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Sport Suizidversuch von Rafati schockt die Bundesliga
Sportbuzzer Sport Suizidversuch von Rafati schockt die Bundesliga
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21:19 20.11.2011
Von Stefan Knopf
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Hannover

Als Theo Zwanziger vor die Medien tritt, gibt es noch nicht viel zu erklären. Vier Stunden zuvor an diesem Sonnabendnachmittag ist der hannoversche Schiedsrichter Babak Rafati in seinem Hotelzimmer in Köln gefunden worden, in der Badewanne hat sich der 41-Jährige offenbar die Pulsadern aufgeschnitten. Im Zimmer haben die Ermittler ein paar Notizen sichergestellt, die womöglich auf ein Motiv hindeuten könnten, doch mit der Auswertung wird es noch ein bisschen dauern; bis Sonntagabend gab es keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Zwanziger aber lenkt die Diskussion über Rafatis Suizidversuch umgehend in eine Bahn, die sie bis heute nicht verlassen hat. Vom „Druck auf die Schiedsrichter“ spricht der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der „ungeheuer hoch“ sei. Und davon, dass „wir es einfach nicht schaffen, das Ganze in eine richtige Balance zu bringen“. Mancher fühlt sich unwillkürlich erinnert an die „Fußball ist nicht alles“-Rede bei der Trauerfeier für Robert Enke vor zwei Jahren.

Es macht wenig Sinn, über das Motiv zu spekulieren, solange die Ermittlungen laufen, zumal nicht mal Rafatis Vater eine Erklärung hat. Von Burn-out oder Depressionen sei ihm bei seinem Sohn nichts bekannt, sagte Djalal Rafati dem Kölner „Express“, auch privat sei sein Sohn glücklich. In einem kurzen Telefonat hat sich Babak Rafati, der weiter auf der Intensivstation eines Kölner Krankenhauses behandelt wird und sich nach Auskunft der Polizei auf dem Weg der Besserung befindet, bei seinem Vater entschuldigt. „Er sagte nur: Papa, verzeih mir, was ich getan habe. Ich habe ihm gesagt: Natürlich, du musst dich jetzt erst einmal erholen“, sagte Djalal Rafati der Zeitung weiter.

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Weil Rafati am Sonnabend um 13.30 Uhr, zwei Stunden vor dem Anpfiff der Bundesligapartie zwischen dem 1. FC Köln und dem FSV Mainz, nicht wie verabredet zur Besprechung erscheint und nicht an sein Telefon geht, suchen seine Assistenten sein Hotelzimmer auf. Als der Hannoveraner auch auf Anklopfen nicht reagiert, lassen die drei vom Hotelpersonal die Zimmertür öffnen und finden Rafati im Badezimmer. DFB und Deutsche Fußball-Liga beschließen, die Partie abzusagen; als der Kölner Stadionsprecher die Zuschauer um kurz nach drei mit der unbeholfenen Begründung nach Hause schickt, das Spiel könne nicht stattfinden, weil der Schiedsrichter nicht erschienen sei, ertönt von den Rängen ein Pfeifkonzert. Welch bittere Ironie: Unparteiische können es niemals allen recht machen, aber jetzt wird der Schiedsrichter schon ausgepfiffen, weil er gar nicht da ist.

Als Spieler, Trainer und Funktionäre in den Bundesligastadien von Rafatis Suizidversuch erfahren, ist ihnen der Schock in die Gesichter geschrieben. Im hilflosen Versuch, eine Erklärung für das Unerklärliche zu finden, greifen viele von ihnen zur Vokabel „Druck“ und schwenken damit auf Zwanzigers Bahn ein. „Man sieht, dass besonders die Schiedsrichter unter einem ungeheuren Druck stehen“, sagt Bayern Münchens Trainer Jupp Heynckes, der Schalker Profi Lewis Holtby findet: „Es sollte ein Appell an alle sein, dass Schiedsrichter keine Roboter, sondern auch nur Menschen sind. Sie stehen jedes Wochenende extrem unter Druck.“ Fast hat es den Anschein, als entdecke die Liga ihr Mitgefühl für die Unparteiischen, und dabei ist es zunächst einmal nebensächlich, ob Rafati sich wegen psychischer Belastungen in einer ausweglosen Situation wähnte oder aus ganz anderen Gründen.

Rudelbildung auf dem Rasen nach jeder strittigen Entscheidung ist inzwischen so normal geworden im deutschen Fußball, dass kaum noch jemand drüber redet, und in Zeiten, in denen jeder Pfiff, jeder Wink des Assistenten mit der Fahne mithilfe etlicher Zeitlupen und 3-D-Animationen seziert wird, werden die Unparteiischen öffentlich bloßgestellt. Die „Bild“-Zeitung wagte vor zwei Wochen sogar die Verbindung von Fehlverhalten und Fehlentscheidung: Mit Blick auf die Schiedsrichter, gegen die wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung ermittelt wird und zu denen Rafati ausdrücklich nicht zählen soll, fragte das Blatt: „Pfeifen unsere Schiris wegen der Steuer-Affäre so schlecht?“
„Fakt ist, es ist eine Tragödie“, sagte Freiburgs Trainer Marcus Sorg. Er sprach über Babak Rafati.

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