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Wilhelm Bredemeier mobilisiert die Massen

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11:14 17.01.2021
Ein seltenes Bild: Wilhelm Bredemeier in den sechziger Jahren im Kreise einer seiner Nachwuchsmannschaften. fotos: pr.
Ein seltenes Bild: Wilhelm Bredemeier in den sechziger Jahren im Kreise einer seiner Nachwuchsmannschaften. fotos: pr.
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von jörg bressem DECKBERGEN

Nach ihnen werden Straßen benannt, sie bleiben in Erinnerung. Die fleißigen Leute in der zweiten Reihe geraten dagegen schnell in Vergessenheit – trotz allen Einsatzes, trotz der Tatsache, dass die Menschen ihnen oft viel mehr zu verdanken haben. Doch es gibt eine angenehme Ausnahme. Beim SC Deckbergen-Schaumburg benannten sie den jährlichen Preis für überragende ehrenamtliche Leistungen nach einem ehrlichen Handwerker aus dem Hintergrund, der es zu großer Berühmtheit brachte, der sogar die Massen mobilisieren konnte: Wilhelm Bredemeier.

Dass es nicht leicht ist, Fotos von ihm zu aufzutreiben, hat seine Gründe. „Sobald es um Anerkennung ging, sobald jemand bei einem Sieg oder einer Meisterschaft ein Erinnerungsfoto machen wollte, dann verzog sich Wilhelm schnell nach ganz hinten“, beobachtete Bernd Riesner schon als Kind. Er war einer der ungezählten Jungs aus Deckbergen und Schaumburg, denen Bredemeier den Fußballsport ermöglichte – als Betreuer, als Manager, als Trainer, als Macher schlechthin. Wilhelm kümmerte sich um alles, lotste die Kinder zum Fußball, pfiff die Spiele, packte sein Auto bis obenhin mit Jungs voll, fuhr mit ihnen zu den Auswärtsspielen. „Als er auf einen Audi 100 umstieg, wurde es komfortabler für uns“, erinnert sich Wilhelm Sieker, der ihm ebenfalls viel zu verdanken hat und Trainer des SC aus Deckbergen und Schaumburg ist.

Dass beide Dörfer wie heute in friedlicher Fusion vereint sind, wäre früher undenkbar gewesen. Zusammengearbeitet wurde lediglich im Jugendbereich, dort lief es, dort kümmerte sich schließlich Wilhelm Bredemeier. Sobald die Spieler aber in die Herren aufstiegen, pflegten Deckbergen und Schaumburg eine Rivalität der explosiveren Art. Oben auf dem Sportplatz an der Schule waren es Helden wie Robert Requardt, Wilfried Stemme, Rainer Klein, Manfred und Friedhelm Skoruppa, Klaus Riesner, Andre Magura, Dieter „Tunker“ Krüger und Hartmut Bradt aus der großen Bradtschen Fußballdynastie. Doch auch unten an der Bundesstraße 83 bei den Rot-Weißen vom SV Schaumburg wurde seinerzeit guter Fußball gespielt. Dort waren Spieler wie Rolf und Günter Waltemathe, Dieter und Siegmund Borst, Klaus Schelske, Thomas Groppe und Werner „Köttel“ Werhahn die Heroen. In Deckbergen und Schaumburg gab es eine heute kaum vorstellbare Talentdichte. Die Duelle waren Festtage für die Bevölkerung, nicht zuletzt, weil beide Sportplätze bei einem Spaziergang am Sonntagnachmittag fußläufig gut zu erreichen waren. Gemütsmensch Wilhelm Bredemeier kümmerte die Gegnerschaft wenig. In seiner Jugendarbeit gab es zwischen Deckbergen und Schaumburg längst keinen Unterschied mehr. Insofern war für ihn sicher auch die Fusion beider Vereine im Jahr 1996 die Herstellung einer Selbstverständlichkeit, für die sich lange Jahre auf den Jahresversammlungen trotzdem keine Mehrheiten fanden und wegen der es auf beiden Seiten sogar Austritte gab.

Junge Spieler nahmen ihren Jugendleiter bisweilen als bestimmend wahr, doch in Wahrheit machte Wilhelm Bredemeier nur klare Ansagen, war sogar ein äußerst empfindsamer Typ. „Als wir mit der A-Jugend in das Kreisfinale einzogen, liefen Tränen über sein Gesicht“, erinnert sich Bernd Riesner. Schließlich war Bredemeier es, der die Jahrgänge begleitete, der unendlich viel Energie in die Mannschaften steckte. „Er hat uns in gewisser Weise erzogen, auch zu Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit“, sagt Sieker. Bredemeier schaute in der Woche auf den Bolzplätzen vorbei und erinnerte dann: „Samstag, Jungs, denkt dran!“

Auch Reinhard Stemme, der aus Deckbergen stammt und später bei Vereinen wie dem SV Nienstädt 09 oder dem FC Stadthagen viel bewirkte, wurde von Bredemeier zum Fußball gebracht. „Er machte nicht alles selbst, er konnte auch delegieren und gab allen eine Aufgabe“, erinnert sich Stemme. „Wilhelm hatte immer eine Lösung.“ Sogar für Stemmes Hüftverletzung. Bredemeier überredete ihn, als Schiedsrichter dem Fußball treu zu bleiben. Dass es mit Spielern und Trainern wie Thorsten Rinne, Thorsten Lorenz, Bernd Riesner und Wilhelm Sieker etliche weitere Exporte gab, ging ebenfalls auf den funktionierenden Nachwuchsbetrieb in Deckbergen und Schaumburg zurück.

2001 aber, da brauchte Bredemeier plötzlich selbst Hilfe. Er war krank, hatte Krebs, machte in typischer Weise zunächst aber nicht viel Aufsehens darum. Seine Partnerin Brigitte Hering, die ebenfalls im Verein aktiv war, übernahm die Initiative. Für den mittlerweile 56-jährigen Wilhelm Bredemeier wurde in der Deckberger Schule eine Typisierungsaktion durchgeführt. Gesucht wurde ein Stammzellspender. Spätestens jetzt zeigte sich, welch unglaubliche Wertschätzung Wilhelm Bredemeier sich über die Jahre weit über die Ortsgrenzen hinweg erarbeitet hatte, wie beliebt er war. Alle wollten helfen, Deckbergen war zugeparkt, Wilhelm bewegte im wahrsten Wortsinn die Massen. Dass die Aktion sogar erfolgreich war und ein Spender gefunden wurde, war umso schöner.

Doch die gewohnte Arbeit als LKW-Schlosser war nicht mehr möglich. Bredemeier startete ehrenamtlich quasi in eine zweite Karriere, kümmerte sich gemeinsam mit seinem Freund Helmuth Krüger fortan um den Rasen des Sportplatzes. Das Ergebnis hätte selbst beim Greenkeeper des Wembley-Stadions ungläubiges Staunen hervorgerufen. Der Deckberger Rasen war mehr Teppich als Wiese. Kaum waren die Spiele beendet, beseitigte Wilhelm Bredemeier mit einer Pitch-Gabel, die eigentlich nur beim Golf verwendet wird, kleinste Unebenheiten.

2016 starb der große Wilhelm Bredemeier aus Deckbergen und es ist eine schöne Geste, dass ihm, dem grandiosen Spielmacher aus der zweiten Reihe, mit dem Gedächtnispreis des SC Deckergen-Schaumburg in gewisser Weise auch ein Denkmal gesetzt wurde. Helmuth Krüger, Gisela Stasitzek und zuletzt Michael Seedorf waren die bisherigen Preisträger. Er war mit zwölf Jahren Arbeit als Jugendleiter der vielleicht wichtigste Nachfolger Bredemeiers. „Wilhelm war ein Vorbild, war immer da und er machte seine Ehrenämter aus purer Liebe zum Verein“, sagt Seedorf.