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Sport Triumph in Moll
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09:50 17.03.2014
Von Stefan Knopf
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München

Es war ausgerechnet Matthias Sammer, einer der größten Nörgelpötte der Fußball-Bundesliga, der sich um tröstende Worte bemühte. „Es ist keine Stunde null“, sagte der Sportvorstand des FC Bayern München am Sonnabend, „der Geist von Uli bleibt.“ Dabei war die Zäsur für jeden unübersehbar: Oben auf der Tribüne blieb der graue Schalensitz von Uli Hoeneß leer; der frühere Vereinspräsident und Aufsichtsratsvorsitzende hatte darauf verzichtet, das Spiel seiner Bayern gegen Bayer Leverkusen im Stadion zu verfolgen, am Tag, nachdem der Patriarch abgedankt und seine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren wegen Steuerhinterziehung akzeptiert hatte.

Nur unten auf dem Rasen, da war vordergründig alles wie immer: Die Bayern feierten ein ungefährdetes 2:1 gegen Leverkusen, bauten ihre Siegesserie auf 17 Bundesligapartien in Folge aus und sind seit 50 Punktspielen ungeschlagen. Wenn Borussia Dortmund am Sonnabend bei Hannover 96 nicht gewinnt und dem FC Schalke kein Heimsieg gegen Eintracht Braunschweig gelingt, könnten die Münchener mit einem Erfolg gegen Mainz die früheste Meisterschaft in der Geschichte der Bundesliga feiern.

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Wenn die Töne vom Wochenende nicht täuschen, wird es ein Triumph in Moll. „Traurig“ seien sie, sagten die Spieler; es ist ein anderer FC Bayern ohne den Patron. „Für uns wird er immer Präsident Uli Hoeneß bleiben“, sagte Ribéry, der nicht als einziger Profi eine außergewöhnliche Beziehung zum 62-Jährigen pflegte. In der Sexaffäre des Franzosen mit einer minderjährigen Prostituierten hatte Hoeneß sich bedingungslos hinter den Spieler gestellt; von intensiven Gesprächen in Hoeneß’ Haus am Tegernsee war zu hören. Es ist schwer vorstellbar, dass die Steueraffäre spurlos an den Spielern vorbeigeht. „Wir sind ja nicht gezwungen, auch noch auf dem Platz Zeitung zu lesen“, sagte Thomas Müller. Und es ist eine spannende Frage, wer der Mannschaft nach all den Turbulenzen ein paar Streicheleinheiten zukommen lässt.

Noch am Freitag hatten die Gremien des Vereins alle notwendigen Nachfolgefragen geregelt. Herbert Hainer, der Vorstandschef des Sportartikelherstellers Adidas, war wenige Stunden nach Hoeneß’ Rücktritt als Vorsitzender des Aufsichtsrates bestellt worden. Spät am Abend schlug der Verwaltungsrat den langjährigen Finanzchef Karl Hopfner als Präsidenten vor. Am 2. Mai soll er auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung gewählt werden; womöglich hätte dann auch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der am Sonnabend wiederholt irritiert auf den freien Tribünenplatz neben sich starrte, wieder einen Sitznachbarn. „Das erste Spiel ohne Uli Hoeneß ist ein komisches Gefühl, weil der Platz neben mir leer war“, gestand Rummenigge.

„Wir wollen überhaupt nicht in eine lethargische Phase verfallen“, sagte Sportvorstand Sammer, eine Sorge, die aber auch unbegründet sein dürfte. Und trotzdem taucht hinter vorgehaltener Hand schon jetzt die Frage auf, wie lange die Ära Hopfner bei den Bayern dauern wird. Mancher hält den 61-Jährigen für einen Platzhalter, bis Hoeneß wieder da ist. Hopfner hat dem Verein lange Jahre treu gedient, er kennt also die Interna, er ist aber niemand, dem Geltungssucht nachgesagt wird und der an seinem Sessel klebt. Nach Verbüßung der Haftstrafe, so das Gedankenspiel, könnte Hoeneß dann selbst entscheiden, ob er an die Spitze der Bayern-Familie zurückkehren will oder sich aus dem Bundesligageschäft endgültig zurückzieht.

Vielen Anhängern des Vereins dürfte die Vorstellung gefallen. Auf der Tribüne schwenkten Fans am Sonnabend Transparente wie „Danke Uli für 40 geile Jahre“ oder „Wir stehen zu dir! Immer einer von uns!“ Und eine Viertelstunde vor Schluss, als das Spiel gegen Leverkusen durch die Tore durch Mario Mandzukic (44. Minute) und Bastian Schweinsteiger (52.) längst entschieden war – der Anschluss durch Stefan Kießling in der Nachspielzeit war nebensächlich –, sangen die Zuschauer auf den Rängen „Uli Hoeneß, du bist der beste Mann“.

Auch der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der im Aufsichtsrat des Klubs sitzt, feuerte am Wochenende Spekulationen in diese Richtung an. „Uli Hoeneß wird immer die Seele des Vereins sein. Was auch immer er machen will, alles ist möglich“, sagte er.
„Es wird nicht einfach sein, einen Mann wie Uli Hoeneß zu ersetzen“, sagte Vorstandschef Rummenigge am Wochenende noch. Es war ein Satz, der die Verdienste des 62-Jährigen würdigen sollte. Aber wer ihn ein bisschen wirken lässt und über die Worte nachdenkt, der könnte auch auf die Idee kommen: Warum dann nicht eines Tages zum Original zurückkehren?

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