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„Emotionale Achterbahn“

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20:44 08.04.2021
Nur sieben Spiele in 14 Monaten: Für TuS-Trainer Markus Drawert (links) keine leichte Situation.
Nur sieben Spiele in 14 Monaten: Für TuS-Trainer Markus Drawert (links) keine leichte Situation. Quelle: uk
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Man sei super zufrieden, lobt TuS-Spartenleiter Matthias Natzel die Zusammenarbeit mit dem Übungsleiter. „Der Vorstand hat gesagt, ich soll das Team vor dem Abstieg retten. Das habe ich jetzt zweimal erfüllt, also Vertrag verlängert“, sagt Drawert und lacht über seinen Scherz. Aber ganz so witzig ist die Situation in den vergangenen knapp 14 Monaten dann doch nicht gewesen. Im Januar 2020 wurde der ehemalige Nienstädter als Trainer verpflichtet, mehr als sieben Spiele durfte er in diesem Zeitraum nicht an der Seitenlinie stehen. „Es war eine emotionale Achterbahn“, sagt Drawert.

Als der Coach in der Winterpause der Serie 2019/20 als Nachfolger für den zurückgetretenen Ingo Poschlod verpflichtet wurde, war die Aufgabe klar definiert. Der stark abstiegsgefährdete TuS sollte gerettet werden. „Wir waren Vorletzter, kannten uns nicht und sind so in die Vorbereitung gestartet“, erinnert sich Drawert. Man habe sich aber schnell zusammengerauft und den Entschluss gefasst, alles für den Nichtabstieg zu tun. Zu allem Überfluss verletzte sich der neue Coach in dieser Zeit am Kreuzband, was die neue Aufgabe nicht eben erleichterte. „Ich hatte aber das Gefühl, dass die Mannschaft noch weiter zusammen gerückt ist.“ Gespielt werden durfte nicht mehr, die Saison wurde ohne Absteiger abgebrochen. Der TuS Lüdersfeld war gerettet, aber „alles, was wir aufgebaut hatten, war dahin“. Das verursachte ein kleines mentales Loch, aber mit den ersten Trainingseinheiten für die neue Serie ging es relativ schnell weiter. „Wir haben Corona genutzt, um uns weiter kennenzulernen und aufeinander einzustellen und hatten auch eine richtig gute Vorbereitung, in der alle viel investiert haben“, sagt Drawert.

Statt des ersehnten ersten Saisonspiels gegen den SV Victoria Lauenau gab es den nächsten Rückschlag. Durch Corona-Fälle beim TuS musste das Team in Quarantäne, den Startschuss gab es erst am 27. September gegen den SC Auetal. Der 3:2-Erfolg gegen einen der Aufstiegsaspiranten machte zwar Hoffnung, Tjark Sölter war da aber schon nicht mehr dabei, hatte sich in der Re-Start-Phase das Kreuzband gerissen. „Es war dann so ein bisschen wie ein Spießrutenlauf“, sagt Drawert, dessen Team die ausgefallenen Spiele unter der Woche aufholen musste. Zu allem Überfluss verletzten sich auch noch die Leistungsträger Jens Fahlbusch und Marcel Faulhaber. „Das hat tatsächlich Kraft gekostet, weiteres Verletzungspech kam hinzu.“

Unnötig verlorene Spiele kosteten den TuS die Teilnahme an der Aufstiegsrunde. „Es waren gute aber auch emotionale Momente dabei, die uns gezeigt haben, dass nicht alles über Nacht geht“, weiß der Coach. Nach nur sieben Spielen war die Saison Mitte Oktober schon wieder beendet. Keine einfache Situation: „Das Team war irgendwie auch frustriert, weil es nicht zeigen konnte, was es alles machen wollte.“

Mit dem Solidaritätslauf im März (wir berichteten), überragender Beteiligung und der Aussicht auf einen Re-Start wurde mental noch mal alles investiert. „Als dann klar war, dass die Saison abgebrochen wird, war es wieder eine emotionale Achterbahnfahrt. Alle waren dankbar für die Gewissheit, andererseits aber auch traurig – denn wir müssen wieder von vorne beginnen.“ Drawert freut sich über die klare Entscheidung, „dass es nicht mehr darum geht, die Leute bei Laune zu halten und zu beschäftigen. Das war wohl für die Verantwortlichen aller Vereine sehr anstrengend.“ Seine „charakterlich starke Truppe“ hätte in den vergangenen Monaten alle seine Ideen mitgetragen, jetzt eine längere Pause, „mal ohne Trainer“, verdient. Der 44-Jährige wünscht sich mit seiner Mannschaft nur eines: „Wenn wir irgendwann wieder starten, dann nur mit der Aussicht auf einen dauerhaften Spielbetrieb.

Bei allen Problemen relativiert Drawert, beruflich in der Jugendhilfe unterwegs, den Fußball: „Wenn ich sehe, dass es nicht mal gelingt, dass Kinder eine Woche am Stück dauerhaft in die Schule gehen können, finde ich das beängstigend. Für Kinder und Jugendliche sollte ein Stück Normalität einsetzen, bevor wir Erwachsenen unsere Privilegien einfordern.“

Trotz nur sieben Spielen liegen „anstrengende, zum Teil skurrile“ Monate hinter Drawert und seinem Team. Geflachst wird dennoch: „Schalke 04 bräuchte vielleicht so einen wie mich.“