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Sport Tischtennis steht vor beispiellosem Kahlschlag
Sportbuzzer Sport Tischtennis steht vor beispiellosem Kahlschlag
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20:44 21.03.2013
Von Stefan Knopf
Foto: Weil der FSV Kroppach sich aus der Bundesliga zurückzieht, verlässt die deutsche Topspielerin Kristin Silbereisen den Verein.
Weil der FSV Kroppach sich aus der Bundesliga zurück zieht, verlässt die deutsche Topspielerin Kristin Silbereisen den Verein. Quelle: dpa
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Hannover

Um zu verstehen, was gerade im deutschen Tischtennis geschieht, hilft vielleicht ein kleiner Vergleich. Stellen Sie sich vor, der FC Bayern München, der in der Fußball-Bundesliga kurz vor der deutschen Meisterschaft steht, würde morgen seinen Rückzug zum Saisonende ankündigen. Und Borussia Dortmund, der zweite Spitzenklub, kurz darauf ebenfalls. Obendrein würden die Traditionsvereine 1. FC Köln und VfL Bochum auf eine weitere Zweitligasaison verzichten, weil sie künftig lieber eine oder zwei Klassen tiefer antreten. Und damit nicht genug: Eine solche Rückzugswelle gäbe es nicht nur im Männer-, sondern auch im Frauenfußball. Undenkbar?

Wie ein Totentanz an der Platte

Das deutsche Tischtennis steht vor einem beispiellosen Kahlschlag. Insgesamt zehn Mannschaften aus den 1. und 2. Bundesligen der Männer und Frauen haben in den vergangenen Wochen angekündigt, sich in den Amateurbereich zurückziehen zu wollen oder haben ihre Mannschaften bereits abgemeldet. Den Frauenbereich trifft es dabei besonders hart: Der FSV Kroppach, seit 2008 in Serie deutscher Meister und derzeit wieder aktueller Tabellenführer, wird am Saisonende im Tischtennis-Nirgendwo verschwinden. Verfolger TTSV Saarlouis-Fraulautern verabschiedet sich dann ebenfalls. Am Sonntag treffen sich beide Mannschaften zum Spitzenspiel, es dürfte das entscheidende Duell um den Titel sein, aber unter diesen Vorzeichen wirkt die Begegnung wie ein Totentanz an der Platte.

Die meisten Vereine geben finanzielle Gründe für ihren Rückzug an, und um das besser nachvollziehen zu können, helfen vielleicht ein paar Zahlen. Vor zwei Jahren standen die Tischtennisfrauen von Hannover 96 vor einer ähnlichen Situation. Die Mannschaft hatte zwei Jahre in der 1. Bundesliga hinter sich, war abgestiegen und hatte als Zweitligameister postwendend die sportliche Qualifikation für den Wiederaufstieg geschafft. Doch der Verein wählte den Weg in die entgegengesetzte Richtung: Statt nach oben ging es nach unten, noch eine Klasse tiefer, in die Regionalliga.

30 000 Euro hatte die erfolgreiche Zweitligamannschaft die „Roten“ gekostet; zu viel für den Gesamtverein Hannover 96, der oft mit der Profi-Fußballabteilung in einen Topf geworfen wird, obwohl beide finanziell eigenständig sind. Ein günstigeres Modell musste also her, und in der Regionalliga ließ sich ein Team für ein Sechstel des alten Etats finanzieren. Eine Rückkehr in die Eliteklasse wäre für 96 völlig utopisch gewesen. Rund 100 000 Euro habe das Abenteuer 1. Liga die „Roten“ gekostet, erinnert sich Hans Teille, der Tischtennis-Abteilungsleiter. Pro Jahr, wohlgemerkt. Im Männerbereich müssen die Vereine noch mehr Geld in die Hand nehmen.

Über die vergangenen fünf oder zehn Jahre betrachtet, sagt Teille, sei der Unterhalt einer Tischtennismannschaft um 20 bis 40 Prozent teurer geworden. Teils durch höhere Versicherungsprämien, weil die Berufsgenossenschaft die Sportler in andere Risikogruppen eingestuft habe. Teils durch höhere Gehälter für Spielerinnen und Spieler. Und nicht zuletzt auch durch gestiegene Benzinpreise, denn Reisekosten für Auswärtsfahrten spielen im Haushalt kleiner Vereine eine nicht zu unterschätzende Größenordnung.

Nur wurde das Geld in den Vereinskassen im selben Zeitraum selten mehr. Das Verhältnis zwischen Vereinen und Sponsoren beruht in Sportarten wie Tischtennis meistens auf langjährigen persönlichen Beziehungen; oft sind es Handwerksmeister, die den Klub vor Ort aus Verbundenheit unterstützen. Zieht sich auch nur ein Geldgeber zurück, gerät schlagartig die gesamte Finanzplanung des Vereins ins Wanken, weil die Etats kaum Reserven bieten. Von einer Finanzierung „auf Kante“ spricht Teille. „Und die großen Unternehmen, die sich ein Sponsoring leichter leisten könnten, die interessiert’s nicht.“

Stars füllen die Hallen, in der Provinz kommt nichts an

Dabei ist eine Begeisterung für Tischtennis durchaus spürbar; wenn die Aushängeschilder Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov oder Christian Süß an der Platte stehen, füllen sich auch große Hallen mühelos, doch in der Tischtennisprovinz kommt von dieser Welle nichts an. Fast scheint es, als absorbierten die Stars die Aufmerksamkeit. Der SV Plüderhausen zählt in der Männer-Bundesliga einen Zuschauerschnitt von rund 250 Besuchern, „früher waren es mal 700 oder 800“, sagt Abteilungsleiter Helmuth Klein. Die 96-Frauen hatten in ihren Erstligajahren zwischen
75 und 150 Zuschauer, in der 2. Liga kamen noch 50 bis 100 Besucher. Kein Phänomen des Tischtennis, findet Teille. „Nach den WM-Titeln für die Fußballfrauen sind die Zuschauerzahlen in der Frauen-Bundesliga auch nicht angestiegen.“

Im Spagat zwischen Breitensport und Spitzensport zerreißt es immer mehr Vereine. Obwohl im Spitzenbereich mindestens semiprofessionelle Strukturen notwendig wären, werden die meisten Klubs nach wie vor von Ehrenamtlichen geführt. Um sich nicht im Gestrüpp von Vorschriften und Gesetzen zu verheddern, bräuchten viele Vereine eigentlich einen Steuerberater und einen Rechtsanwalt, findet Teille. Der FSV Kroppach, das Aushängeschild des deutschen Frauen-Tischtennis, ist in dieser Hinsicht jetzt an seine Grenzen gestoßen: Geschäftsführer Horst Schüchen muss aus beruflichen Gründen kürzertreten, ein Kollege aus dem Vorstand werde demnächst 70 Jahre alt. „Wir wollen uns nicht mehr so lange binden“, sagt Schüchen. Nur Nachfolger sind nicht in Sicht.

Weder die 1. Liga der Männer noch die 1. Liga der Frauen werden in der kommenden Saison ihre Sollstärke von zehn Mannschaften erreichen, so viel ist schon abzusehen, auch in den 2. Ligen könnten Plätze frei bleiben. Bereits jetzt spielen in der Frauen-Liga nur neun Teams um den Titel, wobei die Leutzscher Füchse aus Leipzig nur dank einer Sondergenehmigung am Start sein dürfen. In der Männer-Bundesliga sind es nach dem Rückzug der TG Hanau und des TTC Ruhrstadt Herne schon jetzt nur acht Mannschaften.

Es ist beileibe nicht nur das Tischtennis, das unter den Rahmenbedingungen leidet, doch der Exodus, den die Sportart gerade erlebt, ist bundesweit wohl einzigartig. So wird die deutsche Sportwelt Zeuge einer Massenflucht aus der Spitze, für die es längst nicht genug Ersatz gibt. Denn nicht wenige unterklassige Vereine verzichten auf die Möglichkeit aufzurücken: Sie stehen ja vor denselben Problemen.

Die zehn Rückzieher:

Zehn Vereine aus den Top-Ligen der Männer und Frauen ziehen sich in den Tischtennis-Amateursport zurück oder sind bereits abgemeldet:

1. Bundesliga, Männer:
TG Hanau
TTC Ruhrstadt Herne

1. Bundesliga, Frauen:
FSV Kroppach
TTSV Saarlouis-Fraulautern

2. Bundesliga, Männer:

TTC Altena
TTS Borsum
Hertha BSC Berlin

2. Bundesliga, Frauen:
SG Marßel Bremen
TTG Bingen/Münster-Sarmsheim II
VfL Tegel

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