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10:21 28.10.2014
Underdogs am Millerntor: FC St. Pauli trifft im DFB-Pokal auf strauchelnden Bundesligisten Borussia Dortmund.
Underdogs am Millerntor: FC St. Pauli trifft im DFB-Pokal auf strauchelnden Bundesligisten Borussia Dortmund. Quelle: imago sportfotodienst
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Hamburg

Die Wunden nach dem 0:4 am Sonnabend gegen den Karlsruher SC waren schnell geleckt, auch wenn sich der FC St. Pauli nun auf Platz 16 in der 2. Liga wiederfindet - dem Relegationsplatz zur 3. Liga. Doch Trainer Thomas Meggle versicherte vor dem heutigen Pokalhit gegen den ebenfalls strauchelnden Bundesligisten Borussia Dortmund (20.30 Uhr, live in der ARD): „Wir alle wissen, was man als Underdog am Millerntor schaffen kann.“ In einem solchen Spiel sei immer alles möglich.

Meggle, seit September Cheftrainer, weiß, wovon er spricht: Er war Teil der St.-Pauli-Mannschaft, die in der Pokalsaison 2005/2006 die legendäre „B-Serie“ hinlegte, mit Siegen gegen Burghausen (3:2 nach Verlängerung), Bochum (4:0), Berlin (4:3 nach Verlängerung) und Bremen (3:1). Erst im Halbfinale wurde der damalige Drittligist gestoppt: vom FC Bayern (0:3). „Wir haben eine unglaubliche Moral entwickelt“, erinnert sich Ralph Gunesch, damals Abwehrspieler beim Klub. Das Spiel gegen Berlin sei „ein magischer Abend“ gewesen, schwärmt Gunesch noch heute. Im Viertelfinale wurde dann Werder Bremen in der ausverkauften Bruchbude Millerntor, bei klirrender Kälte und auf einem vereisten Platz, unter fast irregulären Bedingungen mit 3:1 bezwungen.

Schließlich stieg St. Pauli ein Jahr später in die 2. Liga auf, in der der Klub seitdem, mit einem Jahr Bundesliga-Unterbrechung 2010/2011, kickt. „Auch Borussia beginnt mir einem B“, macht Meggle seinem Team nun Mut. Sein Kapitän Sören Gonther verspricht, den jüngsten Negativtrend in der Liga komplett auszublenden. „Damals waren die Vorzeichen auch klar gegen uns, die Mannschaft hat sich von allem losgelöst“, sagt Gonther und spricht von einem „ganz besonderen Geist“, der an einem solchen Abend entstehen könne.

Und dann ist da ja noch die finanzielle Komponente. Über zwei Millionen Euro flossen 2005/2006 aus dem Pokaltopf in die klamme Pauli-Kasse. „Das war enorm wichtig“, resümiert Corny Littmann, damals Klubpräsident. Der Verein war praktisch schuldenfrei, nachdem er 2003 noch fast in die Insolvenz geschlittert wäre. Ein Coup, der bis heute nachwirkt, denn erst vorige Woche bilanzierte das jetzige Präsidium zum vierten Mal in Folge nennenswerte Überschüsse. Mit dem Geld von damals konnte der FC St. Pauli den zwingend notwendigen Stadionneubau einleiten. Nach dem Pokalspiel heute wird nun das Provisorium Nordtribüne als letztes Teilstück abgerissen. Zur Saison 2015/2016 haben die Hamburger dann eine hochmoderne Fußballarena.

Umgebaut wird derzeit auch die Klubführung. So ist es dem speziellen Gen-Code des FC St. Pauli geschuldet, dass das eigentlich erfolgreiche Präsidium um Stefan Orth im November abgelöst wird. Es habe am einmaligen Profil zwischen Vermarktung und Identität gefehlt, begründete der Aufsichtsrat. Orths Nachfolger als Vorstandschef wird der Musikunternehmer Oke Göttlich, dem es gelungen ist, mit einem Digitalvertrieb stattliche Millionensummen an Independent-Label auszuschütten. Das passt zum Klub.

Denn die Fanseele am Millerntor ist etwas Besonderes. Seit den politisierten Achtzigern regiert hier ein gegenkulturelles Modell zum strukturkonservativen Profifußball. „Punks und Hippies sieht man nicht mehr so viele, die politischen Inhalte sind aber geblieben“, beschreibt Organisationschef Sven Brux dieses Biotop als Abbild gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Einerseits macht die voranschreitende Veränderung des einst verruchten Stadtteils hin zu einem hochpreisigen Schickimicki-Revier in Form von VIP-Logen und sogenannten Modefans auch vor dem Millerntor nicht halt. Andererseits leistet sich der Verein den Luxus, sich unerwünschte Sponsoren vom Leib zu halten.

„Das Herz von St. Pauli“, wird es dafür auch vor der Partie gegen den Champions-League-Krösus Borussia Dortmund heute wieder lautstark aus den Stadionboxen am Millerntor dröhnen. Und Trainer Meggle weiß aus eigener Erfahrung: „An einem solchen Tag können Helden geboren werden.“

Von Martin Sonnleitner

Patrick Hoffmann 28.10.2014
27.10.2014
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