nach 2:15:31 Stunden mit großem Vorsprung vor dem Spanier José Manuel Martinez (2:17:50) und dem Russen Dimitri Safronow (2:18:16) gewonnen.

01.08.2010