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Sport Spanien mit Fiesta - Holland mit Tränen des ewigen Zweiten
Sportbuzzer Sport Spanien mit Fiesta - Holland mit Tränen des ewigen Zweiten
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19:15 12.07.2010
Jubel während des Fluges.
Jubel während des Fluges. Quelle: dpa
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Spanien lächelt wieder: Der historische WM-Triumph hat dem Krisenland endlich wieder einen Grund zur Freude gegeben. Das konnten die Spieler der „selección“ schon bei ihrer Rückkehr am Montag aus Südafrika deutlich spüren. „Willkommen in einem glücklicheren Land - Danke!“, stand auf einem riesigen Transparent, das David Villa, Iniesta und Co. am Flughafen Barajas empfing.

Jubel brach unter den Mitarbeitern des Airports aus, als Kapitän Iker Casillas mit dem Pokal in der Hand als Erster den Airbus verließ. Ehe sich das Team von Trainer Vicente del Bosque auf den Weg zu einem Empfang bei König Juan Carlos und Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero machte, konnten die Spieler noch ein wenig im Hotel ausspannen. Anschließend ging das Party-Programm mit einer Fahrt im offenen Doppeldeckerbus durch Madrid und einer Abschlussfiesta weiter.

Von Schuldenmisere und Arbeitslosigkeit will in Spanien schließlich derzeit keiner etwas wissen. Stattdessen herrscht kollektive Euphorie. „Jetzt ist Freude angesagt, alles andere ist erstmal egal“, sprach Oscar Suárez seinen Landsleuten aus der Seele. „Ich war lange nicht mehr so glücklich“, fügte der 34-jährige Büroangestellte aus Madrid hinzu.

Wie Millionen Spanier war er nach dem 1:0-Sieg über die Niederlande in der Nacht mit seiner rotgelben Fahne auf die Straße gestürmt, um die „selección“ zu feiern. Und wie viele andere war er derart überwältigt, dass er so manche Träne vergoss. „Auch ich habe vor Freude geweint“, gestand Ministerpräsident Zapatero ein. Anschließend begoss er den „heroischen Sieg“ von David Villa, Andrés Iniesta, Xavi und Co. mit Sekt. Auch US-Präsident Barack Obama, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und der britische Premier David Cameron haben Spanien zum WM- Gewinn gratuliert.

Feuchtfröhlich ging es nach dem Schlusspfiff auf zahlreichen Freiluftpartys von Santander im Norden bis Tarifa im Süden zu. Das Land explodierte regelrecht vor Freude. Nach Schätzungen des Sportblatts „Marca“ feierten 25 Millionen Menschen den ersten WM- Titel Spaniens auf der Straße - das ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung.

„Campeones, oé, oé, oé!“, riefen die Anhänger in Madrid, Saragossa, Valencia oder Sevilla. Bei Temperaturen um die 35 Grad endete so manche Party im Stadtbrunnen. Die Polizei drückte meist die Augen zu. Mancherorts ließen die Streifenwagen sogar die Sirenen heulen, nur um mitzufeiern.

Nicht so in Bilbao im Baskenland, wo militante Separatisten einige Anhänger der spanischen Nationalmannschaft verprügelten. Auch in Barcelona kam es zu Ausschreitungen. Insgesamt gab es zwei Dutzend Festnahmen und etwa 80 Verletzte. Überschattet wurden die Feiern zudem von zwei Todesfällen: Ein Mann stürzte vom Balkon, ein anderer ertrank in einem Schwimmbad.

Davon abgesehen trug Iniestas Treffer in der 116. Minute dazu bei, das Land in einem Schlachtruf zu einen: „Yo soy es-pa-ñol, es-pa-ñol, es-pa-ñol“ (Ich bin Spanier), sangen Millionen Menschen - auch in Kataloniens Hauptstadt Barcelona, wo am Wochenende noch Hunderttausende für die Unabhängigkeit auf die Straße gegangen waren. „Das war ein Tor für alle“, meinte die Zeitung „El País“.

Der Sieg hat Spanien aber auch Selbstbewusstsein zurückgegeben. Endlich hat das Land einen Erfolg zu vermelden und steht nicht mehr nur für Krise und Rekordarbeitslosigkeit. „Wir sind wieder wer“, lautet der Tenor. „Die Heldentat der Nationalmannschaft kommt gerade zur rechten Stunde“, schrieb deshalb „El Mundo“.

Und wenn einige Ökonomen richtig liegen, wirkt sich das sogar positiv auf die Wirtschaft aus. Schätzungen zufolge wird der WM-Sieg dazu beitragen, das Bruttoinlandsprodukt um 0,25 Prozentpunkte zu steigern. Kein Wunder also, dass die Spieler der „selección“ in der Heimat wie Helden gefeiert werden. „Sie sind die Könige der Welt“, titelte „Marca“.

Die ewigen Zweiten - Tränen bei Sneijder und Co.

Oranje trug Trauer. Mit schwarzen Daunenjacken und grimmigen Mienen verfolgten Arjen Robben und Co. das bunte Treiben der spanischen WM-Sieger auf dem Rasen. Die Bayern- Stars Robben und Mark van Bommel starrten nach ihrem zweiten verlorenen großen Finale innerhalb von zwei Monaten konsterniert ins Leere, Spielmacher Wesley Sneijder konnte seine Tränen nicht unterdrücken. Hollands Fußball-Legende Johan Cruyff zeigte jedoch kein Mitleid mit seinen Nachfolgern. „Das Spiel war hässlich, hart, grob und viel zu defensiv. Es war nicht schön anzusehen und es war wenig Fußball drin“, wetterte der Vize-Weltmeister von 1974 in seiner Kolumne für die spanische Tageszeitung „El Periodico“.

Bei den „Oranje-Stars“ drängte das dritte Finaltrauma nach 1974 und 1978 den Stolz über ein insgesamt gutes Turnier zumindest für einen Abend in den Hintergrund. „Diese Niederlage werde ich mein komplettes Leben mit mir rumtragen“, sagte van Bommel. „Ich denke, dass diese stabile und erfahrene Mannschaft mehr verdient gehabt hätte als Platz zwei.“ Der Hamburger Joris Mathijsen war ebenfalls frustriert: „Wir können uns jetzt nicht hinstellen und sagen, wir sind stolz auf den zweiten Platz. Wir waren so nah dran.“

Alle Hoffnungen, die im Heimatland legendäre 70er-Jahre Generation um Superstar Cruyff überflügeln zu können, erwiesen sich als Wunschdenken. Stattdessen machte das Gerede vom ewigen Zeiten die Runde. „Was als fröhliches Fest in Städtern und Dörfern begann, endete in einem kräftigen Kater“, schrieb die Tageszeitung „Trouw“.

Mit dem späten Treffer von Andres Iniesta nur vier Minuten vor Ende der Verlängerung erlosch der Glaube an den ersten WM-Gewinn der kleinen Nation. „Ich bin sehr enttäuscht. Es ist total frustrierend, so kurz vor Schluss zu verlieren“, sagte Robben. Der Münchner Flügelflitzer hatte in der zweiten Halbzeit zweimal die große Chance zur Führung, verpasste aber die Krönung seines rasanten Comebacks, nachdem sein WM-Einsatz lange Zeit unmöglich schien. „Robben hatte den Pokal auf dem Fuß“, schrieb „de Volkskrant“. Der Bayern-Star war untröstlich: „Ich habe da keine Entschuldigung für. Der Torwart hat sein Tor schon sehr klein gemacht, aber das Ding muss ich machen.“

Die Enttäuschung der Holländer bekam vor allem der schwache Schiedsrichter Howard Webb zu spüren. Minutenlang redete eine Gruppe um Mathijsen und van Bommel nach der Partie auf den Engländer ein. Seine Entscheidung, wenige Sekunden vor dem entscheidenden Treffer der Spanier nicht auf Ecke zugunsten der Niederländer entschieden zu haben, sorgte für lange Diskussionen.

„Ein WM-Finale sollte einen Schiedsrichter von Weltniveau leiten. Das war heute nicht so“, klagte Robben. „Das hätte sogar ein Blinder gesehen“, ereiferte sich Torwart Maarten Stekelenburg. Trainer van Marwijk war um Fassung bemüht, äußerte aber einen schlimmen Generalverdacht: „Der Mann war auf Spaniens Seite“, meinte van Marwijk, der seine Silbermedaille nach der Siegerehrung sofort enttäuscht in der Hosentasche verstaute. „Oranje fühlt sich bestohlen“, titelte das „Algemeen Dagblad“.

Allerdings konnte sich die „Elftal“ nicht beklagen, dass der ehemalige Hamburger Nigel De Jong bei seiner Kung-Fu-Attacke in der ersten Halbzeit gegen Xabi Alonso nicht schon früh die Rote Karte sah. Mit ihrer mitunter rüden Gangart - immerhin acht Profi sahen Gelb - verspielten die Niederländer einen Teil der Sympathien, die sie sich im bisherigen Turnierverlauf aufgebaut hatten.

Für kritische Fragen nach dem harten Einsteigen seiner Profis brachte Trainer van Marwijk dennoch kein Verständnis auf: „Es ist nicht unser Stil, schreckliche Fouls zu begehen. Das ist nicht unser Fußball.“ Die Tageszeitung „de Volkskrant“ bat dennoch, sich an die alten niederländischen Tugenden zu erinnern. „Bondscoach van Marwijk darf stolz sein, obwohl eine Rückkehr zu einer reineren Form des Fußballs ratsam erscheint.“

Immerhin war Manndecker Mathijsen selbstkritisch genug, die alleinige Schuld an der Niederlage nicht dem Unparteiischen zu geben: „Bisher haben wir in jeden WM-Spiel ein Tor gemacht. Heute leider nicht. Aber wer Weltmeister werden will, muss im Endspiel treffen.“ Die Zeitung „Telegraaf“ stimmte dem HSV-Profi zu. “1974 waren wir die Besten. 1978 waren wir die Besseren. 2010 waren wir nicht gut genug.“

In der Heimat war die Freude über den dritten Finaleinzug der WM- Historie in Frust und Enttäuschung umgeschlagen. In zahlreichen Städten gab es kleinere Ausschreitungen und Festnahmen. Doch mit einer Nacht Abstand wollten die Niederlande ihren Helden vom Kap doch noch einen großen Empfang bereiten. Für diesen Dienstag sind Empfänge bei Königin Beatrix und Ministerpräsident Balkenende geplant. Zum anschließenden Bootskorso über die Grachten Amsterdams, der trotz der Pleite stattfinden wird, und der anschließenden Feier vor dem Reichsmuseum werden erneut rund eine Million Menschen erwartet.

dpa

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