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Sport Geliebter und gehasster Nachbar
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08:48 05.11.2013
Ein Dorf, zwei Mannschaften: Prinz Charles im Dorf Ashbourne. Quelle: Archiv
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Hannover

Der Ursprung aller Derbys

Es ist nicht überliefert, ob sich Prinz Charles der sporthistorischen Dimension des Shrovetide Football bewusst war, als er den beiden Mannschaften den bunten Spielball präsentierte. An zwei Tagen in jedem Jahr, dem Faschingsdienstag und dem Aschermittwoch, wird das verschlafene Dorf Ashbourne in Mittelengland wachgeküsst. Beim Shrovetide Football sind alle auf den Beinen. Ein Dorf, zwei Mannschaften: die Bewohner nördlich des Flusses Henmore gegen die Bewohner südlich davon, rund 200 auf jeder Seite. Der Rest der 6000 Einwohner schaut zu und feuert an.

Die Tore, zwei Mühlsteine, liegen knapp drei Meilen voneinander entfernt. Über Kuhweiden, Parkbänke und Misthaufen wird der Ball Richtung Tor bugsiert; einen Treffer erzielt, wer nach guter alter Sitte den handgenähten Ball dreimal an den gegnerischen Mühlstein schlägt.

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Seit dem 16. Jahrhundert geht das in Ashbourne so. Das mittelalterliche Volksfußballspiel gilt als Mutter aller Derbys – und die Grafschaft Derbyshire, in der Ashbourne liegt, soll für den Namen Pate gestanden haben. Zweifelsfrei erwiesen ist das nicht; es gibt Sporthistoriker, die verweisen stattdessen auf den 12. Earl of Derby, der im Jahr 1780 ein Pferderennen ins Leben rief, das es auch heute noch gibt. Was viele wegen der Nähe des Shrovetide Football zum modernen Fußball aber nicht recht überzeugen will.

Im engeren Wortsinn bezeichnet das Derby eine sportliche Auseinandersetzung zweier Lokalrivalen – demnach wäre zwar eine Partie zwischen Hannover 96 und Arminia Hannover ein Derby, nicht aber das Bundesligaspiel zwischen den „Roten“ und Eintracht Braunschweig am Freitagabend. Allerdings wird der Begriff mittlerweile auch für Duelle zweier Mannschaften verwandt, die aus einer Region stammen: 96 und Braunschweig, Nürnberg und Fürth, Dortmund und Schalke.

Derbys versprechen Aufmerksamkeit und Geld; findige Wortschöpfer haben darum einige überraschende Derbys kreiert. Eine kleine Auswahl:

  • Südderby: Synonym für das Bundesligaduell zwischen Bayern München und dem VfB Stuttgart. Regionale Gemeinsamkeiten: keine.
  • Nord-Süd-Derby: Synonym für das Bundesligaspiel zwischen dem Hamburger SV und Bayern München – s.o.
  • Kellerderby: Synonym für das Duell zweier Mannschaften in Abstiegsnot. Regionale Gemeinsamkeiten: bis auf die Nachbarschaft in der Tabelle begrenzt.
  • VW Derby: Auch bekannt als Polo mit Rucksack. Ein Kleinwagen mit Stufenheck. Inzwischen eingestellt.

Borussia Dortmund, FC Schalke 04

Das Revierderby gilt als brisantestes Fußballduell in Deutschland – und die bengalischen Feuer im Dortmunder Zuschauerblock sowie die Raketen, die von dort vor gut einer Woche auf den Rasen der Schalker Arena flogen, haben das auf traurige Weise untermauert. Dabei war das Nebeneinander beider Städte und Vereine einst entspannt. Vor dem 2. Weltkrieg, als der BVB noch keine nennenswerte Rolle im deutschen Fußball spielte, hatten die Schalker sogar Anhänger in der mittlerweile ungeliebten Nachbarstadt.

Als die „Königsblauen“ nach der Meisterschaft 1934 aus Berlin nach Hause zurückkehrten, da stoppte sogar der Zug in Dortmund – und die Mannschaft um Ernst Kuzorra trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Doch mit dem Erfolg der Borussia nach dem Krieg wuchsen Neid und Rivalität. Inzwischen haben sich die Machtverhältnisse umgekehrt: Während der BVB Erfolge sammelt, läuft „Königsblau“ den alten Zeiten hinterher.

 Besonderheit: Jens Lehmann erzielt im Dezember 1997 das erste Tor eines Bundesligatorwarts aus dem Spiel heraus. Nach einem Eckball köpft der Schalker das 2:2 gegen Dortmund – ein gutes Jahr später spielt er selbst für den BVB.

Glasgow Rangers, Celtic Glasgow

Ohne die politischen Hintergründe ist die Rivalität zwischen Celtic und Glasgow Rangers nicht zu verstehen. Celtic, gegründet 1888, ist der Verein der Katholiken aus den Armenvierteln der Stadt, viele von ihnen irische Bürgerkriegsflüchtlinge. Die Rangers, 15 Jahre älter, repräsentieren die protestantische Oberschicht. Noch in Celtics Gründungsjahr trafen die beiden Vereine erstmals aufein­ander. Celtic gewann mit 5:2, anschließend gingen die Spieler beider Mannschaften gemeinsam Tee trinken.

Doch so harmonisch blieb es nicht, aus Rivalität wurde Abneigung und Hass. Die Mischung aus Sport, Politik und Religion sorgte immer wieder für Ausschreitungen, 1980 lieferten sich Anhänger beider Vereine auf dem Spielfeld eine Massenschlägerei. Sportlich wie finanziell sind die beiden Klubs das Maß aller Dinge in Schottland: Seit 1965 gab es nur vier Jahre, in denen der Meister nicht Celtic oder Rangers hieß. Zunächst muss das Derby aber pausieren – nach einer Insolvenz kicken die Rangers derzeit in der 3. Liga.

Besonderheit: Das „Old Firm“ gilt laut „kicker“ mit mehr als 600 Partien als das am häufigsten ausgetragene Derby Europas.

AC Mailand, Inter Mailand

Kurioserweise haben die beiden Vereine identische Wurzel. Ausgewanderte Engländer gründeten im Jahr 1899 gemeinsam mit einer Gruppe Italiener in der Mailänder Weinbar „Toscana“ den AC Mailand. Als der italienische Fußballverband wenige Jahre später den Einsatz ausländischer Spieler verbot, spaltete sich ein Teil der Mitglieder ab, um einen eigenen Klub zu gründen: Football Club Internazionale Milano, einen Klub, der keine Ausländerbegrenzungen kennen sollte. Im Unterschied zu vielen anderen Derbys sind Ausschreitungen in Mailand die Ausnahme. „Milan“ und Inter nutzen dasselbe Stadion, das Giuseppe-Meazza-Stadion im Stadtteil San Siro, und sie sind auch ähnlich erfolgreich. Beide wurde jeweils 18-mal italienischer Meister, Inter wurde siebenmal Pokalsieger, „Milan“ fünfmal.

Besonderheit: Eine der kuriosesten Derbygeschichten schrieb Inters Benito Lorenzi 1957. Als die Spieler nach einem Elfmeterpfiff für den AC mit dem Schiedsrichter diskutierten, legte Lorenzi unbemerkt eine halbe Zitrone unter den Ball, der schon auf dem Punkt lag. „Milans“ Tito Cucchiaroni lief an – und schoss meilenweit am Tor vorbei.

1860 München, Bayern München

Ja, liebe jüngere Fußballfans, die ihr nur Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm kennt: Es gibt in München noch einen Profifußballverein: Er heißt TSV 1860 München, genannt „Löwen“, spielt in der 2. Liga, hat derzeit Friedhelm Funkel als Trainer (aber das ändert sich traditionell schnell bei diesem Klub), will seit 2004 wieder zurück in die 1. Liga und scheitert stets grandios. Am Ende der Saison 1965/1966 sah die Bundesligatabelle an der Spitze so aus: Erster: 1860 München. Dritter: FC Bayern. Die Bayern gewannen später bis heute 23 Meisterschaften, die „Sechzger“ keine einzige mehr. Einzige Gemeinsamkeit zwischen beiden Klubs, die 18 Spielzeiten zusammen erstklassig waren, ist heute die Allianz-Arena. Spielt dort 1860, leuchtet das Stadion blau, spielen die Bayern, leuchtet es in Rot.

Besonderheit: Franz Beckenbauer, der „Kaiser“, spielte als 13-Jähriger für den SC 1906 München und plante damals einen Wechsel zu den „Löwen“. In einem Spiel seines Klubs gegen 1860 erhielt er von seinem Gegenspieler, der – das ist nicht erfunden – mit Nachnamen König hieß, eine Ohrfeige. Beckenbauer ging dann lieber zu den Bayern ...

Galatasaray, Besiktas, Fenerbahçe

In der Türkei ist es besonders kompliziert, denn mit Galatasaray, Besiktas und Fenerbahçe kommen gleich drei Spitzenklubs aus Istanbul. Die Fans der drei Vereine sind extrem heißblütig, Niederlagen nehmen sie persönlich oder melden sich am nächsten Tag auf der Arbeit krank – weil sie sich schämen für ihren Klub. Sogar innerhalb von Familien gibt es wegen der Liebe zu dem einen oder dem anderen Klub mitunter Streit. Bei der Frage „Für welchen Klub bist du?“ muss man in Istanbul deshalb vorsichtig mit der Antwort sein. Deutsche Trainer haben die drei Klubs geprägt. Der frühere Bundestrainer Jupp Derwall ist für die Galatasaray-Anhänger noch heute ein Held. Der Fast-Bundestrainer Christoph Daum wurde mit Besiktas und Fenerbahce Meister, Bundestrainer Joachim Löw trainierte einmal Besiktas.

Besonderheit: Fenerbahçe, Galatasaray und Besiktas sind Vertreter zweier Erdteile – die Rivalen stammen aus Asien und Europa. Der 1903 gegründete Besiktas Jimnastik Kulübü ist im gleichnamigen Arbeiterstadtteil am europäischen Ufer des Bosporus zu finden, genau wie Galatasaray; Fenerbahçes Heimat ist Kadiköy im asiatischen Teil.

Rapid Wien, Austria Wien

Grün“ gegen „Violett“, dieses Farbenspiel führt nach Österreich und zum Derby zwischen den Wiener Vereinen FK Austria Wien und SK Rapid Wien. Rapid sind die „Grünen“, Austria die „Violetten“.

Am 8. September 1911 trafen die beiden Klubs, beide beheimatet im Wiener Gemeindebezirk Hietzing, erstmals aufeinander, Rapid gewann mit 4:1. Nur um Fußball ging es zwischen beiden Klubs nie: Rapid gilt als Verein der Arbeiterklasse, Austria als Verein des Bürgertums. Die Spiele zwischen den Klubs verliefen oft hektisch, Platzverweise gehörten regelmäßig dazu, eine Partie musste beim Stand von 5:0 für Austria abgebrochen werden, da Rapid nur noch fünf Feldspieler zur Verfügung hatte.

Sportlich haben beide Wiener Klubs mit Red Bull Salzburg einen mächtigen Rivalen bekommen. Geblieben ist bis heute vor allem die Rivalität der Fans, die zwischen den sogenannten Ultras immer wieder zu Krawallen führt. „Bei uns gibt es nichts Grünes außer dem Rasen“, ist das Motto der Austria-Anhänger.

Besonderheit: Austria Wien hatte bei seiner Gründung einen Intelligenz-Paragraphen in den Statuten verankert.

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