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Sport Lust an der Provokation: Deutsche Spieler sticheln weiter
Sportbuzzer Sport Lust an der Provokation: Deutsche Spieler sticheln weiter
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20:20 01.07.2010
Sieht nett aus, kann aber auch bissig sein: Philipp Lahm hatte wenig Höflichkeiten für die  Argentinier übrig. Stattdessen stichelte der Kapitän weiter: „Wir wissen, dass sie nicht verlieren können.“
Sieht nett aus, kann aber auch bissig sein: Philipp Lahm hatte wenig Höflichkeiten für die Argentinier übrig. Stattdessen stichelte der Kapitän weiter: „Wir wissen, dass sie nicht verlieren können.“ Quelle: dpa
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Alle waren gespannt am Donnerstag im WM-Quartier der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Zwei Tage vor dem Viertelfinalspiel am Sonnabend in Kapstadt gegen Argentinien (16 Uhr, live im ZDF) und einen Tag nach Bastian Schweinsteigers provokanten Äußerungen über die gegnerischen Fans und Spieler („Die Argentinier sind so“), rätselten alle, wie es weitergehen würde mit der Geschichte. Angekündigt worden waren vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) Teammanager Oliver Bierhoff und Kapitän Philipp Lahm, das sprach für den Auftritt eines Deeskalationskommandos, für das Aufräumen von ein paar Scherben in der deutsch-argentinischen Fußball-Beziehung.

Dass sich gleich die erste Frage um Schweinsteigers Auftritt am Vortrag drehen würde, war wenig überraschend. Der Vizechef der deutschen Mannschaft hatte den argentinischen Profis schlechte Manieren bescheinigt und ihr ständiges Gestikulieren und den Versuch, den Schiedsrichter zu beeinflussen, als „respektlos“ bezeichnet. Und die argentinischen Fans hatten gleich mit ihr Fett abgekriegt, weil sie laut Schweinsteiger anderen Zuschauern im Stadion die Plätze wegnehmen („Das zeigt ein bisschen ihren Charakter und ihre Mentalität“).

Bierhoff setzte sein gewinnbringendes Lächeln auf, das er seit Jahren perfekt einstudiert hat, und erzählte, dass er als Profi früher mit vielen Argentiniern zusammengespielt habe. „Es sind herzliche, gesellige, freundliche Menschen“, sagte er, und alle sahen sich bestätigt – das Aufräumkommando hatte mit der Arbeit begonnen. Doch Bierhoff war noch nicht fertig, auf das kleine Loblied auf den Argentinier im Allgemeinen folgte eine Stichelei gegen den argentinischen Fußballer im Speziellen. „Wenn sie auf den Platz gehen, dann vergessen sie das alles und schieben es beiseite, dann sind sie aggressiv, und es gibt immer Provokationen.“ Das alles verband Bierhoff mit dem Hinweis an die deutsche Mannschaft, morgen in Kapstadt „kühlen Kopf zu behalten“.

Okay, muss also der Kapitän alles kitten, war der erste Gedanke von 120 deutschen Reportern bei Bierhoffs Worten. Doch Lahm wählte eine ähnliche Taktik wie Bierhoff: ein paar freundliche Worte, und dann wird weiter gestichelt. „Wir müssen uns auf den Fußball konzentrieren und auf die 90 Minuten“, sagte Lahm. Seit er Kapitän ist, wirft er solche unverbindlichen Sätze in schöner Regelmäßigkeit in die Runde.

Dann kam die Frage auf seinen Stellvertreter als Kapitän und ob er von Schweinsteigers Auftritt erschrocken gewesen sei. „Überhaupt nicht“, antwortete Lahm kühl, wurde dann aber etwas ausführlicher: Impulsiv seien die Südamerikaner und temperamentvoll, sagte Lahm. „Und wir wissen, dass sie nicht verlieren können. Ich hoffe, dass wir im Viertelfinale erleben, wie sie diesmal mit einer Niederlage umgehen.“ Von wegen Deeskalationsexperten.

Die Erlebnisse von vor vier Jahren nach dem 4:2-Sieg im Elfmeterschießen scheinen diejenigen, die damals im Viertelfinale in Berlin dabei waren, immer noch zu bewegen und ihr Bild von den Argentiniern negativ geprägt zu haben. Wer sich die Bilder von damals heute ansieht, der erkennt in einem Pulk von schubsenden und sich provozierenden Spielern Lahm ein wenig am Rand des Gemenges, aber Bierhoff und Schweinsteiger mittendrin. Nur eine kleine Dreierkette mit DFB-Medienchef Harald Stenger auf der linken Seite kann verhindern, dass Schweinsteiger und der Argentinier Gabriel Heinze aufeinander losgehen. Beide werden sich morgen in Kapstadt auf dem Platz wiedersehen.

Lag am Vortag die Möglichkeit nahe, dass es Schweinsteigers persönliche Wut war, spontan ausgelöst durch eine Frage zum Spiel von 2006, die zu den Sticheleien geführt hatte, scheint nach Bierhoffs und Lahms Begleitschutz sicher, dass die Deutschen die Argentinier vor dem morgigen Duell ein bisschen in Rage bringen wollen. Vielleicht, um auf diese Art zu demonstrieren: Ihr seit vielleicht der Favorit, aber wir trauen uns was! Vorher und im Spiel.

Diego Maradona, Argentiniens Trainer, ließ morgens beim TV-Sender „Fox“ ausrichten, dass „wir keine Zeit haben, an Schweinsteiger zu denken“ und kündigte eine Antwort auf dem Platz an. Mittags stichelte Maradona dann zurück: „Ist Schweinsteiger vielleicht nervös?“ Quatsch, sagte Lahm: „Wir sind nicht nervös, sondern haben eine große Vorfreude.“ Die scheint so groß zu sein, dass man es im deutschen Lager sogar beim Provozieren mit den Argentiniern aufnimmt.

Heiko Rehberg berichtet aus Pretoria