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Die Zeit wird immer knapper

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19:39 17.06.2020
Ibrahima Touré (rechts) hofft auf einen Ausbildungsplatz. Rainer Neumann-Buchmeier (links) und Guiseppe Presta von seinem neuen Verein TSV Eintracht Bückeberge sind ein Teil von vielen, die versuchen ihm dabei zu helfen. Quelle: dak
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von daniel kultau WENDTHAGEN

Es ist ein Zusammenschluss aus Fußballern, Trainern und Offiziellen der Schaumburger Fußballlandschaft, der sich nun für den stets grinsenden und gut aufgelegten „Ibo“, der 2017 als Flüchtling aus Guinea nach Deutschland kam, einsetzt. Weil der 24-Jährige momentan nicht arbeiten darf, suchen die Verantwortlichen des TSV nun nach einer Lösung und bekommen viel Unterstützung. Doch der Weg ist steinig, gleicht einem Hamsterrad, doch „solche Menschen muss man unterstützen“, findet TSV-Vorstandssprecher Rainer Neumann-Buchmeier.

Tourés Weg nach Deutschland war einer, den sich wohl nur wenige vorstellen können. In Guinea war er Maler. („Ich mag Farben.“) Doch dort konnte er nicht bleiben. Er sollte zum Militär, doch wollte nicht. Denn anders als in Deutschland, stellt sich in dem westafrikanischen Land die Frage, ob er überhaupt wieder lebend vom Einsatz zurückkommt. Auch die wirtschaftliche Lage im Land ist schlecht. Eine Perspektive quasi nicht gegeben. Über die Elfenbeinküste, Burkina Faso und Nigeria ging es in einem maroden Boot über das Mittelmeer nach Italien. Er wird ruhig, wenn er davon erzählt, dass er Menschen hat sterben sehen. Von Italien aus ging es über die Schweiz nach Obernkirchen.

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In dem westafrikanischen Land spielte er oft mit seinen Freunden Fußball und wollte das auch weiterhin tun. So kam er im Sommer 2017 zum ersten Training des SV Obernkirchen unter dem neuen damaligen Coach Martin Prange. „Eigentlich wollte ich gerne in der ersten Mannschaft spielen“, erinnert sich der Bayern-München-Fan. „Aber als Martin mir gesagt hat, dass ich nur in der zweiten spiele, war das für mich auch kein Problem. Hauptsache Fußball.“

Dass Touré überhaupt beim TSV gelandet ist, hatte mehrere Gründe. Erst hörte Uwe Wolff als Trainer der Reserve auf. „Uwe ist ein ganz toller Mensch, bei ihm kann ich mich immer melden“, beschreibt der Guineaner das besondere Verhältnis zu seinem Ex-Trainer. Dieser hatte sich bereits in der Vergangenheit für Touré eingesetzt und dafür gesorgt, dass er in Deutschland bleiben durfte. Er übernahm den Papierkram, half beim Umzug und sprach mit Behörden und Arbeitgebern. Auch aktuell kämpft er weiterhin für seinen ehemaligen Schützling. Als Wolff dann zum SC Auetal wechselte, rechneten viele damit, dass sich Touré ihm anschließen würde. Doch dazu kam es nicht. Der 24-Jährige musste aus Obernkirchen nach Stadthagen umziehen und ist ohne Führerschein auf einen Verein in der näheren Umgebung angewiesen. Denn er möchte weiter Fußball spielen. Presta erinnerte sich, nutzte die Chance, griff zum Telefon und lotste ihn zum TSV.

Presta beschreibt „Ibo“ als „aufgeschlossen, kontaktfreudig, zuverlässig, lernwillig und ehrlich.“ Eigenschaften, die ihm die Integration beim SVO leicht machten. Sicherlich auch weil er seinen Job als Innenverteidiger zuverlässig erledigte. Mindestens genauso zuverlässig beschreibt ihn die Volkshochschule Schaumburg in diversen Zeugnissen. „Den Königsweg haben wir aber noch nicht gefunden“, so Neumann-Buchmeier. Er und viele weitere sind drauf und dran Touré einen Ausbildungsplatz zu verschaffen. Dass der Guineaner Bock hat, bezweifelt niemand, der ihn kennt. „Zuhause ist mir langweilig“, erklärt Touré selbst. Während seiner Zeit bei SVO jobbte der 24-Jährige bei einem griechischen Restaurant als Koch und absolvierte ein zweiwöchiges Praktikum als Maler bei einem Betrieb in Krainhagen. Über eine Zeitarbeitsfirma war er bis Ende März für fünf Monate bei Faurecia in Stadthagen tätig. „Ich stand am Band und habe sitze für VW montiert. Das hat mir auch Spaß gemacht“, so Touré. Doch die Aufenthaltserlaubnis lief aus und somit auch die Arbeitserlaubnis. „Viele Freunde, die ich bei Faurecia kennengelernt habe fragen mich, wann ich wieder zurückkomme. Aber ich darf nicht“, erklärt Touré.

Inzwischen wird die Zeit jedoch knapp. Eigentlich hätte er ab dem 30. April bereits zurück nach Italien gemusst, doch der Ausbruch der Corona-Pandemie verschaffte ihm noch mal Zeit. Die neue Genehmigung läuft bis September. „Wir stecken in einer Zwickmühle“, beschreibt Neumann-Buchmeier die Situation. Die Geburtsurkunde, um einen Pass zu beantragen, liegt digital vor, doch nur das Original ist rechtskräftig. Wann dieses ankommt, ist noch unklar. „Meine Mutter hat es bereits losgeschickt“, erklärt der 24-Jährige. Ihr schickt er jeden Monat Geld. Doch der Postweg aus Guinea ist ein schwieriger. Alle Seiten sind sich einig, dass eine Ausbildung die beste Lösung wäre. Denn mit einem Ausbildungsvertrag wäre „Ibo“ für weitere drei Jahre sicher in Deutschland. „Egal ob es ein politischer oder ein Wirtschaftsflüchtling ist, den Menschen geht es schlecht, sonst würden sie so einen Weg nicht auf sich nehmen“, erklärt Wolff. „Er ist so eine ehrliche Haut und möchte gerne arbeiten.“

74 Tage bleiben Touré noch, ehe seine Aufenthaltsgenehmigung ausläuft. Mit einer T-Shirt-Aktion und der Aufschrift „Ibrahima should stay„ versuchen ehemalige Mitspieler und Freunde jetzt ein Zeichen zu setzen. Die Zeit läuft, während viele Schaumburger Fußballfreunde hoffen, dass sie noch viel Zeit mit „Ibo“ haben werden.

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