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Olympische Spiele Springen, fliegen, treten!
Sportbuzzer Themen Olympische Spiele Springen, fliegen, treten!
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10:35 10.08.2012
Sie springen,fliegen und treten. Spektakuläre Rennen liefern sich die BMX-Profis bei den Olympischen Spielen. Quelle: dpa
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London

Vor ihnen eine zwischen Stahlrohrtribünen implantierte Landschaft mit Hügeln, Wellen und künstlichem Grün, eine Modelleisenbahn in XXL. Noch rasen sie aber nicht die acht Meter hohe Rampe herunter. Noch unterhält der sogenannte Speaker. Und wie!

„Das hier ist BMX, die coolste Sportart auf dem Planeten.“ Der Typ Marke Sonnyboy, mit XXL-Shorts, mit XXL-Shirts, XXL-Cape und Ryban-Sonnenbrille redet ohne Unterlass. „Pump it up, get ready to go-o-o-o-o!” The Voice, die Stimme, macht das Publikum heiß. Denn nach den eher mäßig-unterhaltsamen Einzelrennen zum Auftakt gilt es jetzt im Duell Mann gegen Mann, Rad gegen Rad. Rampe hinabstürzen, mit vier Tritten von 0 auf 60, Wellen schlucken, wieder strampeln, in die Steilwand legen und nach knapp 40 Sekunden ins Ziel jagen. Springen, fliegen, treten.

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BMX ist schnell, spannend, spektakulär. BMX ist wie Punkrock, wie ein Tritt in den Hintern. Und der soll den Spielen auf die Sprünge helfen. Bogen- oder Pistolenschützen locken niemanden mehr vor die Bildschirme, es geht um neues Futter für die TV-Konsumenten, die wiederum wichtig sind für die Sponsoren. BMX ist der Versuch des Internationalen Olympischen Komitees, die Jugend zu umschmeicheln. Die Herren der Ringe öffneten deshalb dem Bicycle Moto Cross mit der Disziplin Race 2008 in Peking die Tore. Auch, um einen Gegenpol zu den in Amerika beliebten X-Games zu schaffen. Freestyle Motocross, Skateboard, Rallycross und Inlineskating ist bei den Spielen der anderen Art in. Beim Sommertreff derer, die mit dem organisierten Sport nichts am Hut haben, verdient Veranstalter „ESPN“ seit Jahren Milliarden.

„A shocking story!“ Die Stimme kommentiert, als wäre sie im Fernsehen. Als in einem der fünf Rennen der sechs Gruppen gleich sieben von acht Jungs stürzen, wird sie zum Donnergrollen, stöhnt die Tribüne „Ohhh“. Dabei ist im BMX nichts normaler als stürzen. Auch für Brooke Crain, die 19-jährige US-Amerikanerin. „Ich habe fünf gebrochene Handgelenke, habe mir zweimal meine Nase gebrochen, die Schulter ausgerenkt, die Ferse gebrochen, ja eine Menge Sachen“, zählt sie auf. Auch, dass sie immer noch Spaß habe. Zum London-Auftakt legte sie sich wieder hin, will heute aber im Halbfinale wieder am Start sein. Stürzen und aufstehen.

Die Deutschen, für die 2008 die Qualifikationshürde zu hoch war, sind bei ihrem Olympiadebüt schon wieder in der Zuschauerrolle. Luis Brethauer, 20, aus Aschaffenburg, und Maik Baier, 23, aus Bietigheim verpassten den Sprung unter die besten vier in ihrer Achtergruppe. „Ich bin zwar sehr enttäuscht, aber das ist das Coolste, was ich in meinem Leben erlebt habe“, sagte Baier und führte das Scheitern auch auf Standortnachteile in Deutschland zurück. „Wenn man als Formel-3-Fahrer gegen Formel-1-Fahrer antreten muss, kann das nichts werden.“

Die Szene liegt mit etwa 500 lizenzierten Rennfahrern in Deutschland noch brach. Es gibt nicht mal eine geeignete Bahn. „Seit BMX olympisch ist, dürfen wir wenigstens am Olympiastützpunkt in Stuttgart trainieren“, berichtet Bundestrainer Simon Schirle. Er ist mit 26 Jahren der jüngste Bundestrainer in der Olympia-Geschichte. Das passt zum Image, das auch die Sportler pflegen, wenn sie in ihren lässigen Shirts durchs Olympische Dorf trotten.

Jens Kürbis