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Sport Geradeaus, aber nicht auf der Ideallinie
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20:03 15.10.2012
Von Tatjana Riegler
„Eine Herzensangelegenheit“: Skifahrerin Maria Höfl-Riesch hat ein Buch geschrieben. Quelle: dpa
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Hannover

Sicher, es ist eine Autobiografie. Maria Höfl-Riesch nennt ihr Buch noch „eine Herzensangelegenheit“, alle anderen Leser nennen „Geradeaus“ eine Abrechnung. „Höhen und Tiefen meines Lebens“, heißt es im Untertitel, und wer auf der Skipiste so erfolgreich war und ist wie Maria Höfl-Riesch, der könnte sich schweigend in den Höhen sonnen. Doch auf 248 Seiten ragen die Tiefen hervor: „Die ein oder andere böse Geschichte aus der Welt räumen“ wolle sie, betont Deutschlands Skikönigin bei ihrer Buchwerbetournee immer wieder.

Eine Klarstellung also, geradeheraus. Maria Höfl-Riesch ist seit zehn Jahren im Profisport aktiv, Weltmeisterin 2009, Doppelolympiasiegerin 2010, Gesamtweltcupsiegerin 2011, Deutschlands beste Alpine und „die beliebteste deutsche Sportlerin“, wie es im Buchcover unbescheiden heißt - da hat man mit 27 Jahren schon einiges auszupacken. Vor allem nach der vergangenen Saison, die ihr mental so stark zugesetzt habe, wie sie schreibt, dass sie im Urlaub darüber nachdachte, ihre Karriere zu beenden.

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Sie tut es nicht. Höfl-Riesch fährt auch in der Saison 2012/2013 im Weltcup und verkündet vorsorglich, dass sie spätestens 2015 abdanken will. Bis dahin gilt es, sich bestens zu vermarkten. Ein Buch, erschienen wenige Wochen vor dem Saisonstart am 27. Oktober im österreichischen Sölden, passt da hervorragend ins Konzept. Zumal, wenn es für Furore sorgt wie „Geradeaus“.

Da ist die Rede vom Streit mit der Amerikanerin Lindsey Vonn, ihrer Freundin, Exfreundin, Konkurrentin („Es ist alles aus der Welt geschafft. Wir haben uns ausgesprochen.“). Da sind die Auseinandersetzungen mit Mathias Berthold, dem einstigen Cheftrainer der deutschen Skifrauen, der sie gern vor versammelter Mannschaft „runterputzte“. Die Gerüchte, sie wolle sich vom Deutschen Ski-Verband trennen und ein eigenes Team gründen („War nie ein Thema.“) Und vor allem die Stimmen, sie sei von Ehemann und Manager Marcus Höfl gesteuert und würde sich ihm zuliebe zur Modepuppe runterhungern.

Dabei hätten die acht Kilogramm weniger zu Beginn der Vorsaison gesundheitliche Gründe gehabt, schreibt Höfl-Riesch. Antibiotika, mit denen sie einen Fieberinfekt während der Heim-Weltmeisterschaft 2011 in Garmisch-Partenkirchen schnell überwinden wollte, hätten ihr Immunsystem und ihre Darmflora zerstört. Erst Monate später habe sich herausgestellt, dass sie ihre Ernährung komplett umstellen musste. Warum sie diese Hintergründe nicht offenlegte? „Ich dachte, das geht niemanden etwas an.“

Bei ihren Enthüllungen aus dem Skizirkus ist die Doppelolympiasiegerin weniger zimperlich. „Pornozirkus“ nennt es Höfl-Riesch: „Man darf sich das nicht so vorstellen, dass in jedem Hotel, in dem wir absteigen, wilde Orgien zelebriert würden. Aber es ist auch nicht so, dass jeder, der allein eincheckt, dann auch die Nächte allein verbringt.“ Nach Zickenzoff und Lifestylezeilen („Ich interessiere mich sehr für Mode“) rundet die Prise Sex das schale Doku-Soap-Gefühl beim Lesen ab.

Nein, als Buchautorin fährt Deutschlands beste Skiläuferin nicht auf Ideallinie. Und ihre Beliebtheit bei den Kollegen dürfte „Geradeaus“ auch nicht steigern. Sie halten sich zwar öffentlich zurück; beim alljährlichen Medientag der DSV-Alpinen zum Saisonstart Anfang Oktober wählte lediglich Felix Neureuther klare Worte: „Ich glaube, es gibt interessantere Lektüre.“ Und: „Meine Mama hat auch noch nicht über ihre Höhen und Tiefen geschrieben. Ich werde das auch nicht tun.“

Neureuthers Mama ist ebenfalls Doppelolympiasiegerin: Rosi Mittermaier - und die hätte mit ihren 62 Jahren nun wirklich einiges zu berichten.

Maria Höfl-Riesch: „Geradeaus. Höhen und Tiefen meines Lebens.“ 248 Seiten. Piper Verlag. 19,99 Euro.

15.10.2012
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