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Schneller als Peiffer und Björgen

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19:13 28.06.2020
Auf ins Abenteuer: 1975 startet Walter Ostermeier erstmals beim Wasa-Lauf in Schweden. Quelle: privat
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Als diese Jahreszeit in Schaumburg noch ausgeprägter war, gab es durch Schaumburger Sportler durchaus beachtliche Leistungen im Nordischen Skisport, Biathlon und auch auf Rollski. Das Zentrum der Bewegung war der Bückeberg und ist ganz eng mit dem Namen Walter Ostermeier und seiner Familie verknüpft. Der langjährige Kreisjugendpfleger und Vorsitzende des Ski-Clubs Stadthagen (seit 1975) hat einige Geschichten und Anekdoten auf Lager, wenn es um seine Leidenschaft geht. Ein Schaumburger lag im Jugendbereich in den Ergebnislisten öfter vor dem späteren Olympiasieger und Weltmeister Arnd Peiffer. Und die Norwegerin Marit Björgen, die erfolgreichste Winterolympionikin aller Zeiten, spielt in dieser Geschichte, die nicht ohne mit einem Schwenk über das Schullandheim Frossee auskommt, auch eine Rolle.

„Der Niedersächsische Skiverband (NSV) hat früher in der letzten Ferienwoche immer ein Trainingslager im JBF-Centrum auf dem Bückeberg durchgeführt“, sagt Ostermeier. In den niedersächsischen Verbandsmannschaften der neunziger Jahre seien etwa 50 Prozent Schaumburger Jugendliche gewesen, erinnert sich der Vehlener. Chris Blaume war eines der Talente. „Wenn ich in alten Ergebnislisten blättere, liegt Chris einige Male vor Arnd Peiffer und war gut dabei.“ Dass es für Blaume – der mit Peiffer bei Lehrgängen oder Wettkämpfen auch schon mal das Zimmer teilte – und die anderen Schaumburger Jugendlichen im Biathlon nicht zu höheren Weihen reichte, lag auch am damals eröffneten Ski-Internat Harz in Clausthal-Zellerfeld. „Den Weg sind unsere nicht mitgegangen“, sagt Ostermeier. Blaume entschied sich für das normale Abitur und blieb in Stadthagen. „Es wäre für mich im Sport sicher etwas möglich gewesen“, sagt Blaume. Aber das sei schwer einzuschätzen und ein „was-wäre-wenn“ mache keinen Sinn, so die Führungskraft des Pumpenherstellers ITT Bornemann.

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Im Bückeberg verbesserten die NDS-Sportler auf Rollski ihre Ausdauer und arbeiteten an der Athletik. Aber es gehörte auch der Grillabend in Familie Ostermeiers Garten dazu. „Da haben mir Arnd Peiffer und Daniel Böhm regelmäßig die Äpfel vom Baum geschossen – aber mit einem Fußball“, amüsiert sich der Rentner noch heute.

Aber auf Ostermeiers Grundstück wurde auch „scharf“ geschossen. Als Trainer fehlte es dem Sozialpädagogen nicht an Einfallsreichtum. Unter der Woche wurde in der Doppel-Garage mit Luftgewehren das Schießen auf Klappscheiben geübt, Strafrunden mussten die Kids in der Siedlung absolvieren. „Und am Wochenende haben wir in der ehemaligen Raketenstation auf dem Bückeberg trainiert“, sagt Ostermeier, der für einen Trainerschein noch mal die Schulbank drückte und im Rahmen der Ausbildung in Ruhpolding für eine Woche die mit vielen Medaillen dekorierte Biathletin Uschi Disl betreuen durfte.

Apropos Ruhpolding: Nach ersten „Gehversuchen“ in anderen Heimen und Gebieten organisierte Ostermeier 1981 die erste Frossee-Freizeit seines Ski-Clubs im Jugendheim des Landkreises. Zahlreiche talentierte Jugendliche blieben damals beim Langlauf hängen, wurden Mitglied im SCS und mitunter später vom NSV gesichtet, „und zu Deutschen Jugendmeisterschaften mitgenommen“, weiß Ostermeier – „wie Kai-Peter Teppich aus Enzen.“

„In Frossee hat es auch mit Biathlon begonnen“, erinnert sich Ostermeier, der seine Kontakte spielen ließ und Peter Angerer zum Talk einlud. Die Schüler fragten dem Bayern ein Loch in den Bauch, Ostermeiers Tochter Ilka saß als kleines Kind beim Olympiasieger auf dem Schoß. Anscheinend eine Initialzündung, denn Ilka startete durch, wurde in Altenberg deutsche Jugendmeisterin und schaffte den Sprung ins Ski-Gymnasium in Oberhof. Eine Konkurrentin war die gleichaltrige Andrea Henkel (Jahrgang 1977), die ab 2000 zahlreiche WM-Medaillen einsammelte, 2002 in Salt Lake City im Einzel und in der Staffel Olympia-Gold holte. „In der Jugend war Ilka in Wettkämpfen oft besser, hatte es aber als erste Westdeutsche in Oberhof nicht leicht“, sagt Walter Ostermeier, der mit seiner Frau Brigitte die Laufbahn der Tochter immer unterstützte. Aber: „Sie wurde dort als `Wessie-Ziege´ gemobbt“, berichtet der Vater, stieg deshalb beim Training schon mal in alte Klamotten, ließ die neue Adidas-Kluft im Schrank. In der Schule lief es dagegen gut, als die Schaumburgerin bereits ihr Abitur baute, war Henkel noch nicht soweit und hatte dadurch auch im Training Vorteile. Ilka war im deutschen B-Kader, schaffte den Sprung in den A-Kader nicht, auch, weil Sportlerinnen wie Simone Greiner-Petter-Memm vom Langlauf zum attraktiveren Biathlon wechselten – und Plätze blockierten. „Wir hätten vielleicht nach Ruhpolding wechseln sollen“, denkt Ostermeier über verpasste Chancen nach. „Aber das ist Spekulation, wir waren halt keine Thüringer oder Bayern“

Seine Tochter konzentrierte sich anschließend auf ein Medizin-Studium bei der Bundeswehr – und sportlich wurde der Schwerpunkt auf den Rollskilauf verlagert. Bei der ersten Weltmeisterschaft dieser Sportart in den Niederlanden holte Ilka die Silbermedaille, kickte eingangs die bereits erwähnte Marit Björgen im Halbfinale raus. Den Endlauf entschied die spätere Langlauf-Olympiasiegerin Vibeke Skofterud knapp für sich. Die Norwegerin verstarb vor zwei Jahren bei einem tragischen Unfall.

2002 holte sich Ilka Ostermeier in Italien die WM-Goldmedaille im Sprint. „Das war ein tolles Erlebnis für die Familie und mitgereiste Unterstützer des Ski-Clubs“, sagt Walter Ostermeier. Dessen Tochter heißt inzwischen Niemeyer, hat zwei Kinder, ist Ärztin bei der Bundeswehr und engagiert sich als Abgeordnete im Kreistag in der Kommunalpolitik.

2006 absolvierte der Schaumburger zum zweiten Mal den berühmten Wasa-Lauf in Schweden über 90 Kilometer. Während Vater Walter nach schweißtreibender Vorbereitung auf Rollski im Bückeberg etwa drei Stunden schneller war als beim ersten Mal im Jahr 1975, wurde die Tochter als 44. von 1500 Frauen – und beste Deutsche.

Der Skisport im Bückeberg ist wegen Schneemangels Geschichte. „Da passiert nichts mehr“, weiß Walter Ostermeier und klingt dabei traurig. Aber die sportliche Bilanz kann sich durchaus sehen lassen – „auch, wenn der Weg oft über Frossee führte.“