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Sport Robert Enke – ein Riese, der sich oft als Zwerg fühlte
Sportbuzzer Sport Robert Enke – ein Riese, der sich oft als Zwerg fühlte
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08:01 30.09.2010
Die Nummer 1 in Hannover: Robert Enke.
Die Nummer 1 in Hannover: Robert Enke. Quelle: dpa
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Robert-Riese. Unter diesem Spitznamen wurde Torhüter Robert Enke zu Lebzeiten beim Fußball-Bundesligisten Hannover 96 zuweilen geführt. Weil er in Hannovers Fußball der Beste seit Jahren war, sogar Nationalspieler. Und der Beliebteste bei den Fans. Ein riesenhafter Leuchtturm eben, der wie wenige in der Stadt weit über deren Grenzen hinaus strahlte. Sogar noch im Tod, selbst gewählt im damals noch geheim gehaltenen Sog der Depressionen, der Hannover im November 2009 zu einer Hauptstadt der Trauer gemacht hatte.

Enke hatte für sich einen eigenen heimlichen Spitznamen: Zwerg. Nachzulesen in der Biografie „Robert Enke – ein allzu kurzes Leben“ (Verlag Piper, 19,95 Euro), verfasst von dem Freund Enkes, Ronald Reng, Journalist und langjähriger Autor dieser Zeitung. Das Buch enthält unter anderem Gedichte wie dieses, das der Torwart vor Jahren per SMS an seine Frau Teresa schickte: „Sein Herz kann man nicht bestimmen / Leichter ist es, einen Berg zu erklimmen / Nur ist er auch schwierig zu schaffen der Berg / am Fuß fühlt man sich wie ein winziger Zwerg.“

Das mag wohl etwas holpern, aber es ist authentisch. Wer befürchtet hatte, Reng könnte als trauernder Freund nun Enke zu einem Monument überhöhen, der kann also beruhigt werden. Reng erlaubt – bis auf ganz wenige Ausrutscher in den Kitsch – dem Großen seine Größe und lässt auch dem Kleinen sein Format.

Mancher mag dennoch ein mulmiges Gefühl haben bei dem Gedanken, dass die Erinnerungen an Enkes Tod und die Monstrosität der Trauer nun wieder hochkommen könnten. Es steht immerhin ein mehrwöchiger Marathon des Gedenkens bevor, dessen Startschuss die Biografie setzt. Gestern war das Buch zuerst bei Schmorl & von Seefeld am hannoverschen Kröpcke zu haben – und am Nachmittag war es auch schon wieder ausverkauft. Von der ersten Vorablieferung dürften in Hannovers Innenstadt innerhalb eines halben Tages mehrere 100 Exemplare über den Tresen gegangen sein, und heute wird nachgeliefert. „Das Buch trifft auf sehr großes Interesse. Wir erwarten eine Nachfrage ähnlich wie bei dem Sarrazin-Buch“, bestätigt Schmorl-Sprecherin Sigrun Richter.

Der exklusive Vorabdruck von Auszügen in „Bild“ sowie Interviews in wenigen ausgewählten Medien dürften dem Verkauf förderlich sein. Wie etwa beim „stern“ – wo allerdings Autor Reng als Gesprächspartner nur eingesprungen ist, weil Teresa Enke kurzfristig einen Rückzieher gemacht hat. Die Witwe, die Reng bei der Biografie unterstützt hat, geht nun vor dem Buch in Deckung. „Sie ist noch nicht so weit, dass sie darüber so einfach reden kann“, sagt Jörg Neblung, Enkes einstiger Manager und Freund, der nun Teresa Enke berät und das Buchprojekt begleitet. Für ihn zeugt das mediale Interesse davon, dass der ursprüngliche Ansatz des Buches aufgeht. Das Bedürfnis in der Gesellschaft, mehr über Depressionen zu wissen, sei groß. Und zumal in Hannover ist das Erinnern an Enke wohl noch zu aufrührend, als dass es sich mit einem feierlich enthüllten Schild an einem „Robert-Enke-Platz“ vor dem Nordeingang der AWD-Arena oder dem „Robert-Enke-Gang“ zwischen zwei Sitzblöcken im Stadion beruhigen ließe. „Die Geschichte von Robert Enke gehört ein Stück weit zur Geschichte von Hannover 96“, sagt Jörg Schmadtke, Sportdirektor des Bundesligisten.

Rengs Biografie arbeitet vieles davon auf, obwohl sie schon viel früher, mit Enkes Einstieg in den Profifußball in Jena, beginnt. Reng erzeugt einen erzählerischen Sog, dessen Kraft auch bleibt, wenn der Strudel der Anekdoten den Leser mit in die Abgründe von Verstimmungen und bis zu den zweimaligen klinischen Depressionen des Torhüters führt. Romantisches hat da nur wenig Platz. Aber es gibt dieses rührende Ereignis: Robert Enke schenkt seiner damaligen Freundin Teresa an deren 24. Geburtstag im Februar 2000 ein Torwarttrikot seines damaligen Klubs Benfica Lissabon. Blödes Geschenk, denkt sie, bis sie, vor den Spiegel geführt, die Beschriftung auf dem Rücken sieht: „Teresa Enke“ steht da, und statt der Nummer 1 ein Fragezeichen – da begreift sie den Heiratsantrag.

Mehr Raum nehmen aber die Schilderungen negativer Ereignisse ein. In kritischem Licht erscheinen da etwa der jetzige Bayern-Coach Louis van Gaal sowie Torwarttrainer Walter Junghans, die Enke in Barcelona trainierten, außerdem Mitspieler Frank de Boer. Verbittert reimt Enke wieder: „Heut ist Samstag, oh wie schön / wir werden auf ’ne Party gehn / Tanja, Terri, Jörg und Rob / der mit dem kaputten Kopp.“ Diese Verse voller Selbstzerstörungswut legt er in einer Mappe ab, die er „Depri-Ordner“ nennt.

Auch in Hannover füllt sich diese Mappe. Enke war in einigen Situationen vom einstigen 96-Manager Ilja Kaenzig und später von Trainer Dieter Hecking enttäuscht. Schuldzuweisungen deshalb? Nein, sagt Jörg Neblung. „Es ist kein Haudraufbuch. Mancher wird nicht glücklich darüber sein, wie er wegkommt. Aber keiner wird an den Pranger gestellt.“ Sie wussten ja nicht, wie es um Enke stand.

Schließlich ist die Täuschung über die Schwere der Krankheit häufig Begleiter der Depression. Und wie perfekt Enke seine Legende zu schützen verstand, beweist wohl auch diese Schilderung vom Tag, an dem er sich das Leben nahm: Der Torhüter hatte sich bei seiner Frau Teresa verabschiedet, weil er vormittags und nachmittags trainieren wolle. Um 18.30 Uhr fragte Teresa bei Torwarttrainer Jörg Sievers nach, warum ihr Mann vom Training noch nicht nach Hause gekommen sei. Sievers klärte auf, dass an diesem Tag gar kein Training verabredet worden sei, und versuchte seinerseits, Enke zu erreichen. Nicht, weil er einen Suizid befürchtete, sondern weil er Enke bei einer heimlichen Geliebten vermutete und ihn vor den Nachforschungen seiner Ehefrau warnen wollte. Demnach hatte selbst der Mann, der täglich viele Stunden mit Enke auf dem Fußballplatz stand, keine Ahnung …

Volker Wiedersheim