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Sport Der Startschuss fiel um vier Uhr nachts
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00:22 04.05.2014
Von Carsten Schmidt
Start frei: Dieses Bild aus den Anfängen der Stadtstaffel stammt aus dem Jahr 1919. Quelle: HAZ Archiv
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Hannover

Das Jubiläum hilft einer Veranstaltung, die in jüngerer Vergangenheit zwar von der Verwaltung unermüdlich organisiert wurde, aber seit der Premiere 1909 doch Patina angesetzt hatte.

Solche guten Jahre der Stadtstaffel kennt vor allem die Vorkriegsgeneration, zu der auch die Hannoveraner Horst Johr und Helmut Roders (beide 78 Jahre) gehören. Beide können viel über die Veranstaltung erzählen, die 1909 als Großstaffellauf HildesheimHannover begonnen hatte – sei es aus mehr einem halben Jahrhundert eigenen Erlebens oder noch aus den Erzählungen älterer, längst verstorbener Sportkameraden.

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„Der erste Start war auf dem Hildesheimer Zentralfriedhof, um vier Uhr in der Nacht“, erzählt Johr, der sich als Chronist auch um die niedersächsische Leichtathletik verdient gemacht hat. „Gelaufen wurden 26,5 Kilometer bis zum Döhrener Turm.“ 15 Mannschaften mit je 20 Läufern, natürlich alles Männer, suchten vor 105 Jahren eine Herausforderung. Als Vorbild genommen hatten sie sich den Staffellauf PotsdamBerlin. „Es gab zwei Zeitnehmer“, erzählt Johr weiter, „die stiegen in die Straßenbahn, die damals von Hildesheim nach Hannover verkehrte, und fuhren bis zum Ziel.“ Veranstalter waren übrigens nicht die Leichtathleten, sondern Ballsport-Spezialisten – der Norddeutsche Rugby-Fußball-Verband.

Schon 1927 zog es die Läufer ganz nach Hannover – als Intermezzo gab es während des 1. Weltkriegs eine Bismarck-Gedenkstaffel in der Eilenriede, deren vier Rennen aber nicht in der Staffel-Historie gewertet werden. Zunächst ging es durchs Stadtgebiet, 1936 dann fand die Veranstaltung ihren heutigen Platz am Maschsee. „100 000 Zuschauer waren bei der
1. Austragung dabei“, berichtet Johr, darunter als Ehrengast der Sportfunktionär Karl Ritter von Halt, Mitglied des
Internationalen Olympischen Komitees und der NSDAP (Mitgliedsnummer 3 204 950).

Aber nicht nur am Rande der Laufstrecke ließen sich Größen sehen. Für die lokale Sportprominenz ist es bis heute eine Ehrensache, bei der Stadtstaffel mitzumachen. Dabei hatte Fritz Fromm, der spätere Handball-Olympiasieger aus Hannover, im Premierenjahr am Maschsee besonderes Pech. Fromm, der damals schon in Berlin studierte, aber extra in seine Heimatstadt gekommen war, um in der Staffel des Turnklubbs zu laufen, wurde auf der 500-Meter-Strecke eingesetzt. Er lief prächtig und hatte 60 Meter Vorsprung, als er den Staffelstab weitergeben wollte, aber nicht konnte: Der Nachfolger stand nicht an seinem Platz, Fromm musste noch weitere 500 Meter zurücklegen und büßte den kompletten Vorsprung ein.

Fromms Teilnahme folgten die Starts weiterer Prominenter: Wladislaw Kozakiewicz, der Stabhochsprung-Olympiasieger von 1980, lief ebenfalls für den TKH. Michael Mertens, ein 20-Meter-Kugelstoßer, absolvierte für 96 ein 300-Meter-Teilstück, Eike Onnen,

WM-Siebter im Hochsprung, brachte für den SV Eintracht den Stab ins Ziel. Und natürlich waren vor heimischem Publikum auch die 96-Asse der fünfziger und sechziger Jahre aktiv – Walter Mahlendorf (Olympiasieger über 4x100 Meter), Renate Meyer-Rose (EM-Zweite über 4x100 Meter) und Helga Henning, die 1968 als erste Deutsche die 400 Meter unter 53 Sekunden zurücklegte.

Die Maschseestaffel entwickelte sich aber auch in der Breite, weil das Programm um Rennen für männliche Jugendliche (1925), Frauen und Mädchen (1941/1942) erweitert wurde. Seit 1953 werden die Schülerstaffeln ausgetragen, und die Jüngsten hatten bis in die neunziger Jahre ein ganz besonderes Lauferlebnis: Sie absolvierten ihre Pendelstaffeln auf dem Rasen des Niedersachsen-Stadions, der sonst den Profifußballern vorbehalten war. Die Teilnehmerzahlen stiegen von 5000 (1948) bis auf mehr als 7000 zum 75. Jubiläum 1988. Roders, der langjährige Vorsitzende des Leichathletik-Bezirks Hannover, erinnert sich an seine aktive Zeit in den fünfziger und sechziger Jahren: „Die Vereine mussten bis zu 36 Läufer an den Start bringen, weil die Staffel drei Maschseerunden lang war.“ Heute wird „nur“ noch eine 5,8-Kilometer-Runde gelaufen, die sich 14 Sportler teilen.

Ausgefallen ist das Staffelrennen in Hannover nur 1945 und 1992, als die Vereine wegen einer Kürzung der Übungsleiterzuschüsse und Erhöhung der Hallenmieten nicht teilnahmen. Doch der Jubilar muss um die Zukunft kämpfen, nicht nur, weil es immer weniger Kinder gibt. „Es gibt immer weniger Persönlichkeiten wie Roland Günther, die sich ehrenamtlich für eine solche Veranstaltung einsetzen“, sagt Johr. Roders nickt.

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