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Sport Verspieltes Deutschland, verblüffte Welt
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09:13 07.07.2010
Von Dirk Schmaler
„Deutschland spielen zu sehen, ist ein Vergnügen geworden": Da kann sich im Sommer 2010 ungeniert auch eine Brasilianerin freuen.
„Deutschland spielen zu sehen, ist ein Vergnügen geworden": Da kann sich im Sommer 2010 ungeniert auch eine Brasilianerin freuen. Quelle: dpa
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Auf der Plaza de Rosalia läuft Fußball. Viertelfinale, Spanien gegen Portugal. An der Bierbude am Rande des überfüllten Platzes gibt es spanisches Bier, mehrere Hundert Fans sitzen in rote Flaggen gehüllt vor einer großen Leinwand und hören dem aufgeregten Kommentator zu. Er spricht spanisch. Die Plaza de Rosalia liegt im hannoverschem Stadtteil Linden, sie ist das Herzstück des spanischen Viertels der Stadt. Doch die Begegnung auf der Leinwand verläuft schleppend, Spaniens Star David Villa verpasst eins ums andere Mal das Tor. Ein Fan, geschminkt in rot und gelb, steht fassungslos vor der Leinwand. Es ist zum Verzweifeln. „No somos como los alemanes“, ruft er seinen Freunden bei jedem verpatzten Angriff wieder zu: „Wir sind eben nicht wie die Deutschen.“

Die Deutschen. Das hat in diesen Wochen, in denen der Fußball so allgegenwärtig ist, wie sonst nur das Wetter, plötzlich einen ganz anderen Klang bekommen – sogar auf der Plaza de Rosalia in Hannover, wo Hannovers Spanier doch eigentlich einmal zwei Stunden Pause machen wollten von diesem Land.

Die Deutschen auf dem Fußballplatz haben sich verändert. Und deshalb scheint ganz Deutschland in diesem Sommer Pause davon zu machen, Deutschland zu sein. Pause vom „Panzer“, der in den englischen Boulevardmedien jahrzehntelang hart und grobmotorisch, fast soldatisch von Sieg zu Sieg rollte, vom Stolperfußball, der mangelnde Ballfertigkeit mit Willen und Zermürbungstaktik wettmacht. Es ist eine Pause von dem Land der Pünktlichen und Strebsamen mitten im Deutschlandfahnenmeer der Public-Viewing-Plätze. Und die halbe Welt macht mit.

Nie lasen die Deutschen die Kommentatoren der internationalen Presse über die ihre Fußballmannschaft lieber. Die schreiben, als kämen die deutschen Spieler von einem anderen Stern. Oder zumindest aus Brasilien. Sie schwärmen von der neuen Leichtigkeit, von der Jugend und Spielfreude, von Multikulti und Teamgeist. Die überraschende Anerkennung, die das Land erst vor ein paar Wochen beim Sieg der unbekümmerten Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest in Oslo so glücklich machte, erfährt es nun noch einmal im weltweiten Maßstab. Die Sympathieformel Deutschlands, das bekommt FDP-Chef Guido Westerwelle ja schon seit Monaten zu spüren, heißt nicht mehr, „Leistung muss sich wieder lohnen“. Deutschlands neuer Slogan heißt „Erfolg ohne Verbissenheit“. Entscheidend ist bei allem Siegeswillen plötzlich die B-Note, das Schöne. Früher sagten die Argentinier, dass es unangenehm sei, eine deutsche Mannschaft spielen zu sehen – aber noch unangenehmer sei es, gegen sie zu spielen.

Nun steht in den Zeitungen: „Es ist zwar immer noch unangenehm, gegen Deutschland zu spielen, aber Deutschland spielen zu sehen, ist ein Vergnügen geworden.“ Der Staatssender CCTV im kommunistischen China sieht in der mannschaftlichen Geschlossenheit der Deutschen schon „das Ende des heroischen Individualismus“ heranziehen, der englische „Independent“ freut sich an „gewitzten Deutschen“, die „Daily Mail“ spricht vom „magischen Deutschland“. Der belgische „De Morgen“ beschreibt die Mannschaft gar als „sexy, sinnlich und innovativ“. Sogar in Israel bekennen sich Fußballfans öffentlich zum deutschen Team. Und jeder dritte aus dem Land der Holocaust-Opfer glaubt an den Titel für die Deutschen. Das gab es noch nie.

Fußball und Politik werden gern vermengt. Und manche Parallele drängt sich ja in der Tat auf. 1954 kam zum Wunder von Bern bald das Wirtschaftswunder, 1990 erst der deutsche Titel, dann die deutsche Einheit. Und ein paar Wochen bevor Helmut Kohl 1998 amtsmüde abgewählt wurde, war die überalterte WM-Elf frühzeitig nach Hause gefahren.

Im deutschen Fußball 2010 ist vieles so, wie das Land auch fern des Platzes gern wäre. Während der neue Bundespräsident Christian Wulff fordert, dass Menschen mit den gleichen Noten auch die gleichen Chancen haben, „egal ob sie Yilmaz oder Krause heißen“, steckt Bundestrainer Joachim Löw wie selbstverständlich Sami Khedira, Cacau und Mesut Özil ins deutsche Nationaltrikot. Özil, der Türke, rezitiert vor jedem Spiel Koranverse, um sich zu konzentrieren. Der Brasilianer Cacau und der Tunesier Khedira sind die Helden dieses neuen Deutschlands, wo fast jeder fünfte Einwohner einen Migrationshintergrund hat. „Der spielerische Einfluss ist zu spüren“, sagt Bundestrainer Joachim Löw, zu seinen Migrationshintergrundstars gefragt. „Sie wollen kombinieren und haben Spielfreude.“

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zum Sommermärchen 2006, als die Stimmung toll und unverkrampft war: Diesmal ist auch der Fußball toll und unverkrampft. Das Spiel, das in den vergangenen Jahren so oft mehr sein wollte, als es in Wahrheit ist, hat wieder ein Stück weit zu sich gefunden. Was zählt, ist auf’m Platz, der Rest kommt von allein.

Die Fanmeilen mit den Fahnen sind nicht mehr Ausdruck von einem „Schuss mehr Patriotismus“, wie ihn sich Ex-Trainer Jürgen Klinsmann noch 2006 bei der WM im eigenen Land so sehr wünschte. Diesmal begeistert die Mannschaft mehr denn je durch atemberaubenden Fußball, der eben nicht nur präzise und kraftvoll ist, sondern auch leichtfüßig, kreativ und manchmal mutig bis zur Waghalsigkeit.

Dass die Fanmeilen von Berlin bis München auch diesmal voll sind, hat vor der WM so nicht jeder erwartet. Schließlich läuft das Turnier diesmal Tausende Kilometer entfernt. Doch das Ritual der öffentlichen Begeisterung, das 2006 für die Einheimischen ohne Tickets als Stadionersatz angeboten wurde, ist längst fester Teil der Partykultur. Aber warum eigentlich? Was gefällt den Menschen daran, das Spiel statt auf der heimischen Couch auf einer überfüllten Wiese zu sehen, stehend, mit Getränken aus Plastikbechern in der Hand? Der Berliner Soziologe Jochen Roose sieht im Public Viewing eine „Strategie der gezielten Erlebnissteigerung“ – die Gemeinschaft macht aus dem Fußballspiel ein Event. Auf den Fanmeilen kann man in der realen Welt teilhaben an diesem Ereignis, das eigentlich nur ein Mediales ist.

Vor allem aber ermöglichen die riesigen Fanmeilen in Berlin und anderswo eine besondere Art der Interaktion zwischen Fans und Mannschaft – über Tausende Kilometer hinweg. Wer mit Zehn- oder gar Hunderttausenden beim „Public Viewing“ statt im heimischen Wohnzimmer Thomas Müller und Mesut Özil zujubelt, kann leicht das Gefühl bekommen, er täte wirklich etwas für seine Mannschaft. Und vielleicht tut er das sogar ganz real.

Die deutsche Mannschaft zumindest verstärkt diesen Eindruck sehr geschickt. Kurz vor dem Spiel, so erzählte es Marcell Jansen dieser Tage in die Fernsehkameras, bekommen die Spieler immer eine DVD gezeigt mit Szenen aus den vergangenen Spielen, gegengeschnitten mit Jubelbildern von den Fanmeilen in Deutschland. So wird aus jedem Spiel ein Heimspiel. „Das hilft, das gibt uns einen positiven Kick“, erzählte der Fußballer. „Du spürst, was wir da in Deutschland bewegen und für wen wir uns zerreißen.“

Dieser Flirt mit den Daheimgebliebenen vor den Fernsehern, diese bewusste oder unbewusste Verschränkung verschiedener Realitäten diesseits und jenseits des Bildschirms folgt in verblüffender Weise dem Prinzip von interaktiven TV-Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“: Der zwölfte Mann ist plötzlich millionenfach über modernste Technik mitten im Geschehen, gar in den Köpfen der Spieler. Er fiebert nicht nur mit, er macht mit – während in den Stadien in Südafrika oft genug die Plätze frei blieben.

Es ist wohl auch diese kunstvoll hergestellte emotionale Nähe zwischen Fans und Mannschaft, die in diesen Tagen so sicher geglaubte Frontlinien durcheinander bringt – nicht nur in den britischen Revolverblättern und auf der Plaza de Rosalia in Hannover, wo sie auch heute Abend wieder gucken, wenn ihre Spanier gegen Deutschland antreten. Linke Nationalismusskeptiker verzweifeln ob der geliebten Mulitkultitruppe aus Deutschland ebenso wie dumpfe Nationalisten. So machten gerade ein paar Linke Schlagzeilen, weil sie die Deutschlandflaggen abfackelten, die türkischstämmige Fußballfans in Berlin und Hannover aus ihren Fenstern gehängt hatten. Das krude Argument: Flagge zeigen ist nationalistisch.

Neudeutsch unverkrampfter wirkt die allgegenwärtige Flagge hingegen offenbar auf Kinder, die in diesem Sommer zum ersten Mal in ihrem Leben mit Schwarz-Rot-Gold konfrontiert wurden. „Guck mal, Papa“, sagte kürzlich ein kleiner Junge auf einem Bürgersteig in Berlin und zeigte auf ein beflaggtes Auto. „Der hat auch Fußballstreifen.“

06.07.2010
06.07.2010
06.07.2010