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Sport Ganz Afrika setzt auf das Zugpferd im Süden
Sportbuzzer Sport Ganz Afrika setzt auf das Zugpferd im Süden
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19:37 30.05.2010
Quelle: dpa
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Niemand kann Whitey Basson, dem bulligen Chef der südafrikanischen Supermarktkette Shoprite, fehlenden Mut vorwerfen. Als die meisten Einzelhändler am Kap noch vor einer Expansion ins Innere von Afrika zurückschreckten, zog Basson voller Zuversicht nach Norden.

Inzwischen hat die von ihm geführte Kette 150 Supermärkte in 15 afrikanischen Ländern jenseits der Kaprepublik eröffnet – und fast jedes Mal kam es dabei zu einem Menschenauflauf, wie man ihn in Deutschland nur von Volksfesten kennt. „Moderne Supermärkte waren in vielen Teilen Afrikas bis vor Kurzem noch fast völlig unbekannt“, erklärt Basson, dessen helle, geräumige Läden in Madagaskar, Sambia und Mosambik gut ankommen.

Shoprite und sein energischer Chef stehen symptomatisch für die Rolle Südafrikas: In einem Kontinent der Armut und politische Unruhen gilt das Land am Kap seit Langem als ein Hort der Stabilität – und sein wirtschaftlicher Motor. Als einziges Industrieland in Afrika nimmt die Kaprepublik in fast jedem Sektor eine Sonder- und Führungsstellung ein. Anders als fast alle der anderen 52 Staaten des Kontinents hat Südafrika zum Beispiel eine effiziente Steuerbehörde und eine wachsame Zivilgesellschaft – von der kleinen, aber lautstarken liberalen Opposition bis hin zu einer Reihe von Denkfabriken und Bürgerinitiativen. Seit der friedlichen Überwindung der Apartheid vor 16 Jahren ist das Land, das zuvor zu den politisch Aussätzigen zählte, in Afrika zu einem mehr oder weniger erfolgreichen Vermittler in zahlreichen Konflikten geworden – vom Kongo über Burundi bis hin zu Simbabwe. Südafrika war vor einigen Jahren auch die Triebfeder hinter der Neugründung der Afrikanischen Union (AU). Allerdings sind die an sie geknüpften, hochgespannten Erwartungen nicht erfüllt worden. Bei der Konfliktlösung bleibt der Kontinent deshalb auch mehr als 50 Jahre nach der Unabhängigkeit seiner ersten Staaten noch immer auf Truppen der Vereinten Nationen oder anderer auswärtiger Mächte angewiesen. Obwohl Südafrika selbst noch immer eine vergleichsweise schlagkräftige Armee besitzt, hat diese in den letzten Jahren deutlich an Kampfkraft verloren. Dies liegt daran, dass im Zuge der Politik des Black Economic Empowerment viele der früheren Führungskräfte oft überstürzt durch weniger gut ausgebildete Schwarze ersetzt wurden.

Der enorme Einfluss von Südafrika reicht weit über die Politik hinaus. Vor allem wirtschaftlich bleibt das Land am Kap auf fast jedem Feld klar an erster Stelle. Obwohl es mit seinen etwa 47 Millionen Menschen nur rund sechs Prozent der Gesamtbevölkerung Schwarzafrikas stellt, steuert der Kapstaat rund ein Drittel zum gesamten Sozialprodukt des schwarzen Kontinents bei. Allein sein Schienennetz – das zehntgrößte der Welt – umfasst 80 Prozent des gesamten afrikanischen Bahnverkehrs.

Anders als etwa Sambia mit seinem Kupfer oder Ghana mit Kakao hat Südafrika eine breit aufgestellte Wirtschaft mit einem hochmodernen Bankensystem, das sich problemlos mit dem in Europa vergleichen kann. Auch bei der Stromerzeugung ist Südafrika unangefochten Nummer eins und produziert heute 13-mal soviel Energie wie Nigeria mit der dreifachen Bevölkerung.

Nigeria hat die zweitgrößte Volkswirtschaft in Schwarzafrika, doch ist sie damit noch immer fünfmal kleiner als die Südafrikas. Noch eklatanter sind die Größenunterschiede im regionalen Wirtschaftsblock des südlichen Afrika (SADC). Selbst wenn man die Wirtschaftskraft aller SADC-Staaten zusammenfasst, ist Südafrikas Wirtschaft für sich noch immer viermal größer. Entsprechend schwierig gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen den völlig unterschiedlich entwickelten Ländern.

Ihren Ausdruck findet diese Dominanz aber vor allem in der Börse von Johannesburg, dem klaren Champion des Kontinents. Gegenwärtig bündelt diese fast 95 Prozent des gesamten Börsenwerts im Afrika südlich der Sahara. Die übrigen 14 Aktienmärkte spielen praktisch keine Rolle. Südafrikas Dominanz ist erdrückend: Wer heute durch Angola, Sambia, Madagaskar oder Mosambik reist, trifft überall auf südafrikanische Mobilfunkanbieter, Supermärkte und Hotels oder den Zahlsender M-Net, der sein Programm von Johannesburg aus auf dem gesamten Kontinent ausstrahlt.

Besonders stark hat dabei der Mobilfunkanbieter MTN von der Öffnung des Kontinents profitiert. Mit durchschnittlichen Wachstumsraten von jährlich 65 Prozent ist der Mobilfunkmarkt in Afrika bis vor Kurzem fast doppelt so schnell wie im Rest der Welt expandiert – und MTN zur klaren Nummer eins im Mobilfunk in Schwarzafrika aufgestiegen.

Gleichwohl hat Südafrikas junge Demokratie erfahren müssen, dass die Rolle einer regionalen Supermacht in Afrika mindestens so frustrierend und undankbar ist wie die Aufgabe der USA im weltweiten Rahmen. Engagiert sich Südafrika zu stark, riskiert das Land schon wegen seiner Apartheid-Vergangenheit, schnell der Einschüchterung und Einmischung bezichtigt zu werden. Engagiert es sich nicht, wird es rasch als kaltherzig und ineffizient verurteilt.

Bei den Nachbarn besteht zum Beispiel erhebliches Misstrauen, dass Südafrika einen Abbau von Zollgrenzen einseitig zum Vorteil der eigenen Industrie ausnutzen könnte. Gerade dieser Neid- und Angstfaktor hat Pretoria zu größerer Zurückhaltung gezwungen. Dabei könnte Afrika von der südafrikanischen Expertise und Technologie profitieren, zumal der Kontinent weder die Fachkräfte noch das Geld hat, um den Rückstand aufzuholen. Symptomatisch dafür ist, dass es bis heute keine Teerstraße oder Bahnlinie gibt, die den Kontinent von Süden nach Norden verbinden würde. Dies setzt nicht nur dem Wirtschaftswachstum, sondern auch der Entwicklung seines menschlichen Potenzials enge Grenzen.

Schon deshalb hoffen die UN und der Westen, dass Südafrika dem Kontinent jenen Weg aus seiner gegenwärtigen Misere bahnt, den keine andere Nationen schlagen kann. Ob aber Südafrika diese Rolle zu spielen vermag, bleibt wegen vieler interner Probleme ungewiss. Whitey Basson bleibt dennoch optimistisch: „Seit Beginn unserer Expansion vor fast 15 Jahren haben wir wegen der oft völlig unterschiedlichen Regeln beim Steuer- und Arbeitsrecht und den Importbestimmungen viele Rückschläge erlebt. Doch insgesamt haben sich die Handelsbedingungen in Afrika deutlich verbessert.“

Wolfgang Drechsler