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Sport Wie Löw die Nationalelf nach seinen Vorstellungen formte
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22:41 05.07.2010
Von Heiko Rehberg
Bundestrainer Joachim Löw
Bundestrainer Joachim Löw Quelle: dpa
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Kurze Rückblende in den Juli 2004. Deutschland ist bei der Europameisterschaft in Portugal gescheitert, Teamchef Rudi Völler ist zurückgetreten, keiner weiß so richtig, wie es weitergehen soll. Als der Deutsche Fußball-Bund Jürgen Klinsmann als Nachfolger präsentiert, staunt die Nation. Als Klinsmann mit Joachim Löw seinen Assistenten vorstellt, sind alle schnell bei der Hand mit dessen letzten Trainerstationen: Austria Wien, FC Tirol Innsbruck, Adanaspor AS. Zwei Klubs in Österreich, ein Klub in der Türkei. Mehr wollen viele nicht mehr wissen. Löw kommt in die Schublade mit der Aufschrift „Hütchenaufsteller“.

Sechs Jahre später stellt Löw immer noch Hütchen auf, er lässt sich das manchmal nicht nehmen, wenn die deutsche Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft in Südafrika im Super Stadium in Atteridgeville trainiert. Der Mann, den alle unterschätzt haben, ist seit vier Jahren Bundestrainer, morgen (Anstoß 20.30 Uhr, live in der ARD) steht er mit einer jungen Mannschaft, die einen faszinierenden Fußball spielt, im WM-Halbfinale gegen Spanien. Von allem, was man Gutes über Löws Arbeit sagen kann, ist dies vielleicht das Schönste: Die Mannschaft, von der alle schwärmen, ist seine Mannschaft. Trainer können ein Team bauen wie ein Haus. Löws Haus ist eines, in dem er vom Parkett in der Küche bis zur Lampe im Arbeitszimmer alles selbst ausgesucht und eingerichtet hat. Er ist der Baumeister, und er arbeitet nach strengen Prinzipien.

Die „Jogi“-Prinzipien:

Vertrauen
Als Löw im Trainingslager in Südtirol vor der WM von Miroslav Klose und Lukas Podolski schwärmte, dachte mancher: Hat er sie in der vergangenen Bundesligasaison in München und Köln eigentlich mal spielen sehen? Klose, den Einwechselspieler bei den Bayern, der mit hängenden Schultern über den Platz schlich. Und Podolski, den Stürmer, der bockig reagierte, wenn er beim 1. FC Defensivarbeit machen sollte. Löw hat ihnen bei der Nationalmannschaft Zeit gegeben, sie starkgeredet, und er konnte das tun, weil er Vertrauen in ihre Klasse hatte. „Ich wollte mit diesen Spielern arbeiten, weil ich wusste, was sie können“, sagt er. Die Qualität eines Spielers vor einer WM einzuschätzen, losgelöst von dem, was er in der vergangenen Saison gezeigt hat, ist eine Kunst, weil man auch öffentlichen Druck aushalten muss. Löw hätte es sich einfach machen und Kevin Kuranyi nominieren können, der starke Leistungen gezeigt hatte. Er hätte Stefan Kießling, den Bundesligatorjäger, als WM-Stürmer Nummer 1 benennen können. Er hätte damit mehr Applaus bekommen als für die Rückendeckung für Klose und Podolski. Aber Löw glaubte an die beiden, genau wie an Arne Friedrich, die WM-Verteidigerentdeckung, vor ein paar Wochen mit Hertha BSC abgestiegen in die 2. Liga. Glauben ist die Grundlage für Vertrauen – auch im Fußball.

Systemtreue
Viele Klubtrainer scheitern, weil sie ihren Mannschaften dickköpfig ihre Systeme aufzwingen, selbst wenn sie gar nicht die Spieler dafür haben. Löw setzt als Bundestrainer das System vor die Spieler: Getreu dieser Linie hat er sein WM-Aufgebot ausgesucht, und nur das hat es ihm möglich gemacht, zum Beispiel auf einen Ausfall wie den von Michael Ballack erfolgreich zu reagieren: Er hat sein geplantes 4-2-3-1-System nicht für erledigt erklärt, sondern er hat es anders besetzt; da, wo Ballack und Bastian Schweinsteiger agieren sollten, spielen bei der WM Sami Khedira und Schweinsteiger. Um in dem Bild vom Haus zu bleiben: Löw musste nach einem Wasserschaden nicht vom Wohnzimmer ins Kinderzimmer umziehen, er hat es einfach neu eingerichtet.

Training
Menschen, die Löw besser kennen, sagen, dass er der Trainer ist, den der Spieler Löw gerne gehabt hätte. Löw hat in 252 Zweitligaspielen 81 Tore erzielt, er war ein Feingeist, aber seinen Trainern war er oft nicht schnell und nicht robust genug. Mit etwas Sprinttraining hätte mehr aus ihm werden können, hat Löw einmal erzählt. Damit aus seinen Spielern mehr wird, führte Löw bereits gemeinsam mit Klinsmann das individuelle Training ein, arbeitete verstärkt an den Schwächen, und wie das in der Praxis aussehen kann, bewies einer wie Podolski beim 4:0 im Viertelfinale gegen Argentinien. Der Stürmer, von seinen Möglichkeiten kein Abwehrtalent, zeigte eine erstklassige Defensivarbeit.

Mut
„Wer bei einer WM etwas erreichen will, darf spielerisch nicht nur verwalten und kontrollieren“, sagt Löw. Er hat die berühmten deutschen Tugenden wie Kampfgeist und Leidenschaft nicht abgeschafft, er hat sie zur Selbstverständlichkeit erklärt und anderes forciert: Spielintelligenz, Technik, Kombinationsspiel. „Es ist ein Prozess, der dauert“, sagt Löw. Keine Mannschaft spielt nach drei Wochen Training wie die Brasilianer. Löw ist beharrlich geblieben, er hat die Spieler für diese Art Fußball gefunden, das Ergebnis war zuletzt gegen Argentinien zu bewundern.

Harmonie
„Er ist immer positiv, er vermittelt immer das Gute in einem, deshalb glauben auch so viele Spieler an sich.“ Das sagt Torwart Manuel Neuer über Löw. Seine Mannschaft ist der Beweis für ein Prinzip, das viele Trainer unterschätzen: Harmonie schießt Tore. Löw hat bei seiner

WM-Auswahl darauf geachtet, dass es im Team auch menschlich passt. Wer das für altmodisch hält, kann bei Löws französischem Kollegen Raymond Domenech nachfragen.