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Sportbuzzer-Zulieferung Ein Mann für die Berge
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19:58 24.05.2020
Der FC Stadthagen 1996 unter Trainer Reinhard Stemme: Betreuer Sven Schaper (hintere Reihe von links), Günter Blume, Andrè Blotni, Veli Öz, Bernd Dierßen, Jörg Könecke, Dirk Strauchmann, Seydi Tas, Volker Hesse, Dirk Schumachers, Enrico Borghese, Betreuer Rolf Müller, Manager Reinhard Stemme. Jasmin Djuheric (untere Reihe von links), Oliver Jelinek, Tobias Ogrodnik, Marc Cholewa, Heiner Klein, Rudi Kuppe, Mehmet Yabas und Semsettin Kusbasli. Quelle: privat
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Es kommen erste Gedanken an die Zeit nach der Berufstätigkeit auf, auch weil er gerade 64 Jahre alt wurde. „Egal was ich mache, es muss mir auf jeden Fall Spaß machen“, sagt er. Damit ist bereits ein Teil seines rastlosen Charakters erklärt. Reinhard Stemme arbeitete nie nur für das Geld. NIENSTÄDT.

Was er macht, muss Sinn ergeben und einem Ziel folgen, das galt auch für seine zahlreichen Ämter, die er im Fußball inne hatte. Weil er früh damit anfing, weil er wahrlich kein unsichtbarer Durchschnittscharakter, sondern ein im positiven Sinne verrückter Machertyp ist, hat er über seinen Lieblingssport so viel zu erzählen wie kaum ein anderer. Es sind auch Geschichten über Jahrzehnte heimischen Fußballs und es sind schräge Anekdoten dabei.

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Die Sache mit dem runden Ball begann in seinem Heimatdorf Deckbergen, wo ihn der legendäre Wilhelm Bredemeier zum Fußball brachte. Weil Stemme durch eine Operation aber früh und dauerhaft verletzt ausfiel, sagte der väterliche Wilhelm: „Mach doch als Schiedsrichter weiter!“ So kam es auch.

Reinhard Stemme stieg als Unparteiischer ein, und wie selbstverständlich auch sofort rasant auf – bis in die Bezirksoberliga. Er fiel halt schon damals ins Auge. Ende der siebziger Jahre pfiff er für Siegfried Gottwalds TuS Hessisch Oldendorf, war sogar im Vorstand des aufstrebenden Vereins und im Kreis-Schiedsrichter-Ausschuss, gemeinsam mit Andreas Wittrock, dem heutigen Hamelner NFV-Kreisvorsitzenden.

In der Zeit nach den Kreisfusionen wechselte der gelernte Bankkaufmann Stemme 1981 beruflich zur Volksbank Stadthagen und übernahm die Filiale in Nienstädt. Es dauerte natürlich nicht lange, bis ihn der dortige SV 09 für sich entdeckte. Stemme stieg als Manager ein, holte den renommierten Günter Blume als Trainer, entließ ihn später aber auch wieder. „Wir sind noch heute befreundet“, stellt Stemme klar. Das Traineramt beim SV Nienstädt 09 übernahm er selbst. Dieses Schema sollte sich später wiederholen. Nienstädt hatte mit Spielern wie Friedhelm Schütte, Dirk und Bernd Brinkmann Frank Kopinski, Klaus Neugebauer, Jörg Niemeier und dem jungen Heiner Klein eine starke Truppe beieinander. 1989 war für Stemme trotzdem Schluss. Er übernahm den ASC Pollhagen-Nordsehl in der Bezirksklasse, ehe in Stadthagen das von Volksbank-Chef Günther Bartels initiierte Projekt „FC 90“ angeschoben wurde, für das Stemme natürlich als Manager gebraucht wurde.

Der FC Stadthägen dümpelte zu der Zeit in der Bezirksklasse dahin, was sich schnell ändern sollte. Mit Trainern wie Dittmar Schönbeck holte man gute Übungsleiter und auch die Qualität der Spieler wurde zunehmend hochwertiger. Doch für sie ging es nicht vornehmlich um Geld. „Es war von vornherein abgesprochen, dass den Spielern, die wir holen, berufliche Perspektiven geboten werden sollen“, berichtet Stemme. Man steckte einen Zirkel in die Landkarte, schlug einen Kreis von 20 Kilometern um Stadthagen und listete auf, welcher der darin wohnenden Spieler für die geplanten Aufstiege in Betracht kommt. Dass der FC Stadthagen damals enorme Dynamik entwickelte, wird auch daran deutlich, dass für den Förderverein über 100 Geldgeber gewonnen wurden. Alle wollten dabei sein. Als es dann sogar gelang, mit Ex-Profi Bernd Dierßen, Heiner Klein, Enrico „Enna“ Borghese, Dirk Schumachers und Tobias Kieslich ein exzellentes Gesamtpaket von Preußen Hameln 07 zum Übertritt nach Stadthagen zu bewegen, gab es kein Halten mehr. Walter Struckmann, der mittlerweile FC-Präsident war, kachelte persönlich mit seinem Audi Quattro nach Hameln, um die nötigen Gelder zu überbringen.

1998 war es dann soweit: Der FC Stadthagen stieg mit einem überraschenden 4:1-Sieg in Halvestorf in die Niedersachsenliga auf. Zur Pause lag man noch 0:1 zurück. Dann aber schlug Bernd Dierßen traumhafte Pässe und Heiner Klein schoss sagenhafte Tore. Es war ein Triumph brillanter Fußball-Qualität, die in Stadthagen versammelt war.

Doch in der höchsten Spielklasse des Landes war dann auch Schluss mit lustig. Dierßen wechselte nach Nienstädt und Stemme übernahm das Traineramt beim FC. In der Mannschaft gab es Spannungen. Der FC Stadthagen erlebte durch Spieler wie Volker Hesse oder Dirk Spannuth 2002 mit dem Aufstieg in die Landesliga noch mal ein Zwischenhoch, doch das war bereits arg synthetisch, weil der extrem hartnäckige Stemme auf wilden Wegen Josef Pohner und Istvan Ballock aus Ungarn als Verstärkung geholt hatte. Noch verrückter verlief die Verpflichtung des Russen Dimitri Ratzkov, den er direkt aus dem Trainingslager auf dem Bückeberg zum FC Stadthagen umlenkte.

„Es war aber nicht alles schön in dieser Zeit“, blickt Stemme zurück. Manchmal habe er morgens um sechs Uhr weit vor Dienstbeginn mit Bartels darüber gesprochen, was zu tun sei. Als Stemme 2007 zur Volksbank in Schaumburg wechselte, übernahm er drei Jahre später auf Wunsch von Vorstand Joachim Schorling mit dem Trainerposten beim SC Rinteln sein vorerst letztes Amt im Fußball. Seinen Nachfolger Duran Gök zog er selbst an Land, stellte ihn ganz im Stil eines perfekten Managers sogar auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz in den Räumlichkeiten von Vereins-Vize Claus Peters der Öffentlichkeit vor.

Stemme organisiert und überrascht gerne, und er macht das perfekt. Er holte den Bundesligisten SV Werder Bremen mit Thomas Schaaf und Klaus Allofs nach Stadthagen und er verpflichtete die polnische Nationalmannschaft für ein Freundschaftsspiel. Auch Hannover 96 spielte vor 4500 Zuschauern unter Ralf Rangnick im Jahnstadion. Weil Stemme zudem seit 22 Jahren den stets ausverkauften Stadthäger Ball des Sports in der Festhalle organisiert, war er wohl auch für GWD Minden erster Ansprechpartner, als es darum ging, ein Spiel gegen eine Schaumburger Auswahl auf die Beine zu stelle. Das erledigte er gemeinsam mit Hennig Sohl, und natürlich war die Halle erneut zweimal ausverkauft.

Kaum jemand ist so gut verdrahtet wie Stemme. Er scheint den Ehrgeiz zu haben, nicht nur jeden Schaumburger zu kennen, sondern sogar alles über sein Leben und seine persönliche Motivation zu verstehen. „Ich möchte die Menschen mitnehmen, wie in einem Sog“, sagt er.

Nicht alltäglich ist auch seine Vorliebe im großen Fußball. Er steht nicht auf Dortmund, nicht auf Schalke und schon gar nicht auf Bayern München. Seine seltsame Liebe gehört dem etwas blassen Zweitligisten VfL Bochum, bei dem er eine Dauerkarte hat und natürlich längst Vereinsgrößen wie Peter Peschel, Dariusz Wosz und sogar Peter Neururer kennengelernt hat.

Nach einem langen Gespräch mit Reinhard Stemme bei einem vortrefflichen Glas Wein aus seiner Sammlung bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen: Wie kann es eigentlich kommen, dass sich nicht längst ein Projekt, ein Verein oder ein Verband die Dienste eines solch aktiven Mannes gesichert hat? Warum diese Verschwendung? Stemme sagt, er könne sich viele Aufgaben vorstellen, es sehe auch viele Ansätze, aber es habe sich zuletzt keine konkrete dauerhafte Aufgabe ergeben. Außerdem: „Es muss ein Ziel und einen qualitativen Anspruch geben.“ Er sei kein Mann für die Ebene, eher für die Berge. Deshalb werde er vorerst weiterhin entspannt durch den Bückeberg wandern und den beiderseitigen Ausblick auf das Schaumburger Land genießen. Seine Traumelf:

Frank Kopinkski – Andrè Blotni, Friedhelm Schütte, Enrico Borghese, Dirk BrinkmannOliver Jelinek, Jörg Könecke, Frank HaberlandDirk Spannuth, Volker Hesse, Heiner Klein.

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