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Sport Lahm bringt Unruhe ins Team vor dem Halbfinale
Sportbuzzer Sport Lahm bringt Unruhe ins Team vor dem Halbfinale
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21:59 06.07.2010
Philipp Lahm war auserkoren als Vertreter auf Zeit – doch plötzlich formuliert der WM-Kapitän weitergehende Ansprüche.
Philipp Lahm war auserkoren als Vertreter auf Zeit – doch plötzlich formuliert der WM-Kapitän weitergehende Ansprüche. Quelle: dpa
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Oliver Bierhoff setzte Dienstagfrüh sein Lächeln auf, wie immer, auch wenn es ihm diesmal schwerer fiel als sonst. Der Tag vor einem Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Südafrika ist immer Bierhoff-Tag, bislang saß der Manager morgens meist nur vor einem kleinen Kreis von Reportern, weil die meisten wussten: Bis auf ein freundliches Lächeln gibt es nicht viel zu holen. Am Dienstag, vor dem Abflug nach Durban, war der Saal voll im deutschen WM-Quartier in Erasmia. Reporter aus Dänemark, Italien, Mexiko und England waren gekommen, um zu hören, was da los ist im deutschen Team, das zur Unzeit vor dem heutigen Halbfinalspiel gegen Spanien ein Problem hat und daran auch noch selbst schuld ist: das Kapitänsproblem.

Michael Ballacks überraschende Abreise am Vortag nach seinem Kurzbesuch beim Viertelfinalspiel gegen Argentinien (4:0) hatte bereits für viel Diskussionsstoff gesorgt und Vermutungen nahegelegt, dass sich der verletzte Kapitän a. D. und seine Teamkollegen in den wenigen gemeinsamen Tagen nicht allzu viel zu sagen hatten. Ausgerechnet Philipp Lahm, bei der WM sein Vertreter und in diesem Amt bislang ein Diplomat ohne Ecken und Kanten, machte dann aus einem spannenden Randaspekt ein großes Thema. Ballack war gerade auf dem Weg zum Flughafen in Johannesburg, als einige Boulevardzeitungen Lahm mit den Worten zitierten: „Ich werde meine Kapitänsbinde nicht freiwillig wieder hergeben. Das Amt macht mir Spaß, warum sollte ich es wieder abgeben.“

Es war ein kräftiger Tritt mit Anlauf vor das Schienbein von Ballack. Lahm hatte noch beim Trainingslager in Südtirol gesagt, dass er „davon ausgehe, dass Michael Ballack nach der WM Kapitän sein wird“. Nach sechs Wochen ohne Ballack und einem erfolgreichen Turnier schien für Lahm die Gelegenheit zur Kurskorrektur günstig.

Bierhoff sprach von „Missinterpretationen“ und versuchte am Dienstag zu retten, was nicht mehr zu retten war. „Der Zeitpunkt mit der Abreise von Michael Ballack und der Äußerung von Lahm sind nicht so glücklich“, sagte er, beeilte sich aber darauf hinzuweisen, dass es in der Mannschaft „keine Missstimmung“ gebe und das heikle Thema vor dem Spanien-Spiel „überhaupt keine Rolle spielen darf“. Zumindest dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Bierhoff verneinte, dass Lahms Äußerungen zu Ballacks Abreise geführten hätten; ein Gerücht, das schnell aufgekommen war, denn eigentlich wollte der Routinier länger bei der Mannschaft bleiben.

Die verfrühte Abreise begründete der Nationalelfmanager mit den besseren Reha-Möglichkeiten, die Ballack in Deutschland habe. Außerdem habe der Mittelfeldspieler von sich aus Wert darauf gelegt, dass die Physiotherapeuten sich zuerst um die WM-Spieler kümmern sollten. Bierhoff rutschte aber auch der vielsagende Satz heraus, dass „sich jemand erst einmal einfügen muss, wenn er nach sechs, sieben Wochen dazukommt“. Damit war Ballack gemeint. Im Umfeld der Mannschaft hieß es, dass die Nationalspieler Ballack gegenüber nicht ablehnend aufgetreten seien, dass sie ihn aber weitgehend links liegen gelassen hätten. Auch die offizielle Reha-Version erscheint nicht unbedingt plausibel, denn Bierhoff kündigte an, dass Ballack beim Erreichen des Finals am Sonntag „wahrscheinlich“ wieder nach Johannesburg kommt. Das würde mit Hin- und Rückreise insgesamt 20 Stunden Flug bedeuten, zum dritten Mal in neun Tagen. Für das operierte Sprunggelenk gibt es sicherlich bessere Heilmethoden.

Der überraschend vorpreschende Lahm bekam von Bierhoff übrigens keinen Rüffel, mal abgesehen von dem Vorwurf, den falschen Zeitpunkt für eine Kapitänsdiskussion gewählt zu haben. „Philipp hat sehr viel Spaß an der Rolle. Darüber freuen wir uns. Wir wollen Spieler, die ihre Meinung sagen“, sagte Bierhoff. Außerdem habe Lahm korrekt darauf hingewiesen, dass „letztlich der Trainer entscheidet“. Bierhoff stellte auf Nachfrage klar, dass „Lahm der WM-Kapitän ist und Ballack der richtige Kapitän“. Es wird spannend, wenn Lahm nach der WM noch einmal daran erinnert, dass er auch gerne „richtiger Kapitän“ sein möchte.

l Und noch mal Ärger: Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), sorgte in einem Interview mit der Äußerung für Unmut, dass „es sichergestellt sein muss, dass Strukturen nicht dazu führen, dass wir drei statt zwei Verbände haben: den DFB, die Liga und die Nationalmannschaft“. Der DFL-Chef bewies damit offensichtlich neben der Angst, in der WM-Euphorie zu kurz zu kommen, einen zielsicheren Instinkt fürs Fettnäpfchen vor dem Halbfinale. Bundestrainer Joachim Löw und Bierhoff stellten Rauball bereits in Erasmia zur Rede. „In einer solchen Woche ist es unnötig, so eine Diskussion zu führen, die keiner bei uns versteht“, sagte Bierhoff.

Heiko Rehberg