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Mein Landleben Maikäfer-Abende
Thema Specials Spezial Mein Landleben Maikäfer-Abende
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19:30 12.05.2017
Die Temperaturen steigen und die Maikäfer fliegen wieder. Quelle: Weber

Wir erlebten einen Bilderbuch-Tag – so harmonisch, dass keiner diesen Ort am Abend verlassen wollte. Und so waren wir noch dort, als die Dämmerung einsetzte und um uns herum ein Brummen ertönte.

Das Geräusch schien über uns zu sein. Manchmal nah, manchmal fern. Und es nahm zu. Die Köpfe in den Nacken gelegt, blickten wir zum Himmel und entdeckten bald die Verursacher des Brummens – Maikäfer. Mehr und mehr. Als wäre in nur wenigen Minuten die gesamte Maikäfer-Population aus der Erde gekrochen. Zum ersten Mal bekam ich eine Vorstellung von der Zeit, als Maikäfer noch eine Plage darstellten. Uns jedoch begeisterte der Anblick – Maikäfer in Massen waren eine Sensation. Wie Kleinkinder riefen wir: „Noch einer!“ Oder: „Da, im Baum!“ Und schließlich drehten sich alle Gespräche um Maikäfer. Dass sie früher, wie ich es nur noch von Kartoffel-Käfern kenne, eingesammelt wurden.

Eiweißreiche Maikäfer

Irgendjemand erzählte etwas von Maikäfer-Suppe. Ehrlich jetzt? Am nächsten Tag ging ich der Sache nach. Im Kochbuch meiner Oma, von 1951, war kein Rezept zu finden. Im Internet dagegen schon. Über einem abfotografierten Kochbuch-Ausschnitt stand in Sütterlin-Schrift: „Schwächlichen Personen und Reconvalescenten sehr zu empfehlen.“ Wahrscheinlich weil dreißig Maikäfer – so viele verlangte das Rezept – sehr eiweißreich sind. Tatsächlich hat man Maikäfer früher auch kandiert, wohl für die Suppen-Verweigerer unter den Kindern, zu denen ich gezählt hätte. Armer Maikäfer. Zumal das Tier, bevor es überhaupt das Tageslicht erblickt, vier Jahre als Engerling in der Erde verbringt. So lange braucht es für seine Entwicklung. Traurig, dachte ich. Schließlich währt das Leben des Maikäfers unter freiem Himmel nur wenige Wochen. Das war‘s dann. Ich empfand Mitleid mit dem Maikäfer, der seine Jugend im dunklen Erdreich verbringt, kurz zum Fressen und Vermehren hervorkriecht und sich nur in den Abendstunden aktiv zeigt.

Tage später, ich war wieder bei meiner Freundin, sah ich ihren Sohn in seinem abgedunkelten Zimmer liegen. Er hörte Musik. Oder dämmerte so vor sich hin. Am Abend kam er in die Küche, brummte einen tiefen Gruß, stopfte eine riesige Portion Nudeln in sich hinein und fuhr zu seiner Freundin. Also irgendwie erscheint mir die Maikäfer-Entwicklung jetzt gar nicht mehr so unmenschlich. Weber