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Sportbuzzer-Zulieferung Otto Rehagel versäumt Kramers Tore
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12:08 08.05.2020
Der elegante und torgefährliche Mittelfeldspieler Klaus Kramer (rechts) bereut seine Entscheidung pro VfL Bückeburg nicht. Quelle: privat
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In jeder engeren Auswahl würde ein Name aber auf jeden Fall auftauchen: Klaus Kramer. „An einer Selbstdarstellung bin ich nicht interessiert“, teilte er uns in jeder Gesprächsanfrage der vergangenen Jahre mit. Er sei schließlich nur Teil einer Mannschaft des VfL Bückeburg gewesen, und früher wäre ohnehin nicht alles besser gewesen. Erst als wir versprachen, uns auch aktuellen Themen zu widmen, erst als wir zusagten, ihn keinesfalls zu erhöhen und auch seine verdienten Mitspieler ausreichend zu erwähnen, ließ sich Kramer sich zu einem Pressegespräch überreden.

„Ich bin schwer zu überzeugen“, klärte er uns gleich zu Beginn über eine seiner wichtigsten Charakter-Eigenschaften auf. Damit ist indirekt auch schon die Frage beantwortet, über die schon seit Jahrzehnten in Schaumburg spekuliert wird. Warum schaffte es dieser begnadete Fußballer eigentlich nie ins Profigeschäft? Gab es Angebote, und wie lief das damals genau ab? „Ja, es gab ein Gespräch“, berichtet Klaus Kramer, und zwar mit Göttingen 05, dem ehemaligen Zweitligisten, der vom Ex-Bayern- und 96-Star Karl-Heinz „Charly“ Mrosko trainiert wurde.

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Man traf sich ziemlich konspirativ in einem Hotel an der Autobahn, und natürlich war auch Kramers kongenialer Partner Fritz Kemker dabei. „Eigentlich passte alles – das Geld, ein Job bei den dortigen Stadtwerken“, erinnert sich Klaus Kramer. „Uns war aber nach dem Gespräch sofort klar, dass wir es trotzdem nicht machen.“

Später gab es bei einem Spiel beim TuS Steyerberg eine noch verrücktere Geschichte. Otto Rehhagel, Trainer des SV Werder Bremen, tauchte auf, angeblich, um sich das weithin bekannte Duo Kramer-Kemker anzuschauen. Der VfL Bückeburg spielte aber schlecht, lag zur Pause mit 1:3 hinten. Rehhagel verschwand und versäumte Kramers drei Tore in der zweiten Halbzeit und den 5:3-Sieg des VfL. Das war natürlich Pech.

Eine spätere Anfrage von Hannover 96, seinerzeit gerade unter dem legendären Werner Biskup mit dem Aufstieg in die Bundesliga beschäftigt, schlug Kramer kurzerhand aus. Er hatte sich längst entschieden, für den VfL Bückeburg und für einen Job als Schwimmmeister im herrlichen Bergbad, den er bis heute macht. Er war halt schon damals schlecht zu überzeugen. „Ich bereue an dieser Entscheidung für Bückeburg aber gar nichts“, stellt Kramer klar.

Seine Karriere begann 1977, als er als Jugendlicher sein erstes Herrenspiel machte, in der Bezirksklasse beim SV Engern. Sein leicht überforderter Gegenspieler war der Erste, der zu spüren bekam, dass hier ein Ausnahmefußballer heranreift. Es war die Zeit, als sich der VfL Bückeburg langsam nach oben arbeitete. Drei Männer waren damals wichtig für ihn: seine Jugendtrainer Günter Brüning und Werner Heinke, der vielleicht größte Glücksfall in der Vereinsgeschichte des VfL Bückeburg. Außerdem war der bereits erfahrene Wolfgang „Pimpf“ Voigt für die aufstrebende junge Truppe wichtig.

Klaus Kramer spielte lange in der ersten Herrenmannschaft des VfL Bückeburg, prägte die Erfolgsstory mit seinem eleganten Spiel im Mittelfeld, mit seinen Pässen, seiner traumhaften Ballbehandlung und mit seinen in vielen Fällen unvergleichlichen Toren. Er war der perfekte Vorbereiter für den schlitzohrigen Strafraumstürmer Fritz Kemker, der sein Spiel veredelte.

Doch es ist nicht etwa die Pokal-Mannschaft des Jahres 1990, die für ihn in herausragender Erinnerung bleibt. Der VfL Bückeburg traf als Gewinner des Niedersachsenpokals damals in der DFB-Pokal-Hauptrunde in Obernkirchen vor 6000 Zuschauern auf Eintracht Braunschweig. Zwar verlor man mit 0:2, hatte aber Pech, denn die von Uwe Reinders trainierte Eintracht war gerade in Topform, hatte wenige Tage zuvor gegen den FC Schalke 04 mit 5:1 gewonnen und kam im Pokal später bis ins Halbfinale.

Für den VfL Bückeburg war es trotzdem ein gigantischer Imagegewinn. Der Vereinsname erschien in der ARD-Sportschau, und mit Trainer Uwe Cording wurde eigens eine TV-Reportage gemacht. „Ich bewerte dieses Ereignis aber nicht so hoch“, überrascht Kramer mit seiner Aussage. Man habe seinerzeit stark vom Kunstrasen im Jahnstadion profitiert. Trotzdem sei die damalige Mannschaft mit Spielern wie Jens Struckmeier, Thorsten Kilb, Thomas Klatt, Andreas Köster, Andreas Paker, Andreas Bomba, Jens Pilzecker, Wolfgang Voigt, Fritz Kemker, Thomas Kusch und Ralf Reichelt natürlich eine ganz starke Truppe gewesen.

Noch intensiver seien ihm aber die Ereignisse von 1999 im Gedächtnis geblieben. „Ich war froh, dass ich als 40-Jähriger überhaupt noch mitspielen durfte“, erzählt Kramer. „Die anderen mussten für mich mitlaufen.“ Es war sein vorletztes Spiel, und es ging gegen den Barnstorfer SV, da passierte es: Kramer machte mit drei Toren den Aufstieg in die Niedersachsenliga perfekt, wurde im wahrsten Wortsinn auf Händen getragen. Er empfand es als das wertvollste Spiel seiner Laufbahn. „Und es war der beste Abschluss, den ich mir wünschen konnte“, sagt er.

Viele Spieler in der von Ralf Fehrmann trainierten Mannschaft – wie Timo Nottebrock, Jean-Paul Thom, Roland Blaume, Ralf Reichelt, Martin Prange oder Johann Schefer – sind auch heute noch im heimischen Fußball fest verankert. Unvergessen aus dieser Zeit sind für ihn auch Tim Näfe und der bei einem Autounfall tödlich verletzte Craig Hailes. „Er und Fritz Kemker waren bessere Fußballer als ich“, behauptet Kramer, der in Bückeburg eine Berühmtheit ist, auch weil er der halben Stadt das Schwimmen beibrachte. Dass Kollegen wie sein ehemaliger Chef Eitel Radeck in den vielen Fußballjahren seine Wochenenddienste übernahmen und dem Fußballer dadurch vieles ermöglichten, weiß Kramer zu schätzen.

Doch wie blieben ihm die Trainer in Erinnerung? „Karl-Heinz Drinkuth war der General, Dittmar Schönbeck und Ralf Fehrmann fanden immer den richtigen Ton, weil sie selbst gespielt hatten“, erinnert er sich. Wichtige Weggefährten seien natürlich auch Hans-Jürgen Hößler und sein sozial eingestellter Mitspieler Uwe Völkening gewesen, der seinerzeit studierte und später als Professor Doktor Vorsitzender der VfL-Fußballabteilung wurde.

Klaus Kramer ist mittlerweile 61 Jahre alt, und er ist bei fast allen Heimspielen im Jahnstadion dabei – völlig entspannt, immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Was hat sich im Fußball verändert? „Alles“, sagt Kramer. Aber es sei nicht unbedingt alles schlechter. Smartphones habe es halt damals noch nicht gegeben, und dass in der Kabine eine Kiste Bier kaum noch Abnehmer findet, sei ja eigentlich ganz vernünftig. Die Eltern von heute seien kritischer als früher, und auch den VfR Evesen mit seinem finanzstarken Unterstützer Wilfried Krömker sehe er durchaus positiv. Nur solle man doch bitte nicht ständig ein Staatsgeheimnis daraus machen, dass die Spieler Geld für die Ausübung ihres Sportes erhielten.

Wenn sich der gelassenen und zufrieden wirkende Kramer überhaupt über etwas aufregen kann, dann ist es die aktuelle Lage im Profifußball der Bundesliga. „Große Teile der Bevölkerung stehen vor dem Ruin, aber Deutschland macht sich Gedanken über die Blase Bundesliga“, schimpft er. Nach dem Videobeweis, nach immer höheren Millionen-Gehältern, nach Privatjets, mit denen die Spieler anreisen, seien die jetzt geplanten Geisterspiele in seinen Augen eine weitere Geschmacklosigkeit.

Klaus Kramers Schwimmbad ist wegen der Corona-Krise geschlossen, er selbst ist in Kurzarbeit, und er ist überzeugt: „Wenn sich an dem überzüchteten System des Profifußballs nach der Krise nicht grundlegend etwas ändert, dann werden sich die Leute abwenden.“ Bei ihm sei das schon längst passiert.

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