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Sportbuzzer-Zulieferung „In mir schlägt das Schaumburger Herz“
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18:19 26.04.2019
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Seit 2008 läuft der Rechtsaußen für die TSV Hannover-Burgdorf in der ersten Liga auf. Wir haben uns mit ihm über Ziele, Druck und natürlich seine Wurzeln unterhalten.

Schaumburger unter sich, denn Sie kommen aus Riepen, haben früher für die HSG Schaumburg gespielt. Inwiefern verfolgt man seinen alten Verein noch?

Ich verfolge das auf jeden Fall noch. Auch durch Marcel Rose oder Andreas Lüer, mit denen habe ich ja damals selber noch zusammen gespielt. Von daher bin ich da noch nah dran. Wobei ich sagen muss, dieses Jahr hab ich es noch nicht einmal geschafft, mir ein Spiel anzugucken. War die Fusion in Schaumburg der richtige Weg?

Zu dem Zeitpunkt damals war es unumgänglich, dass sich die Dorfvereine zusammen getan haben. Eine große HSG zu schaffen war auch für die Jugend super. Wenn man sieht, wie viele Kinder da jetzt mittlerweile wieder spielen – die Mannschaften platzen ja quasi aus allen Nähten. Sie sind dann nach Hannover gewechselt – weil Sie nah an der Heimat bleiben wollten?

Das ist auf jeden Fall ein großer Vorteil. Aber seit ich den Leistungsgedanken verfolge, geht es natürlich ums Sportliche. Ich bin hier, weil es sportlich so perfekt passt. Ich habe hier die Chance bekommen, durfte sie nutzen und bestätigen. Das Umfeld, die Heimatnähe und die Heimat Hannover, die es mittlerweile geworden ist, sind die größten Pluspunkte, die du überhaupt haben kannst. Das ist schon eine Wohlfühlzone. Der andere Handball-Bundesligist in der Nähe ist GWD Minden. War das mal ein Thema?

Ich glaube, ich war jedes zweite Wochenende beim Heimspiel bei der GWD. Das waren die Zeiten mit Schäpsmeier und Haaß, als die alle noch junge Hüpfer waren. Der Weg ging in die andere Richtung.

Gefühlt hat der Schaumburger Handball dem Hannoveraner Handball immer näher gestanden, als dem Mindener. Trotz der Nähe hatte man nie das Gefühl, dass sich die Mindener auch im Schaumburger Raum um Spieler bemüht haben. Trotzdem saß ich mit meinen Eltern damals in Minden bei Horst Bredemeier (ehemaliger GWD-Manager, Anm. der Red.) beim Gespräch im Büro. Das stand schon zur Debatte. Trotz Wohlfühlfaktor: Würden Sie überlegen, wenn ein größerer Verein anklopfen würde?

Auch ich möchte meine maximale Entwicklung erreichen. Momentan ist es so, dass es hier einfach super passt, und dass ich hier nach wie vor die Möglichkeit habe, mich weiter zu entwickeln. Trotzdem ist das Leben als Sportler natürlich kurz und man weiß nie genau, was auf einen zukommt. So blauäugig darf man als Profisportler nicht sein. Dann eher ein nationaler oder ein internationaler Verein?

Im Ausland zu spielen, hat mich schon immer gereizt – selbst als kleiner Junge schon. Wenn mich etwas sehr interessieren würde, wären es Vereine wie der FC Barcelona, Benfica Lissabon oder der FC Porto. Heißt aber nicht, dass ich da jetzt morgen am liebsten unterschreiben würde. Ich bin sehr glücklich in Hannover. Vor allem auch, weil man im Ausland oft nur vor knapp 300 Zuschauern spielt.

Sie sind jetzt seit 2008 im Verein und damit bald der dienstälteste Recke.

Ja, sieht danach aus. Auch wenn ich jung bin, da sind schon ein paar Jährchen zusammengekommen. Wie sehen Sie die Entwicklung im Verein – aktuell wird ein kleiner Umbruch eingeleitet.

Wenn man überlegt, wie viele Spieler wir haben, die schon fast ein Jahrzehnt bei uns spielen, ist so ein Umbruch irgendwo auch normal. Es wird jetzt viel über Lars, Torge und Ziemi gesprochen (Lehnhoff, Johannsen und Martin Ziemer, die Red.). Die haben den Handball in Hannover geprägt und das ist ein großer Einschnitt. Trotzdem ist es auch so, dass wir als Verein eine Identität haben. Und ich bin mir sicher, dass die weiter leben wird. Ist der Weg alternativlos?

Es kommen überall neue Handballspieler her, warum dann nicht aus der eigenen Jugend. Irgendwo sind sie ja in der Jugend bei einem Verein geschaffen worden, warum es also nicht mit eigenen Leuten probieren? Stars bringen einen vielleicht schneller weiter?

Das steht außer Frage. Aber Stars auf dem Handballmarkt zu bekommen – da haben auch wir in Hannover mit unserem Etat nicht die größten Chancen. Die WM hat gezeigt, dass auch die deutschen Nationalspieler Stars sind, wenn man den Hype in den Hallen gesehen hat.

Das auf jeden Fall. Wir haben Kai Häfner und Fabian Böhm. Mit Morten Olsen sogar einen Olympiasieger und Weltmeister – auch schon nicht die schlechteste Konstellation. Wenn man dann eine Mannschaft mit 14 Stars zusammenstellen wollte, dann müsste wahrscheinlich der Herr Kind noch mal bei uns einsteigen (lacht). Als Verein in der Bundesliga hat man sicher nicht die schlechtesten Karten, sie gilt ja immerhin als stärkste Liga der Welt.

Auf jeden Fall. Das ist auch der Grund, warum jeder Ausländer in Deutschland spielen will. Sonst kommt ein Sander Sagosen auch nicht zum THW Kiel. Was bringt der Transfer?

Für die Liga ist das überragend. Davon wird der THW Kiel einen großen Nutzen haben – und auch die gesamte Liga. Das ist ein Weltstar. Die stärkste Liga, aber sicher auch die anstrengendste, oder? Zumindest wird das auch unter den Spielern diskutiert.

Da muss ich mich rausnehmen, weil ich nicht seit zehn Jahren Champions League, Pokal, Bundesliga und Nationalmannschaft spiele. Ich kann nur von unserer Mannschaft sprechen. Durch die Teilnahme am EHF Cup, wo die Reisestrapazen gerade in diesem Jahr schon nicht ohne sind, kann ich nachvollziehen, dass viele Spieler am Stock gehen, die das schon seit Jahren machen. Es regt sich keiner darüber auf, dass man viele Spiele hat, aber wenn man sieht, dass die Nationalspieler nur zwei oder drei Wochen Pause im Jahr haben – so etwas darf halt nicht sein. In jeder Sportart ist das anders möglich, außer bei uns. Was würde man sich denn wünschen?

In der Saison bist du es gewohnt, alle drei Tage zu spielen. Man müsste das Ganze komprimieren, sodass von Mai bis Mitte Juli frei ist. Dann könnten sich auch die Spieler, die seit Jahren die Knochen hinhalten, regenerieren. Nationalmannschaftlehrgänge könnten Ihnen auch passieren.

Ja, ich bin aber ehrlich gesagt gerade bei der Einstellung, dass ich sage, ich wäre gerne dabei. Ich fühle mich gut, war noch nie schwerer verletzt. Dementsprechend hätte ich nicht gedacht: Oh, man ich muss auf meinen Körper achten. Im März durften Sie in der Nationalmannschaft debütieren. Ist Olympia 2020 ein großes Ziel?

Es wäre gelogen, wenn man einmal eingeladen wurde und dann sagt, es wäre kein Ziel. Ich wäre lieber gestern in der Nationalmannschaft als morgen. Ich weiß allerdings auch, dass es so viele Spieler auf meiner Position gibt, die ein unglaublich gutes Niveau haben. Ich will dabei sein und dafür arbeite ich jeden Tag. Aber ich sage mir auch: Wenn ich mir nichts vorwerfen kann und ich jeden Tag alles gegeben habe, dann aber nicht mehr eingeladen werde, wäre das vollkommen in Ordnung für mich. Bei Ihnen läuft es?

Auf jeden Fall. Darüber bin ich auch wirklich super glücklich. Ich weiß aber auch, dass es bei den anderen auch nicht viel schlechter läuft. Der Bundestrainer muss halt für sich entscheiden, wen er haben will. Mit aktuellen Nationalspielern wie Fabian Wiede, Tim Suton oder Jannik Kohlbacher haben Sie in der Jugend in Auswahlteams zusammen gespielt. Sind die alle bereits ein Stück weiter?

Das ist auch alles positionsbezogen. Auf Links- und Rechtsaußen sind wir unglaublich stark besetzt. So ist ein Uwe Gensheimer auf der linken Seite noch lange gesetzt – wenn er weitermacht. Das hängt aber auch viel mit der Wahrnehmung zusammen. Die meisten sind seit vielen Jahren dabei, müssen aber auch irgendwo mal angefangen haben. Auf dem Niveau ist der Unterschied dann irgendwann nicht mehr so groß. Das, was den Ausschlag gibt, ist sicherlich Erfahrung und die Frage, ob der Bundestrainer einem die Chance gibt oder nicht und ob man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Das erste Spiel im Nationaldress gegen die Schweiz ist für Sie eher unglücklich gelaufen. Inwiefern knabbern Sie daran?

Danach war ich nicht gut drauf, weil ich mir für mein Debüt von mir persönlich eine bessere Leistung erhofft habe. Allerdings hab ich das Ganze dann auch Revue passieren lassen und denke, jeder der mich anhand eines Spieles beurteilen möchte, der kann das gerne tun. Ich werde es nicht tun. Ich war froh, dass ich die Erfahrung machen durfte. Gab es denn eine Rückmeldung vom Bundestrainer?

Nein. Ein Schaumburger Junge in der Nationalmannschaft. War das schon immer Ihr Traum?

Früher als ich mit meinem Bruder in unserer Scheune Handball spielte, haben wir gesagt: Jetzt spielt Deutschland gegen Schweden. Wenn ich so zurückdenke, war das eigentlich schon immer so ein Ziel von mir. Dafür habe ich jeden Tag trainiert. Und nicht nur, um einmal dort zu spielen, sondern auch, um mehrere Spiele zu machen. Also Handballer aus Leidenschaft?

Ja, meine Mutter sagt mir auch immer, dass meine Blicke und Körpersprache eindeutig sind. Aber die kennt mich auch gut (lacht).

Die Außenposition ist ein guter Job, um im Handball verletzungsfrei zu bleiben. Auf der anderen Seite kann man sich profilieren, weil man spektakuläre Tore werfen kann, oder?

Früher wurde immer gesagt, Außen ist der einfachste Job, den man in der Liga haben kann. Das hat sich mittlerweile geändert, weil in vielen Systemen die Außen mit eingebunden werden. Im Angriff bist du der Mann für die einfachen Tore. Aber wenn du die nicht machst, bist du nach zwei Spielzeiten raus. Die Leistungsdichte ist so hoch, dass du immer den Druck hast. Das ist auf jeder Position so. Deswegen würde ich da keine Positionen miteinander vergleichen wollen. In Skandinavien sollen die Außen besser ausgebildet werden.

Ich bin kein großer Fan davon, länderübergreifend zu vergleichen. Wird Deutschland Weltmeister, macht Deutschland in der Jugendausbildung alles richtig. Wird Dänemark Weltmeister, sind es die Dänen. Gibt es denn etwas, was du bei der deutschen Ausbildung kritisieren würdest?

Das Spielerprofil ist sehr häufig sehr ähnlich. Wenn du in Deutschland klein aber drahtig bist, dann bist du ein Außenspieler. Du kannst spielerisch zehnmal besser sein, aber du wirst niemals im Rückraum die Chance bekommen. Den deutschen Spielern fehlt es häufig an Spielwitz und die gewisse Straßenhandballer-Mentalität auf dem Platz. Das Individuelle sieht man viel zu selten. Da sind uns einige Länder schon voraus. Man sollte auch das Individuelle fördern – und nicht nur das System. Stand bei Ihnen schon immer fest, dass Sie Handball spielen?

Ich bin durch meinen Vater und meinen Bruder zum Handball gekommen. Ich habe allerdings auch Fußball und Tennis ausprobiert. Ich hab selbst die Trommel im Musikkurs geschwungen. Ich bin auch definitiv nicht der schlechteste Fußballspieler in unserer Mannschaft. Trotzdem war es immer so, dass Handball mir am meisten Spaß gemacht hat und ich da auch immer am besten war. Schaut man mit einem weinenden Auge auf die Fußballprofis und bereut, aus finanzieller Sicht, dass man sich für Handball entschieden hat?

Ich werde niemals in meinem Leben auf einen Fußballer neidisch sein, weil ich mir meinen Beruf ausgesucht habe und ich damit glücklich bin. Ich war im Sportinternat und habe gesehen, wie Judoka, Wasserballer, Turner oder Leichtathleten trainieren und ackern. Dann kann man die mal fragen, ob die auf uns neidisch sind. Du hast eine Ausbildung bei der Sparkasse abgeschlossen. Entwickelt man da eine gewisse Demut?

Auf jeden Fall. Deswegen glaube ich schon, dass selbst Handballer in der Ersten und auch noch in der Zweiten Liga unglaublich privilegiert sind.

Sie standen mit den Recken zum im Final Four des DHB-Pokals, spielen EHF-Cup, Nationalmannschaft – werden Sie auf den Straßen erkannt?

In Schaumburg nie, vielleicht aber auch weil ich dort in den Fußgängerzonen nicht so präsent bin. In Hannover haben die Recken über die Zeit schon einen Namen bekommen, haben sich auch als Marke hinter 96 absolut gefestigt. Da kommt es schon mal vor. Es ist jetzt nicht so, dass ich nie erkannt werde. Aber im Verhältnis zu Fußballern ist es schon anders. Fühlen Sie sich denn bei dem ganzen Trubel noch als Schaumburger oder verwischt das schon?

Auf jeden Fall fühle ich mich als Schaumburger. Ich bin, wenn wir freie Tage haben, echt häufig Zuhause in Riepen. Dadurch, dass ich seit meinem 14. Lebensjahr in Hannover lebe, bin ich auch Hannoveraner. Aber in mir schlägt das Schaumburger Herz.

Das Gespräch führten Isabell Remmers und Uwe Kläfker.

Ein Video finden Sie im Internet auf sn-sportbuzzer.de.